01. März 2022 / 12:32 Uhr

Mintzlaff hoch emotional: "Warum findet überhaupt noch ein Fußballspiel statt?"

Mintzlaff hoch emotional: "Warum findet überhaupt noch ein Fußballspiel statt?"

Antje Henselin-Rudolph
Leipziger Volkszeitung
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RB Leipzigs Vorstandschef Oliver Mintzlaff kämpfte mit seinen Emotionen. © Screenshot
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In einer emotionalen  Brandrede hat sich RB Leipzigs Vorstandschef Oliver Mintzlaff zur Absage des Europa-League-Spiels gegen Spartak Moskau und die öffentliche Kritik am nicht ausgesprochenen Boykott durch den Club sowie an seiner Person geäußert. Dabei kämpfte der Fußball-Manager mehr als einmal mit den Tränen und stellte eine neue, ganz grundsätzliche Frage.

Leipzig. Lange hatte RB Leipzigs Vorstandschef Oliver Mintzlaff geschwiegen, für den Geschmack zahlreicher Fans, Journalistinnen und Journalisten zu lange. "Schäm dich, RB Leipzig!", war zu lesen, weil der Bundesligist nach der Auslosung für das Europa-League-Achtelfinale gegen Spartak Moskau nicht sofort einen Boykott verkündet hatte. Statt dessen hatte RB in einer ersten Stellungnahme mitgeteilt, auf eine friedliche Lösung im Konflikt zwischen der Ukraine und Russland zu hoffen, die sich mit jeder Stunde mehr auswuchs zu einem völkerrechtswidrigen Krieg. Am Dienstag nun erschien Mintzlaff unangekündigt auf der Pressekonferenz vor dem DFB-Pokalspiel gegen Hannover 96 - und machte seinem Herzen, machte seiner Seele Luft. In denkwürdigen rund 20 Minuten kämpfte der sonst stets kontrolliert auftretende Fußball-Manager dabei sichtlich mit den Gefühlen, musste mehr als einmal aufkommende Tränen unterdrücken.

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UEFA bat Leipzig darum, selbst zu entscheiden

Dabei gewährte er auch einen Einblick in die Geschehnisse hinter den Kulissen seit der Auslosung. "Ich habe noch in der Nacht Kontakt zu Alexander Ceferin aufgenommen, ihm unsere Gedanken mitgeteilt und nach seiner Sicht gefragt", so Mintzlaff. Ceferin ist Chef des europäischen Fußballverbandes UEFA, der die Europa League ausrichtet. Die Gedanken, das war offenbar ein wildes Gemisch. "Ist Boykott das richtige? Sport soll verbinden. Treten wir an, Treten wir nicht an", schilderte der 46-Jährige, der auch von einem "emotionalen Loch" angesichts des Krieges so nah vor der Haustür sprach. "Ceferin sagte: Ich verstehe das alles. Und es kann auch nur eine Entscheidung geben. Aber wir sind der Veranstalter des Wettbewerbs. Wir möchten die treffen."

Das heißt: Der Verband bat den Club, auf einen Boykott zu verzichten, wollte selbst absagen. Doch die UEFA brauchte eine Weile, nämlich bis Montagabend 18 Uhr. Erst zu diesem Zeitpunkt trat das für Entscheidungen dieser Art zuständige Exekutivkomitee zusammen. "Wir haben natürlich auf eine frühere Entscheidung gedrängt, hatten am Sonntag noch einmal intensiven Kontakt." Öffentlich hielt der Club die Füße still. Denn er wusste ja, was kommen würde. "Wir haben uns an das gehalten, was ich mit Alexander Ceferin besprochen habe. Wir haben nicht gewartet, bis jemand für uns eine Entscheidung trifft."

Fehler beim ersten Statement nach der Auslosung

Mintzlaff räumte am Dienstag Fehler in der Kommunikation ein, meinet damit allerdings nicht das Schweigen zu den Abläufen im Hintergrund. "Wir haben direkt nach der Auslosung ein Statement rausgegeben, das würden wir wahrscheinlich heute nicht mehr so rausgeben." Es sei nicht wankelmütig, Dinge neu zu bewerten. "Das tut die Bundesregierung, das tut die EU. Wir hatten am Freitagabend das Gefühl, dass es so nicht geht, und haben dann Kontakt zur UEFA aufgenommen. " Doch der RB-Chef sprang seinen Mitarbeitern auch bei, allen voran Domenico Tedesco, der geäußert hatte, ein Boykott treffe immer die Falschen. "Das waren Gedanken, die wir hatten. Entschuldigung, aber wir haben uns nicht tagtäglich mit einem Krieg beschäftigt. Wir sind Sportler hier. Natürlich haben wir eine gesellschaftliche Verantwortung. Und ich glaube, dass wir die hier in Leipzig in ganz vielen Bereichen und in ganz vielen Facetten wahrnehmen. Die Idee zu sagen, Sport verbindet, dafür müssen wir uns nicht schämen."

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Dass das öffentliche Feuer gegen den Club und ihn persönlich, nicht spurlos an ihm vorübergegangen ist, wurde deutlich, als Mintzlaff über den RB-Tellerand blickte. "Als Journalist hätte ich mal gefragt, warum findet denn gerade überhaupt noch ein Fußballspiel statt, wenn Krieg herrscht. Diese Frage habe ich nicht gelesen. Die könnten wir uns aber vielleicht dann alle mal stellen. Beim Spiel in Bochum war bis zum 1:0 eine tolle Stimmung. Da hat man nicht gespürt, dass die Welt gerade still steht, sich komplett verändert", so Mintzlaff. "Alle anderen Kriege sind weit weg. Die nehmen wir dann immer mal so zur Kenntnis, wenn wir morgens die Nachrichten anschauen und gucken, was da sonst noch so passiert in den 18 oder 20 anderen Kriegen. Das jetzt ist vor unserer Haustür. Deswegen macht uns das mehr Angst, macht uns mehr betroffen." Die Frage, ob RB Leipzig nur hinter dem Geld her sei, sei in diesem Zusammenhang keine. "So ein Schwachsinn! Das ist für mich nicht die richtige Frage. Die Frage wäre doch, wenn uns das alle so betroffen macht, können wir dann überhaupt Fußballspiele spielen. Oder müssten wir dann nicht sagen, das können wir nicht, denn jetzt ist gerade Krieg?"

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