13. Januar 2021 / 18:10 Uhr

Leipziger IAT-Leiter Ulf Tippelt: "Wir haben das Privileg, für den Spitzensport arbeiten zu dürfen“

Leipziger IAT-Leiter Ulf Tippelt: "Wir haben das Privileg, für den Spitzensport arbeiten zu dürfen“

Andreas Neustadt
Leipziger Volkszeitung
Hier schwitzt Kugelstoßer Christian Zimmermann: Das Leistungsniveau der deutschen Sportlerinnen und Sportler ist trotz Einschränkungen aktuell gut.
Hier schwitzt Kugelstoßer Christian Zimmermann: Das Leistungsniveau der deutschen Sportlerinnen und Sportler ist trotz Einschränkungen aktuell gut. © Christian Modla
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Digitaler Schub, neue Testmethoden, Datenaufbereitung: Das Institut für Angewandte Trainingswissenschaften (IAT) in Leipzig hat die vergangenen Corona-Monate gut genutzt. Viele Verbände absolvierten während der Pandemie vermehrt Leistungstests in der Messestadt, um zu sehen, wo sie stehen.

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Leipzig. Ulf Tippelt wirkt auch inmitten des Corona-Lockdowns optimistisch und aufgeräumt. "Wir haben das Privileg, trotz der aktuellen Einschränkungen gut mit den Spitzensportlern und ihren Trainern arbeiten zu dürfen. Dafür sind wir sehr dankbar", erklärt der Leiter des Instituts für Angewandte Trainingswissenschaft (IAT) in Leipzig erleichtert.

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Keine Chancengleichheit bei Olympia

Die Vorbereitung auf die Olympischen Sommerspiele (23. Juli bis zum 8. August) und die Paralympics (24. August bis zum 5. September) in Tokio läuft aktuell auch im IAT in der Marschnerstraße mit Leistungs- und Trainingsanalysen sowie daraus resultierenden Empfehlungen auf Hochtouren - auch wenn es noch immer jede Menge Fragezeichen gibt, ob und wie die beiden Jahres-Höhepunkte im Sommer stattfinden. Ulf Tippelt selbst ist aber fest davon überzeugt, dass die Spiele stattfinden werden. "Olympische Spiele sind für Spitzensportler das Highlight ihrer Karriere. Für viele Sportarten sind sie aber auch lebenswichtig, schon allein wegen der Medienpräsenz. Es werden jedoch in Tokio wegen der unterschiedlichen Auswirkungen der Pandemie definitiv andere Spiele, als wir sie kennen", ist er sich sicher. Es gebe schließlich noch viele offene Fragen - unter anderem zu den Themen "Qualifizierungen, Olympisches Dorf, Impfung, und Zuschauer. Auch die Frage nach dem Leistungsstand und der Chancengleichheit stelle sich. "Die Corona-Einschränkungen sind für die Athleten international sehr unterschiedlich.

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Schon jetzt ist klar, dass eine Chancengleichheit bei den Olympischen Spielen und Paralympics nicht gegeben sein wird. Wir sehen, dass die Länder unterschiedlich stark betroffen sind und dass sich die Infektionswellen zu verschiedenen Zeiträumen auf den Kontinenten zeigen." Dabei verweist Ulf Tippelt auf das digitale Wissensportal Coronavirus und Sport des IAT. " Dort sieht man, was derzeit im internationalen Sport alles stattfindet und wichtig ist." Trotz der Einschränkungen sei das Leistungsniveau der deutschen Sportlerinnen und Sportler aktuell gut, hat Ulf Tippelt im Gespräch mit den verschiedensten Mitarbeitern erfahren.

Damit der Sport sichtbar bleibt: IAT-Direktor Ulf Tippelt plädiert für Trainings- und Wettkampfformen mit entsprechendem Hygienekonzept.
Damit der Sport sichtbar bleibt: IAT-Direktor Ulf Tippelt plädiert für Trainings- und Wettkampfformen mit entsprechendem Hygienekonzept. © Christian Modla

Die große Herausforderung der Corona-Pandemie sei es, das Training und die Leistung trotz fehlender Wettkämpfe und eingeschränkter Trainingsmöglichkeiten hochzuhalten. "Der Wettkampf ist für jeden Sportler die Triebfeder für das tägliche Training. Vom Wettkampf lebt schließlich auch der Sport insgesamt." Anstatt sich, wie zu dieser Jahreszeit normal, im Trainingslager im warmen Ausland auf die bevorstehenden Höhepunkte vorzubereiten, müssen sich die deutschen Spitzensportlerinnen und -sportler derzeit im Heimtraining für die anstehende Saison in den Sommersportarten fit machen. "Da ist aktuell in fast allen Sommersportarten viel Improvisation nötig. Sowohl Sportler als auch Trainer und Betreuer müssen dabei permanent umplanen", erklärt Ulf Tippelt. Viele Verbände nutzen die aktuelle Zeit zu Leistungstests im IAT, um zu sehen, "wo sie stehen". Aufgrund der fehlenden Wettkämpfe hätten vor allem im Herbst sogar mehr Athletinnen und Athleten die Testkapazitäten des IAT genutzt, als in normalen Jahren - natürlich immer mit den nötigen Abständen und Hygienemaßnahmen. Darauf achten die Sportlerinnen und Sportler selbst sehr genau.

Deutschen Spitzenathleten nutzen derzeit vermehrt die Testkapazitäten des IAT.
Deutschen Spitzenathleten nutzen derzeit vermehrt die Testkapazitäten des IAT. © Christian Modla

So absolvieren die besten deutschen Schwimmerinnen und Schwimmer ab dieser Woche eine große Testreihe im Rahmen der Leistungsdiagnostik, die Leichtathleten oder Turner analysieren IAT Mitarbeiter im Trainingszentrum Kienbaum. Voraussetzung für die Teilnahme an solchen Maßnahmen ist dort ein negativer Corona-Test. Diese werden im Regelfall über die verschiedenen Sportfachverbände durchgeführt, in Ausnahmefällen führen auch die medizinischen Mitarbeiter des IAT die sogenannten PCR-Tests durch. Auch die beteiligten IAT-Mitarbeiter werden natürlich regelmäßig getestet. Positive Fälle hat es am Institut bislang weder unter den Mitarbeitern noch unter den am IAT betreuten Athleten und Trainern gegeben. Natürlich kommen auch die aktuell 125 IAT-Mitarbeiter in ihrem Arbeitsalltag nicht an den Corona-Einschränkungen vorbei - vor allem im Bereich der Wettkampf-Beobachtung, die derzeit nur sehr eingeschränkt möglich ist. Aktuell sind etwa 30 Prozent der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Institut in der Marschnerstraße zu finden. Die anderen sind entweder im Home Office oder bei den verschiedenen Wintersport-Wettkämpfen unterwegs - wie beim Biathlon-Weltcup in Oberhof.

Auswirkungen beim Nachwuchs unklar

Die Corona-Pandemie habe aber für das IAT auch einiges Positives gebracht, "das man durchaus in die Nach-Corona-Zeit übernehmen sollte". So wurden viele Tests durchgeführt, die einige wertvolle Ergebnisse im Bereich der Leistungsdiagnostik gebracht haben. "Wir konnten die Trainingssteuerung über Datenbanken intensivieren und neue Testmethoden, unter anderem im Bereich Laufen/Gehen, erproben, ebenso wie neue Wettkampf-Analysemethoden. Insgesamt hat die Digitalisierung in den vergangenen Monaten einen deutlichen Schub erhalten, auch die technologische Entwicklung konnte vorangetrieben werden", freut sich Ulf Tippelt, der als Beispiele das Datenmanagementsystem IDA und die Gegner Taktik App für die Rückschlagspiele anführt: "Außerdem haben wir die Zeit genutzt, um viele Daten aufzubereiten und bereits den nächsten Olympiazyklus vorzubereiten. Dafür hätte im vergangenen Jahr in der normalen Olympiavorbereitung mit Sicherheit die Zeit gefehlt. In jeder Krise ist also auch eine Chance." Auch die Eröffnung des neuen Biomechanik-Zentrums im Juni 2020 ist für den IAT-Leiter ein wichtiger Schritt in die Zukunft.

Dennoch hofft er natürlich, dass so schnell wie möglich auch im Sport wieder Normalität einkehrt. Denn eines bereitet Ulf Tippelt große Sorgen: "Der Nachwuchs hat in der Pandemie keine Chance zu trainieren, auch die Wettkämpfe fehlen. Die Frage, wie sich die Pandemie auf die vielen Nachwuchssportlerinnen und -sportler ausgewirkt hat, wird uns in den kommenden Jahren stark beschäftigen. Ich bin dafür, Trainings- und Wettkampfformen die mit einem Hygienekonzept möglich sind, stattfinden zu lassen, damit der Sport sichtbar bleibt. Gerade für den Nachwuchs ist es wichtig zu sehen, dass es sich lohnt, die Motivation hoch zu halten." Außerdem vermisst der Dresdner bei den aktuellen Corona-Beschränkungen das Thema „Sport zur Gesundheitsprävention“, das beim ersten Lockdown im Frühjahr noch ein wichtiges Thema war. "Der Deutsche Olympische Sportbund hat im Frühjahr ein TüV-zertifiziertes Hygienekonzept erstellt. Zudem haben die Verbände und Vereine Hygienekonzepte erstellt. Das alles ist durch den zweiten Lockdown völlig in der Versenkung verschwunden. Infektionsschutz steht momentan an erster Stelle, aber er darf nicht ausschließlich im Focus sein. Da bleibt zu viel auf der Strecke."