07. April 2021 / 13:16 Uhr

Leipziger Judoka Branser trainiert für Tokio-Traum: "Lockdown ist für mich auch ein Segen"

Leipziger Judoka Branser trainiert für Tokio-Traum: "Lockdown ist für mich auch ein Segen"

Stephanie Riedel
Leipziger Volkszeitung
Olympia-Vorbereitung: Marie Branser arbeitet täglich mit ihrem Coach Tobias Mathieu.
Olympia-Vorbereitung: Marie Branser arbeitet täglich mit ihrem Coach Tobias Mathieu. © Stephanie Riedel
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Die Leipziger Judoka Marie Branser hat die Qualifikation für Tokio in der Tasche. Die 28-Jährige schuftet täglich mit ihrem Trainer Tobias Mathieu für das größte sportliche Ereignis – die Olympischen Spiele.

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Leipzig. Ein Handy steht angelehnt an eine Turnbank. Alle 30 Sekunden läuft ein Countdown herunter: drei, zwei, eins, go. Dann gibt Marie Branser 20 Sekunden Vollgas. Die Judoka des SC DHfK Leipzig trainiert Kondition und Wurftechnik. Nur zehn Sekunden bleiben für eine kurze Verschnaufpause.

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Volles Programm

Dabei wird hin und wieder gelacht. Auch fixe Absprachen mit ihrem Coach Tobias Mathieu trifft die 28-Jährige. Am anderen Ende des Raumes dudelt Musik aus einem Telefon in die sonst leere Halle. Athletin und Coach sind außer Atem. Das Programm verlangt alles ab. „Nur vier Minuten können der Tod sein auf der Matte“, verrät der Blondschopf. Dann läuft noch ein letztes Mal der Countdown der 20-Minuten-Einheit. Schwitzen für den olympischen Traum in Tokio.

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Auch die Tage bis zu den Olympischen Spielen sind gezählt. Die Deutsche wechselte 2019 die Nation und startet seither unter kongolesischer Flagge. Über die kontinentalen Quotenplätzen hat sie sich bereits für die Sommerspiele qualifiziert. Das bringt auch Neider mit sich. „Vor allem, nachdem ich im Dezember Afrika-Meisterin wurde.“ Doch geredet werde immer. „Ich gebe mehr auf Leute, die mich unterstützen.“ So auch auf ihren Coach Mathieu. Knapp drei Monate Vorbereitungszeit bleibt dem Leipziger Duo, das seit Anfang 2020 zusammen auf der Tatami steht.

Die eigentliche Trainingsstätte am Sportforum ist coronabedingt gesperrt. Die beiden schwitzen an der Sportwissenschaftlichen Fakultät. Das Gebäude der Uni ist menschenleer. Wo sich sonst Scharen von Sportstudenten tummeln, herrscht absolute Ruhe. Nur nicht in der Halle, wo hart gearbeitet wird. Der dumpfe Aufprall nach einem Wurf ist das Einzige, das durch die langen, leeren Gänge des altehrwürdigen Sportcampus hallt. Sechs Tage die Woche trainiert Marie Branser – neben der Masterarbeit im Sportmanagement und dem Mini-Job bei der Olympiasport Leipzig GmbH.

Herausforderungen fehlen

Nach dem Corona-Showdown im vergangenen Jahr war alles auf null gesetzt. „Der Lockdown ist für viele ein Fluch, für mich auch ein Segen“, betont die Messestädterin. „Ich hatte Zeit, intensiv zu arbeiten.“ Der Coach hat die Sportlerin nach vorne gebracht. Beide sitzen nun nebeneinander auf der rot-grünen Matte und entspannen nach einer harten Einheit. Die schweren Judoanzüge haben sie mittlerweile abgelegt. Auf Bransers rotem Shirt prangert der Schriftzug ‚Judo‘.

Andere Trainingspartner und globale Wettkämpfe sind coronabedingt die Ausnahme. Wodurch der internationale Vergleich mit Kolleginnen entfällt. Ob Branser und Mathieu dabei an sportliche Grenzen stoßen? Was Mathieu technisch ausgearbeitet habe, sitze natürlich. „Wir können acht Stunden etwas simulieren und miteinander kämpfen“, so der Heimcoach. Doch der 23-Jährige wisse mittlerweile, wie Marie reagiere und andersherum. Es fehle natürlich die Herausforderung sich in Turnieren messen zu können. Mathieu gehe es darum, an Details weiterzuschrauben. Sein Programm sei straff. Aber Marie wisse, worum es geht, habe genügend Eigenmotivation und ziehe in den Belastungsphasen durch.

Milieu und Macken

„Ja, wir wissen beide, wo Grenzen liegen“, gesteht die Sächsin. Zudem sei Judo bei Frauen anders als bei Männern. „Bei den Männern ist es hart, aber entspannter, da sie sich nicht gegenseitig die Augen auskratzen.“ Der Coach biete ihr die physischen Herausforderungen. „Doch die Aggressivität fehlt.“ Die Kampfsportlerin zieht aber „aus allem das Positive.“

Das dynamische Duo Tobias Mathieu und Marie Branser.
Das dynamische Duo Tobias Mathieu und Marie Branser. © Stephanie Riedel

Dass der DHfK-Trainer entspannt auf der Matte neben seiner Athletin sitzt, hätte Corona fast durchkreuzt. Mathieu musste zwei Tage aufgrund eines möglichen Coronakontaktes aus dem engeren Familienkreis vorsichtshalber zu Hause bleiben. „Da stehst du da und hast keinen Partner.“ Doch der Tonfall der Leistungssportlerin bleibt ruhig und bestimmt. Der Athletin komme das Selbstvertrauen zugute, welches sie sich in den letzten Monaten erarbeitet hat. Zudem steht ihr eine Sportpsychologin zur Seite. Auch der Coach federt ab. „Wenn ich am Rad drehe oder beim Training heule, fängt er mich auf und redet mit mir darüber.“ Das Trainer-Sportler-Vertrauen ist intakt.

Ob Mathieu eine Marotte habe? „Ja, eine absolute, er kommt immer nur mit halben Judoanzug zum Training. Hose, Gürtel und Jacke hat er heute Mal dabei“, sagt die Sportsfrau grinsend. Die Klamotten des Coaches liegen verteilt im Raum – auf der Tatami auf und neben einer Turnbank. Doch ohne Reibungspunkte kommt auch das harmonische Verhältnis nicht aus. „Die gibt es“, stellt der Trainer klar. „Was Marie gut kann, ist zuhören. Weil: Ich rede gern.“ Freude und Gelächter sind in der leeren Trainingshalle zu hören.

Tipps vom Trainer des Vertrauens

Derweil tüfteln beide über einem Fahrplan bis Juli, um die Motivation aufrechtzuerhalten. „Wir haben schon drei oder vier neue Wettkampfpläne gemacht. Weil sich alles verschoben hat“, so die Judoka. Marie Branser wünscht sich, dass sich alles ein bisschen normalisiert: „Für uns, für die Vorbereitung, dass wir bis Tokio durchziehen können.“

Wobei vor dem „uns“ noch ein großes Fragezeichen steht. Auf internationalem Terrain agiert der Leipziger Coach bisher nicht, da seine Kampfkünstlerin für den Kongo antritt. Das ließe die Sportlerblase nicht zu. Der für das afrikanische Land verpflichtete Nationaltrainer Petru Gherhis ist dann vor Ort. Doch vor jedem Wettkampf greift die U23-EM-Fünfte von 2014 zum Hörer und telefoniert mit dem Trainer ihres Vertrauens, Tobias Mathieu. Dass nun ausgerechnet die Vertrauensperson nicht mit nach Tokio fliegen soll? „Wir sind dran. Es ist mein größter Wunsch, dass Tobias mit nach Tokio kommt“, hofft die Olympiakandidatin auf einen positiven Ausgang.