24. April 2019 / 19:56 Uhr

Leipziger Judoka Marie Branser: Neues Kapitel als Afrikanerin

Leipziger Judoka Marie Branser: Neues Kapitel als Afrikanerin

Frank Schober
Leipziger Volkszeitung
Die Leipziger Judoka Marie Branser (blau) startet künftig für die zentralafrikanische Republik Kongo.
Die Leipziger Judoka Marie Branser (blau) startet künftig für die zentralafrikanische Republik Kongo. © imago/Eibner
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Die 26-jährige Leipziger Judoka Marie Branser startet künftig für die zentralafrikanische Republik Kongo.

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Leipzig. Ihre Bachelor-Arbeit an der Uni Leipzig hat sie bei Sportsoziologin Petra Tzschoppe zum spannenden Thema „Nationenwechsel im Judo“ geschrieben. Nun zieht Judoka Marie Branser von den Leipziger Sportlöwen ein solches Projekt selbst durch: Die 26-Jährige startet künftig für die zentralafrikanische Republik Kongo.

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Einmal Silber und dreimal Bronze hat die Halbschwergewichtlerin bei nationalen Titelkämpfen der Erwachsenen auf der Habenseite. „Auch im Januar habe ich wieder meine Leistung gebracht. Als dann die Nominierung für den Grand Slam in Düsseldorf ausblieb, war dies für mich ein deutliches Zeichen.“ Die Sportstudentin forcierte ihre Wechselpläne, die sie seit einiger Zeit schon im Hinterkopf hatte. Gut drei Monate später saß sie nach Ostern im Flieger nach Kinshasa, der Hauptstadt des Kongo, um letzte Passangelegenheiten zu klären. Eigentlich wollte sie sogar schon am Sonntag in Kapstadt bei den Afrikameisterschaften auf der Tatami stehen. Doch dafür wird die Zeit wohl zu knapp. „Womöglich sitze ich diesmal noch auf der Tribüne.“

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Marie Branser reiht sich in eine gar nicht so kurze Liste deutscher Athleten ein, die in der Fremde ihr Glück gesucht haben. Prominentestes Beispiel in Sachsen war zuletzt Biathlet Michael Rösch, der in seiner Ahnengalerie zwar weder einen belgischen Onkel noch Schäferhund aufweisen konnte, dennoch im Herbst seiner Karriere für das westliche Nachbarland in den Loipen und am Schießstand aktiv war. Langläufer Johann Mühlegg startete für Spanien, wo er sich mit Blutdoping-Betrug quasi selbst disqualifizierte. Einige Springreiter wie René Tebbel gehen seit 2015 für die Ukraine in den Parcours. Und die deutsche Top-Judoka Myriam Roper – nach Rio 2016 national aussortiert – wagte einen erfolgversprechenden Neuanfang für Panama, dem Heimatland ihres Vaters. In Leipzig erfüllte sich JCL-Judo-Ass Simon Yacoub in Rio seinen Traum von Olympia für Palästina, dem Geburtsland seines Vaters.

Judo-Verband des Kongos gibt schnell positive Reaktion

Von dem 29-Jährigen holte sich Marie Branser nun den ein oder anderen Tipp. Eine kongolesische Geburtsurkunde hat die Sächsin nicht daheim im Schrank. Dennoch habe sie vom Judo-Verband des Kongos sehr schnell eine positive Reaktion auf ihre Anfrage bekommen. Und letztlich gebe es sogar ein paar Wurzeln ins afrikanische Land: „Meine Großeltern und mein Onkel haben ein paar Jahre dort gearbeitet. Dadurch hat auch meine Mutti in ihrer Kindheit im Kongo gelebt.“

Marie Branser erfuhr im Laufe der Jahre: DM-Medaillen sind kein Garant für zahlreiche internationale Einsätze. Die Bundestrainer setzen bei Weltcups, Grand Slams oder Grand Prixs auf ihre klare Nummer eins in den sieben Gewichtsklassen – hinzu kommen junge, aufstrebende Athleten wie Medaillengewinner bei Junioren-WM oder -EM. Andere können sich eine „Liga“ tiefer bei den European Open beweisen. Hierfür übernehmen die Landesverbände die Kosten. Doch nicht unbegrenzt bis ins Seniorenalter. Marie wird in diesem Jahr 27. Aus dem Grund hat der Judoverband Sachsen ihr signalisiert: Die Förderung läuft aus.

Branser will sich Olympia-Traum erfüllen

Nun startet sie für ein Land, das eine recht erfolgreiche Fußball-Nationalmannschaft hat und bei den Olympischen Spielen in Rio mit zehn Athleten dabei war – unter anderem im Judo. Einen weiblichen Judoka habe Kongo in der erweiterten Spitze aber nicht. Marie Branser würde sich über den Umweg Afrika gern den Traum von Olympia erfüllen. Für sie zählt aber ebenso der „Mehrwert, viele Menschen und Städte kennenzulernen“. In den spannenden nächsten Wochen und Monaten wird sich manch Hürde vor ihr aufbauen. Sie hofft auf (finanzielle) Unterstützung für ihr Ziel – ihr Verein Leipziger Sportlöwen habe ihr ebenso Hilfe angeboten wie ihr Trainer Miguel Lopes.