24. November 2020 / 15:13 Uhr

Anekdoten aus dem Leben eines Fußball-Trainers: Leipziger Engel „Zwischen Himmel und Hölle"

Anekdoten aus dem Leben eines Fußball-Trainers: Leipziger Engel „Zwischen Himmel und Hölle"

Stephanie Riedel
Leipziger Volkszeitung
Engel lebt den Fußball – auch über die Rente hinaus.
Engel lebt den Fußball – auch über die Rente hinaus. © imago sportfotodienst
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Vor vier Jahren hat sich der Leipziger Frank Engel aus dem Fußballgeschäft verabschiedet. Was bleibt nach 40 Jahren hauptberuflicher Trainertätigkeit und als Zeitzeuge zweier politischer Systeme im Spannungsfeld Fußball? Der Trainer hat Himmel und Hölle erlebt und seine Erfahrungen, Erfolge und Niederlagen zu Papier gebracht.

Leipzig. Es braucht nicht immer einen Titel für die Annalen. Das zeigt das bewegte Trainerleben des Leipzigers und Ex-Fußballtrainers Frank Engel. Unter seinen Fittichen lernten RB Leipzigs Lukas Klostermann und Benny Henrichs, die Bayern-Stars Joshua Kimmich und Jerome Boateng. Gestandene Spieler wie Timo Werner und Max Kruse schwitzten ebenso unter Engel wie Niklas Süle, Kai Havertz und Julian Brandt. „Mit dem Einsatz bei U-Spielen steigt der Marktwert der Spieler und das Interesse der Clubs“, so der 69-Jährige, der zehn Jahre lang Deutschlands erfolgsversprechendste Talente in den U-Nationalmannschaften unter dem Dach des DFB coachte und bei Trainerlehrgängen die Übungsleiter auf Zack brachte.

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Fußball geht über alles – Freunde fürs Leben

Hier begegnete Engel auch dem damals blutjungen Julian Nagelsmann. Der damalige Nachwuchs-Coach der TSG Hoffenheim fiel während eines DFB-Lehrgangs durch seine flotte Zunge und sein selbstbewusstes Auftreten auf – inzwischen gehört er zu den begehrtesten Trainern der Branche.

DURCHKLICKEN: Bilder aus der Karriere von Frank Engel

Juli 1993: Frank Engel (Deutschland, li.) und Giovanni Trapattoni (Italien) anlässlich der WM-Neuauflage von 1974 zwischen BRD und DDR in Steinach. Zur Galerie
Juli 1993: Frank Engel (Deutschland, li.) und Giovanni Trapattoni (Italien) anlässlich der WM-Neuauflage von 1974 zwischen BRD und DDR in Steinach. ©

Nach 50 Jahren Trainerdasein als Coach im Osten und Westen, zwischen Nachwuchs und Profis, hängte Frank Engel 2016 die Fußballschuhe an den Nagel. Logische Konsequenz, vor allem in der Corona-Pandemie, ein Rückblick auf sein Leben in Form eines Buchs. „Ich fühle mich als Zeitzeuge. 30 Jahre nach der Wende hat man außerdem den nötigen Abstand“, erklärt er seine Ambitionen.

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An Material mangelte es nicht. Engel führte jahrelang akribisch Tagebuch. Zu lesen: eine Reise durch sein Leben, durch zwei politische Systeme, als Fußballer, Trainer und Ehemann. Der Autor und Protagonist nahm alles mit: Erfolge, Auf und- Abstiege, Entlassungen und Enttäuschungen. 1.000 Fußball-Spiele vom Nachwuchs der BSG Chemie Leipzig in der DDR bis zu den U-Nationalmannschaften des DFB. Ein Engel zwischen Himmel und Hölle. „Mein Job war der Himmel, weil ich mein Hobby zum Beruf gemacht habe“, verrät der Ex-Coach.. Die Hölle? „Momente entscheidender Niederlagen und wenn du gefeuert wirst. Aber es geht immer weiter. Man muss auch durch unschöne Situationen gehen."

Ulf Kirsten hängt auf Kokospalme

Frank Engel erblickte in Gohlis das Licht der Welt. Der kleine Bub war von Beginn an nicht vom Bolzplatz wegzudenken, debütierte als Balljunge bei Traktor Glesien beim Großvater auf dem Land und kickte mit dem Leipziger Kultcoach Achim Steffens wöchentlich im Rosenthal. Beide sind Freunde fürs Leben, noch immer ein Herz und eine Seele.

Über den SC Lok Leipzig heuerte Engel 1965 bei der BSG Chemie an. Dort begann auch seine Trainer-Karriere im Nachwuchs. Es folgte das Sportstudium an der DHfK Leipzig. Der Grundstein für seine Trainertätigkeit im Osten, die 20 Jahre andauern sollte, war gelegt. 13 Jahre fungierte er als Auswahltrainer der DDR, coachte 195 Länderspiele der aufstrebenden Nachwuchskicker. „Ich habe sechs Jahre Ulf Kisten und Thomas Doll betreut."

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Besonders der Dresdner Kirsten brachte den Trainer auf einer Kuba-Reise auf die Palme. Die Auswahlkicker duellierten sich mit kubanischen Jungs beim Klettern auf Kokospalmen. Ganz vorn dabei: Ulf Kirsten, der die Palme zwar schnell erklomm, aber im Anschluss nicht mehr herunterkam. Der Mannschaftsarzt musste die Schürfwunden kurieren. Kirsten bekam striktes Kletterverbot. Neben Reisen in die sozialistischen Bruderstaaten waren auch Touren ins kapitalistische Ausland beliebt, inklusive Einkaufskapriolen und Episoden ums Westgeld. Engels letzte Mission in der DDR: EM-Bronze (4:3, n.E.), der Sieg gegen den „Klassenfeind“ BRD in Spanien und ein Intermezzo als DDR-Nationaltrainer.

Nach Stationen in Süd-Korea, als erster ausländischer Trainer und einziger DDR-Bürger, der gemeinsam mit seiner Frau die Wiedervereinigung in Busan erlebte, durchwanderte Engel sämtliche Ost-Clubs: Magdeburg, Union Berlin, Rot-Weiß Erfurt und den FC Carl Zeiss Jena. Sie waren ein schwieriges Pflaster in den Wirren nach der Wende: finanzielle Nöte, unfreiwilliger Gehaltsverzicht, Leistungsschwankungen innerhalb der Kader und abwandernde Spieler erschwerten das Arbeiten ungemein.

Einladung an Jogi Löw

Seine besten Jahre erlebte Engel dann als Bundesliga-Co-Trainer neben Jörg Berger bei Eintracht Frankfurt und bei Zweitligist Alemannia Aachen. Engel wurde außerdem Zeuge des ersten Geisterspiels in Deutschland. Nürnbergs Coach, der ehemalige Lok-Leipzig-Trainer Wolfgang Wolf, wurde von einem Bierbecher aus dem Aachener Block am Kopf getroffen. Das Nachholspiel anno 2004 fand dann unter Ausschluss der Zuschauer statt.

Seine letzte Station als Club-Trainer führte Engel zu Hansa Rostock, bevor seine zehnjährige Karriere beim DFB begann. Auch vier Jahre nach seinem Ausscheiden aus dem Amt, ist es noch nicht ganz ruhig um den Ex-Trainer geworden: Er leitet weiterhin Trainerfortbildungen beim BDFL (Bund Deutscher Fußball-Lehrer). Bisher schmerzlich vermisst: Bundestrainer Joachim Löw beim ITK (Internationaler Trainerkongress). „Er ist der ranghöchste Trainer Deutschlands“, so Engel, der auf ein Aufeinandertreffen hofft, damit der Coach Erfahrungen an künftige Fußball-Lehrer preisgeben kann.