17. Juli 2021 / 13:00 Uhr

Leipziger Olympioniken über die Spiele 1964: „Nach Japan zu fliegen war unvorstellbar“

Leipziger Olympioniken über die Spiele 1964: „Nach Japan zu fliegen war unvorstellbar“

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Jürgen Dietze (Schwimmen), Ute Kahlenberg-Starke (Turnen), Martina Abresch-Grunert (Schwimmen) und Hans-Dietrich Sasse (Hockey/v.l.) treffen sich in Leipzig 57 Jahre nach ihrer Olympia-Teilnahme.
Jürgen Dietze (Schwimmen), Ute Kahlenberg-Starke (Turnen), Martina Abresch-Grunert (Schwimmen) und Hans-Dietrich Sasse (Hockey/v.l.) treffen sich in Leipzig 57 Jahre nach ihrer Olympia-Teilnahme. © Christian Modla
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Gastfreundschaft, Erdbeben und Kalter Krieg: Nach 57 Jahren erinnern sich vier Leipziger Spitzensportlerinnen und -sportler an ihre Olympia-Teilnahme in Tokio 1964.

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Leipzig. Die olympische Familie kehrt zurück nach Tokio: Am Freitag eröffnet der japanische Kaiser Naruhito das Weltereignis – ohne Zuschauer. Wegen Corona um ein Jahr verspätet, steht ein anderes Spektakel bevor, anders als es die Leipziger 1964 in Japans Hauptstadt erlebten. Das Schwimm-Duo Martina Abresch-Grunert (72) und Jürgen Dietze (78), Turnerin Ute Kahlenberg-Starke (82) und Hockey-Torwart Hans-Dietrich Sasse (80) erinnern sich im SPORTBUZZER-Gespräch an besonders höfliche Gastgeber, ein Erdbeben und ein gutes Miteinander von Ost- und West-Athleten. Am 12. August (19 Uhr, Schaubühne Lindenfels) werden auch die Friedrich-Ebert-Stiftung und das Sportmuseum mit einem Film und einer Diskussionsrunde auf Tokio 1964 blicken.

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Welcher olympische Moment von 1964 ist Ihnen besonders präsent?

Martina Abresch: Ich war mit 15 die jüngste Teilnehmerin und hatte erst drei Jahre vorher mit dem Schwimmen angefangen. Für mich war vor allem überwältigend, in Japan im Olympiaclub zu sein. Die ganze Reise war für mich sehr beeindruckend, ich habe die Höflichkeit und Gastfreundschaft der Japaner sehr zu schätzen gelernt. In der S-Bahn habe ich einen Japaner versehentlich auf den Fuß getreten, mich kurz verbeugt und entschuldigt. Dann hat aber er sich verbeugt und entschuldigt – so ging es die ganze Fahrt hin und her, keiner konnte aufhören.

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Ute Kahlenberg: Wir haben mal einen ganz neuen Blick auf andere Sportarten bekommen, bei uns hieß es ja immer nur turnen, turnen, turnen. Auch mir ist die Höflichkeit der Japaner in Erinnerung. Es gab kostenlose Fahrräder, die wir immer fleißig benutzt haben. Einmal habe ich eins mit einer kaputten Bremse erwischt. Ich konnte nicht bremsen oder ausweichen und bin voll in eine Gruppe Japaner an einer Sperre gefahren. Die Leute waren überhaupt nicht sauer, sondern haben sich verbeugt. Ansonsten waren die Erdbeben ungewohnt. Wir haben uns schlafen gelegt und sind morgens samt Bett an einer anderen Stelle im Raum aufgewacht.

Hans-Dietrich Sasse: Ich war mit dem Fahrrad unterwegs und sollte eine Schwimmerin aus dem westdeutschen Team mit auf die Stange nehmen und ein paar Runden drehen. Im Olympischen Dorf war ein Fotoreporter, der das dokumentieren wollte – Ost und West gemeinsam auf einem Rad. Ich habe mir nichts weiter dabei gedacht. Plötzlich kamen aus jeder Ecke Fotografen und haben Bilder von uns gemacht, das war unglaublich.

Jürgen Dietze: Für mich war das Besondere, überhaupt dort zu sein. Als DDR-Bürger nach Japan zu fliegen, war damals unvorstellbar. Von Medaillen war ich weit entfernt, ich war eher ein Mannschaftsfüller. Auf dem Hinflug sind wir in Alaska zwischengelandet. Die südliche Route konnten wir nicht nehmen, das war ja Feindgebiet, aber die Sowjetunion wollte uns auch nicht drüber fliegen lassen. Für die halbe Stunde in Alaska bekamen wir sogar ein extra dickes Futter für unsere Mäntel. Die Kleidung war aus West und Ost. Einerseits von Adidas, aber auch aus Lichtentanne im Vogtland.

Martina Abresch: Wir hatten eine schicke Uniform mit Faltenrock. Sie war in Pastelltönen gehalten und symbolisierte eine Kirschblüte. Ich hätte sie aufheben sollen, aber sie ist bei einem Umzug liegengeblieben. Mein Hut war viel zu groß: Bei der Messung hatte ich eine üppige Haarpracht. Danach war ich aber beim Friseur, und mit Kurzhaarschnitt saß die Kopfbedeckung nicht mehr.

Sind die Ost- und West-Sportler nebeneinander ins Stadion gelaufen?

Jürgen Dietze: Ja – es war wirklich ein Team. Es gab ungefähr 340 deutsche Teilnehmer, die DDR hatte nach meiner Erinnerung etwas mehr Starter. Die DDR wollte ja mehr Teilnehmer haben, um mit Manfred Ewald den Chef de Mission zu stellen.

Martina Abresch: Da wurde bei den Normen oft ein Auge zugedrückt.

Jürgen Dietze: Das stimmt. Sobald wir den Ausscheid gegen den Westen gewonnen hatten, galten wir automatisch als Normerfüller.

Ute Kahlenberg: Im Turnen kamen die Frauen alle aus der DDR, die Männermannschaft war gemischt.

Hans-Dietrich Sasse: Die DDR stellte die Hockeymannschaft. Aber Spieler aus dem Westen gehörten zum olympischen Jugendcamp und haben uns unterstützt. Zum Teil konnten sie uns gut auf uns unbekannte Gegner vorbereiten. Wir haben sie ein wenig mit unseren Sachen eingekleidet. Heute spielen unsere Enkel in Rüsselsheim Hockey im selben Verein. Vor Kurzem haben sie unser Foto von 1964 nachgestellt.

Martina Abresch: In den Schwimmstaffeln waren DDR und BRD gemischt – wir wurden in der Lagenstaffel auch gemeinsam disqualifiziert.

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Wer hat den Fehler gemacht?

Martina Abresch: Na ich! Wobei die Schmetterling-Schwimmerin vor mir die Wand nicht ganz erreicht und statt eines Beinschlags noch mal einen kompletten Zug gemacht hat. Ich bin aber losgesprungen – das war ein Fehlstart. Trotzdem haben mich die Leute – egal ob aus Ost oder West – nicht fertiggemacht, sondern mir auf die Schulter geklopft und mich aufgebaut.

Gab es Verhaltensregeln gegenüber West-Sportlern?

Ute Kahlenberg: Natürlich – ohne ging es nicht ab.

Martina Abresch: Verbrüderung war nicht gewünscht. Die Unterkünfte waren getrennt – in der Dusche konnten wir uns immer mal zum Schwatzen treffen.

Konnten Sie sich frei bewegen?

Wir sollten das Dorf nur in größeren Gruppen verlassen. Einmal wollten ich und meine Freundin Jutta Wanke aus Potsdam zur Ginza (Vergnügungsviertel/d.A.). Wir waren in einer Gruppe unterwegs, als wir zwei ausgestiegen sind, waren wir plötzlich allein. Auf dem Rückweg haben wir uns verfahren und saßen abends um 10 mitten in Tokio weinend an einem Bahnhof. Ein freundlicher Japaner hat uns den Weg zurück zum Dorf gezeigt. Dort herrschte große Aufregung, da wir viel zu spät waren.

Sie kamen aus der kleinen DDR in eine Riesenmetropole. Wie war das für Sie?

Jürgen Dietze: Es war Wahnsinn, wie voll die S-Bahnen waren. An jeder Tür wurden die Leute in den Zug geschoben. In der Bahn war ich fast immer einen Kopf größer als alle anderen, obwohl ich auch kein Riese bin. Fast alle Bahnhöfe gingen über drei Etagen. Überhaupt war Japan technisch mit der kleinen DDR nicht zu vergleichen.

Haben Sie Taschengeld bekommen?

Jürgen Dietze: Ja, neben dem kleinen Taschengeld durften wir acht DDR-Mark für zwei Dollar pro Tag tauschen. Das klingt nach nicht sehr viel, aber damals war der Dollar sehr viel wert. Fast jeder hat sich ein kleines Radio mitgebracht. Essen und Trinken hatten wir ja zur Genüge. Zum DDR-Geburtstag am 7. Oktober gab es in einem Hotel mit tollem Blick über Tokio Austern und Rotkäppchensekt.

Ute Kahlenberg: Als wir ankamen, lag als Begrüßungsgeschenk auch eine große Kosmetiktasche auf dem Bett. Die meisten Artikel kannten wir gar nicht. Wir konnten nur wenige mit heimnehmen, Übergepäck war verboten, das wurde akribisch kon-trolliert.

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Konnten Sie mit den Sportlern anderer Nationen Trikots tauschen?

Martina Abresch: Ich habe einen Schwimmanzug mit einer Italienerin getauscht. Daheim habe ich ihn immer heimlich vor dem Spiegel anprobiert, in der Öffentlichkeit habe ich ihn lieber nicht getragen.

Jürgen Dietze: Die Amerikaner waren auf unsere Freizeitjacke scharf. Die haben viele von uns gegen einen Cowboyhut getauscht.

Hat Olympia heute seine besten Zeiten hinter sich?

Martina Abresch: Ein wenig schon. Heute ist viel mehr Kommerz im Spiel, der olympische Gedanke und die Völkerverständigung sind in der öffentlichen Wahrnehmung in den Hintergrund gerückt.

Ute Kahlenberg: Auf die Sportler würde ich das aber nicht beziehen, die leben das heute immer noch genauso wie damals.

Jürgen Dietze: Politische Interessen haben damals wie heute eine Rolle gespielt. Aber heute ist diese Kommerzialisierung viel stärker.

Hans-Dietrich Sasse: Die Olympischen Spiele haben in der öffentlichen Wahrnehmung stark eingebüßt, manche Städte bewerben sich ja schon gar nicht mehr dafür, oft ist die Bevölkerung dagegen.

Martina Abresch: Damals kannte uns jeder Milchmann. Die heutigen Teilnehmer haben es da schwerer.

Die Öffentlichkeit erwartet die beste Leistung zum Jahreshöhepunkt. Ist Ihnen das gelungen?

Jürgen Dietze: Ich war über 200 m Rücken drei Sekunden langsamer. Für mich war der Höhepunkt die Olympia-Qualifikation. Darauf habe ich hin trainiert. In diesen zwei Minuten entschied sich, ob ich die Weltreise antreten kann. Das war damals meine einzige Chance, mal nach Japan zu kommen.

Ute Kahlenberg: Auch ich habe in Tokio nicht meine Bestleistung abgeliefert. Zuvor in Schwerin war ich besser. Aber ich kann nicht sagen, warum. Ich habe mir bei jedem Wettkampf Mühe gegeben.

Martina Abresch: Wenn man auf die Quali hin trainiert, ist die Luft etwas raus. Irgendwann kann auch der Körper nicht mehr. An der Aufregung lag es aber nicht. Je mehr Zuschauer, desto besser war es für mich.

Hans-Dietrich Sasse: Für uns war der fünfte Platz positiv überraschend. Wir hatten zwar vor Olympia kein Spiel verloren, aber gegen eher einfache Gegner gespielt. Die würden wir wahrscheinlich heute noch mit der Altherrenmannschaft schlagen!

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Durften Sie Olympia bis zum Schluss genießen?

Jürgen Dietze: Ich habe die Abschlussveranstaltung daheim im Fernsehen gesehen. Mein Freund Hans Joachim Klein aus Darmstadt meinte: Das kann doch nicht sein. Er durfte bis zum Schluss bleiben.

Ute Kahlenberg: Wir waren vom Anfang bis zum Schluss dabei und sind danach noch für zwei Wochen nach Indonesien geflogen, haben dort Turn-Shows aufgeführt.

Martina Abresch: Auch 1968 durften nur die Medaillengewinner anschließend nach Acapulco.

Hans-Dietrich Sasse: Wir hatten das große Glück, mit den Indern in ihr Heimatland zu fliegen. Dort haben wir noch zwei Spiele gemacht.

Wie hat sich Ihre Sportart in den letzten 50 Jahren entwickelt?

Jürgen Dietze: Unglaublich rasant. Ich habe mich an der DHfK jahrelang beruflich damit beschäftigt. Zu den schnellen Zeiten tragen auch Regeländerungen bei, zum Beispiel bei Starts und Wenden.

Martina Abresch: Auch das Material hat sich stark weiterentwickelt – früher sind wir noch in Baumwollanzügen gestartet.

Ute Kahlenberg: Bei uns ist die Geräteentwicklung enorm. Der Barren ist nun eher ein Doppelreck. Der Balken war aus Holz, längst ist er gepolstert. Es gibt weiche, gefederte Bodenteppiche, manchmal haben wir auf Beton geturnt. Trotzdem ist es stark, was die jungen Mädchen so leisten.

Hans-Dietrich Sasse: Früher hatten wir Holzschläger, die durften nicht zu breit sein, mussten durch einen Ring passen. Wenn es nass war, dehnte sich der Schläger aus – dann mussten wir mit dem Messer ran. Heute gibt es nur noch Kunststoffschläger. Inzwischen gibt es Kunstrasen, auf dem es sich ganz anders spielt.

Interview: Frank Schober, Kerstin Förster, Robin Knies

Info: Das waren die Olympischen Sommerspiele 1964

Die Sommerspiele 1964 in Tokio fanden nicht im schwülheißen Juli, sondern im Oktober statt. Es nahmen 5151 Sportlerinnen und Sportler aus 94 Nationen teil, die 337 Starter der deutschen Mannschaft kamen etwa zu gleichen Teilen aus der DDR und der BRD. 19 Sportarten gehörten zum Programm – erstmals Judo und Volleyball. Von den 163 Wettbewerben waren 33 für Frauen. Im Medaillenspiegel siegten die USA mit 36 Goldplaketten, die Sowjetunion holte aber die meisten Medaillen (96 gegenüber 90 für die Amerikaner). Deutschland belegte hinter Japan (16 Siege) den vierten Platz mit 10 Gold-, 22 Silber- und 18 Bronzemedaillen. Ab 1968 bis 1988 traten die BRD und DDR bei allen weiteren Olympischen Spielen in getrennten Teams an. Leipzig war mit 40 Sportlerinnen und Sportlern stark vertreten – 13 kehrten mit einer Medaille heim, darunter die sieben Fußballer.