17. Januar 2022 / 08:14 Uhr

Leipziger Schach-Großmeister Vogt wird 70: "Top-Spieler wurden wie Popstars bewundert"

Leipziger Schach-Großmeister Vogt wird 70: "Top-Spieler wurden wie Popstars bewundert"

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Der Leipziger Großmeister Lothar Vogt (links) tritt 2008 auf dem Hauptbahnhof im Simultanschach gegen mehrere Gegner gleichzeitig an.
Der Leipziger Großmeister Lothar Vogt (links) tritt 2008 auf dem Hauptbahnhof im Simultanschach gegen mehrere Gegner gleichzeitig an. © Norman Rembarz
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Er hat viel erlebt und viel zu erzählen: Eine Reise durchs Schach-Universum mit Großmeister Lothar Vogt aus Leipzig, der am Montag 70 Jahre alt wird und mit seinem Sport 50 Länder bereiste.

Leipzig. Lothar Vogt ist einer der wenigen Schachspieler, die es bis zum Großmeistertitel gebracht haben. Nach vielen gemeinsamen Analyse-Sessions hat sich LVZ-Mitarbeiter Sören Bär diesmal mit seinem Leipziger Schach-Freund zum Interview verabredet und ist beim vertrauten „Du“ geblieben – beide kennen sich lange. Lothar Vogt feiert am Montag seinen 70. Geburtstag, den der Globetrotter in Kap Verde verbringt. Grund genug, auf 55 Jahre Spitzenschach zu blicken.

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Wie bist Du zum Schach gekommen?

Die Regeln brachte mir der Vater eines Schulfreundes bei, als ich sieben Jahre alt war. Danach erkannte man bei Motor Görlitz mein Talent. Alfred Reimann, Helmut Scholz und Max Zingler förderten mich über das reguläre Training hinaus. Ich wurde Schüler-Bezirksmeister und 1967 zur SG Leipzig delegiert. Dem SGL-Trainer Heinz Rätsch habe ich viel zu verdanken, denn ich durfte schon als 15-Jähriger bei der DDR-Einzelmeisterschaft in Colditz mitspielen. Mit dem Gewinn des DDR-Jugendmeistertitels 1968 qualifizierte ich mich für die U20-WM in Stockholm 1969, wo ich die Endrunde erreichte und erstmals gegen Anatoli Karpow antrat.

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Was fasziniert Dich am Schachspiel?

Schach übt auf mich wegen seiner unerschöpflichen Vielfalt eine nicht nachlassende Anziehungskraft aus. In sportlicher Hinsicht ist es ein Vorzug, dass man auch im Alter auf hohem Niveau spielen kann. Ich bewege mich heute noch bei Senioren-Welt- und -Europameisterschaften auf leistungssportlicher Ebene – so belegte ich 2017 den 5. Platz bei der Ü65-WM in Aqui Terme.

Du bist ein Globetrotter in Sachen Schach...

Ja, ich habe bislang 50 Länder bereist. Am schönsten waren die Capablanca-Memorials in Cienfuegos auf Kuba und die Turniere in der ehemaligen Sowjetunion – wegen der perfekten Organisation und der unglaublichen Schachbegeisterung der Bevölkerung. Heute wähle ich meine Reiseziele nach Attraktivität aus. Das Open 2017 in Abu Dhabi bot auch kulinarisch erstklassigen Genuss. Ganz oben auf meiner Wunschliste stehen die Thailand Open in Bangkok und die Canadian Open – beide nehme ich 2023 ins Visier.

Welche Spieler haben Dich beeinflusst?

Bei der SG Leipzig Wolfgang Pietzsch, Artur Hennings, Manfred Schöneberg und Detlef Neukirch. Die Spiele gegen diese Gegner waren sehr lehrreich. Mein Vorbild war Großmeister Wolfgang Uhlmann. Ich begegnete ihm als Kind bei einem Simultan-Wettbewerb in Görlitz und hielt mich trotz der Niederlage am längsten. Wolfgang hatte herausragende Erfolge erreicht. Das wollte ich auch.

Wie bewertest Du Deine Trainingspartnerschaft mit Rainer Knaak?

Diese Zusammenarbeit ist nicht hoch genug einzuschätzen. Wir analysierten Eröffnungsideen gemeinsam unheimlich tief – alles noch ohne Computerhilfe. Unser „Analyselabor“ befand sich auf Weltspitzenniveau. Rainer und ich sind fast im gleichen Alter und spornten uns gegenseitig an. Wir platzierten uns in den 1970er und 1980er Jahren unter den TOP 100 der Weltrangliste.

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Die aufregendsten Schlachten?

Die Duelle mit dem WM-Kandidaten Alexander Beljawski, der immer bis zum Äußersten fightete, gestalteten sich zu Achterbahnfahrten, es gab ein ständiges Auf und Ab. Gegen ihn gewann ich meine wichtigste Partie 1976 in der letzten Runde des Capablanca-Turniers, damit wurde ich im Alter von 24 Jahren Großmeister. Meine beiden Springer führten einen regelrechten Tango auf. 1977 in Leningrad berannte Beljawski wie ein Wirbelwind meinen König, doch am Ende schaffte ich ein Remis.

Was war die verrückteste Begebenheit, die Du auf Turnieren erlebt hast?


In der Sowjetunion besaß Schach einen enorm hohen Stellenwert. Die Top-Spieler wurden wie Popstars bewundert. Beim Superturnier 1977 in Leningrad waren die 1000 Zuschauerplätze immer ausverkauft. Die Telefonnummern der Spieler im Hotel wurden streng geheim gehalten. Dennoch gelang es einer jungen Frau, meine Nummer herauszufinden. Sie rief mich an und sagte mir, welches Kleid sie am nächsten Tag tragen und auf welchem Platz sie sitzen würde. Frappierend. Es gab also Groupies, wie man sie sonst nur bei Rockstars findet.

Zur Person: Lothar Vogt stammt gebürtig aus Görlitz. Bereits mit 24 Jahren wurde das Schach-Talent Großmeister. Nach seinem Lehrer-Studium (Deutsch/Geschichte) arbeitete der Vater zweier erwachsener Söhne viele Jahre als Schach-Trainer und bis zur Pensionierung 2017 als Internatsleiter am Leipziger Sportgymnasium. Seine größten Erfolge: Team-EM-Bronze mit der DDR 1970 in Kapfenberg – eine große Sache den Jüngsten im Team. 1972 in Skopje und 1988 in Thessaloniki spielte er für die DDR zwei Schach-Olympiaden – und erzielte jeweils das beste Einzelresultat. Mit der SG Leipzig feierte er mehrere DDR-Meistertitel, mit der SG Porz fünf Deutsche Meistertitel. Als Einzelspieler war er DDR-Jugendmeister und zwei Mal DDR-Meister. Nach 1990 teilte er sich den Sieg bei den Großmeister-Turnieren in Taastrup, Valby und Arosa.

Sören Bär