04. Mai 2020 / 07:27 Uhr

Leipziger Schwimmer Marek Ulrich: Reelle Olympiachance statt Blick in die Glaskugel

Leipziger Schwimmer Marek Ulrich: Reelle Olympiachance statt Blick in die Glaskugel

Frank Schober
Leipziger Volkszeitung
M.Ulrich
Schwimmer Marek Ulrich traut sich den Sprung zu Olympia zu. © Archiv
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2018 hörte Marek Ulrich mit dem Schwimmsport abrupt auf. Der Grund waren Motivationsprobleme. Als er die WM 2019 in Südkorea verfolgte, packte ihn wieder sein Ehrgeiz. Jetzt hat der 23-jährige Olympia als Ziel.

Leipzig. Es ist Anfang Mai – da war doch was bei den Schwimmern. Richtig: Die Deutschen Meisterschaften wären am Sonntag in Berlin zu Ende gegangen und mit ihnen der Nominierungszeitraum für Olympia. Der Leipziger Trainer Frank Embacher hatte vier heiße Eisen im Feuer. Für Marie Pietruschka und David Thomasberger von der hiesigen Schwimmstartgemeinschaft SSG ist die Olympia-Verschiebung besonders schade, hatten sich beide doch im Winter schon in guter Form präsentiert. Die Freistilspezialistin war bereits Bestzeit geschwommen und Kandidatin für die 4x200-m-Staffel. Leipzigs „Mr. Butterfly“ war im Trainingswettkampf anstelle der ausgefallenen Sachsenmeisterschaften Anfang März zwei Mal bis auf wenige Zehntel an die Tokio-Norm über 200 Meter rangeschmettert.

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Die anderen beiden Kandidaten haben im Herbst erst ihr Comeback gefeiert und nun womöglich wertvolle Zeit hinzugewonnen. „Spitz auf Knopf“ lautete Embachers Prognose bei Rückenspezialistin Lisa Graf – der Coach hofft, dass die für Berlin startende Schkeuditzerin 2021 noch einmal angreift. Und auch SSG-Neuzugang Marek Ulrich (23) gleitet in der Rückenlage am besten übers Wasser. Bei dem gebürtigen Dessauer verzichtete Embacher im Vorfeld der Langbahn-Saison auf eine Prognose – bei ihm sprach der 56-Jährige lieber vom „Blick in die Glaskugel“. Demnach hatte der 1,99 m große Recke die 100-m-Norm noch nicht ganz drauf, zumal er im Höhentraining im Februar in der Türkei mit Schüttelfrost und einer Magen-Darm-Erkrankung flach lag. Doch um Rang eins und den Platz in der Lagenstaffel hätte das Rücken-Ass wohl mitmischen können.

Trainer hörte wenig auf die Sportler

Nicht ohne meinen Bruder – so hatte Ulrichs Devise 18 Jahre lang gelautet. Denn die hochtalentierten Zwillinge Marek und Hendrik tauchten in der Jugend an der Sportschule in Halle stets im Doppelpack auf – so wie 30 Jahre vor ihnen die Erlanger „Riesen“ Bengt und Björn Zikarsky. Letzterer holte 1996 in Atlanta für den SC DHfK Staffelbronze.

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Während Hendrik 2015 mit dem Schwimmsport aufhörte, startete Marek richtig durch: Der dreifache deutsche Meister tastete sich bei Kurzbahn-EM und Langbahn-WM Richtung Weltspitze vor. Doch vor zwei Jahren war auch für ihn abrupt Feierabend – er zog nach Hamm und begann eine Ausbildung zum Justizvollzugsbeamten. „In Halle hatte sich nach der Kündigung von Herrn Embacher alles zum Negativen entwickelt. Bei der Neubesetzung der Trainerstelle wurde wenig auf uns Sportler gehört, ich hatte Motivationsprobleme“, erinnert er sich an die Zeit vor zwei Jahren.

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In Hamm fühlte er sich vier Autostunden von der Familie entfernt auf Dauer auch nicht wohl. „Als ich die WM 2019 in Südkorea im Fernsehen sah, hat das meinen Ehrgeiz endgültig angestachelt.“ Dort schwamm sein bester Kumpel David Thomasberger mit – er ist nun bei der SSG Leipzig wieder sein Zimmergenosse bei Wettkämpfen und im Trainingslager. Und auch sein Bruder unterstützt die Comeback-Pläne seines Zwillings aus nächster Nähe, denn Hendrik lebt und arbeitet auch in Leipzig.

Bestzeit hat ihn enorm beflügelt

Als Marek im Oktober wieder ins Wasser sprang, sei von Olympia keine Rede gewesen. „Ich wollte erst mal wieder Fuß fassen und abnehmen.“ Sein altes Wettkampfgewicht von 92 Kilo sah er mit nunmehr 107 Kilo nur noch aus der Ferne. „Da war bissl Specki dabei“, gibt er zu.

In Leipzig fühle er sich wohl: „Der Zusammenhalt der Gruppe ist super. In Halle hatte es auch Spaß gemacht, aber da war der Altersunterschied zu Paul Biedermann doch recht groß. Ich bin froh, dass ich mit David die Geschichte von damals fortschreiben kann.“ Dass Frank Embacher lockerer geworden ist und viele Späße (auf Instagram unter „Leipziger Allerlei“) mitmacht, bestätigt Marek: „Aber wir sind auch nicht mehr die Kleinen, die aus Angst vor dem Trainer ordentlich schwimmen. Jeder ist für sich selbst verantwortlich. Der Trainer hilft uns dabei, wir begegnen ihm jetzt mehr auf Augenhöhe.“

Dass sein Comeback beim Bundesliga-Aufstieg der SSG-Männer auf Anhieb mit einer Kurzbahn-Bestzeit über 50 m Rücken (23,40 s) garniert wurde, hat ihn enorm beflügelt. Nun traut er sich für 2021 auch die 100-m-Norm (53,70) zu. Dafür muss er sich um eine halbe Sekunde steigern – ein gewaltiger Sprung. Doch mit 23 Jahren und in einem tollen Umfeld ist Marek Ulrich dieser Sprung zuzutrauen.

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