11. September 2020 / 07:23 Uhr

Leipziger Wirtschaftsprofessor Zülch: Fan-Öffnung für RB Leipzig nicht profitabel 

Leipziger Wirtschaftsprofessor Zülch: Fan-Öffnung für RB Leipzig nicht profitabel 

André Böhmer
Leipziger Volkszeitung
Henning Zülch ist sich sicher, dass die Zuschauerrückkehr in der Bundesliga keine finanziellen Löcher bei den Vereinen stopfen kann.
Henning Zülch ist sich sicher, dass die Zuschauerrückkehr in der Bundesliga keine finanziellen Löcher bei den Vereinen stopfen kann. © dpa / Privat
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Am 18. September startet die Bundesliga in die neue Saison. Einige Vereine wie RB Leipzig wollen trotz der Corona-Beschränkungen zum Teil wieder Fans in ihre Stadien lassen. Was hat das für Folgen, finanziell und emotional? Der SPORTBUZZER sprach darüber mit Professor Henning Zülch von der renommierten Handelshochschule Leipzig (HHL). Er forscht zum Schwerpunktgebiet betriebswirtschaftliche Führung von Sportvereinen. 

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SPORTBUZZER: Herr Professor Zülch, RB Leipzig startet am 20. September mit einem Heimspiel gegen Mainz wieder mit Fans. Bis Dezember sind Spiele mit Zuschauern in der RB-Arena geplant. Was bringt das dem Verein finanziell?

Zülch: Will man eine Aussage über die finanzielle Bedeutung der Fans und der Einnahmen aus dem Ticketverkauf treffen, so muss man sich zunächst darüber klar werden, dass die Ticketeinnahmen lediglich einer von sechs Umsatzbestandteilen der Klubs der Bundesliga sind. Für die Saison 2018/19 belief sich der Umsatzanteil des Ticketverkaufs am Gesamtumsatz über alle Klubs der ersten Liga auf 13 Prozent. Dies ist kein unwesentlicher Teil, auf den man nicht verzichten möchte. Mit Blick auf RB und die kommende Saison kann unter konservativen Annahmen davon ausgegangen werden, dass dem Klub pro Heimspiel ohne Fans gute zwei Millionen Euro nur aus dem Ticketverkauf fehlen würden…

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… die ja nun zumindest zum Teil kompensiert werden.

Die Öffnung für 20 Prozent des Zuschauerkontingents, also 8500 Zuschauer, würde bedeuten, dass RB pro Heimspiel gute 400.000 Euro zufließen würden. Das kann aber nur ein symbolischer Akt sein, da dies vermutlich gerade mal die Kosten für das gesamte Drumherum deckt. Profitabel ist man in einer solchen Situation sicherlich nicht.

Wenn RB nicht zwingend finanziell von der Fan-Öffnung profitiert, gibt es dann überhaupt einen Vorteil?

Vieles spricht dafür, dass sportliche Gründe ebenso eine entscheidende Rolle bei der Öffnung des Spielbetriebs für Zuschauer spielen. Jeder, der selbst mal Sport getrieben hat, weiß, welche leistungsfördernde Bedeutung Zuschauer besitzen. Gerade Geisterspiele führen psychologisch dazu, dass der Wettbewerbsmodus nur schwierig erreicht wird. Die Spieler haben nicht mehr das Korrektiv der Zuschauer durch Anfeuerungen, Pfiffe oder Unmutsbekundungen. All das hat Einfluss auf das Leistungsvermögen der Spieler. Der Faktor Stadion kann nicht mehr in entscheidenden Situationen das Zünglein an der Waage sein. Vielmehr sind die Spieler auf sich gestellt; eine zum Teil sehr herausfordernde Situation. Die teilweise Zulassung von Zuschauern kann also durchaus zu einem Wettbewerbsfaktor für die Heimmannschaft werden und deren Leistungsniveau anheben, zumal auch keine Gästefans zugelassen sind. Für RB Leipzig könnte durchaus in engen Spielen ein Konkurrenzvorteil entstehen.

Sachsen macht ja den Vorreiter. Ist der Unmut anderer Vereine über die Ungleichbehandlung in den Bundesländern nachvollziehbar?

Hier sollte man die Kirche im Dorf lassen. Die Klubs können nichts für die Uneinigkeit der Bundesländer in Sachen Auslegung der Hygieneregeln. Aber eins ist auch klar: Das Spiel ist ein anderes mit Zuschauern, als es ohne diese ist. Die Leistungsbereitschaft ist eine andere und kann sicherlich sportliche Defizite ausgleichen. Um dieser unsäglichen Debatte indes ein Ende zu bereiten, wäre es wünschenswert, eine bundeseinheitliche Lösung zu finden, basierend auf den entwickelten Hygienekonzepten.

Können mit der Zulassung von Fans bestehende Löcher in den Etats gestopft werden?

Arbeitet man einmal mit den Daten, die im Markt verfügbar sind, und geht davon aus, dass dem sächsischen Modell – der Öffnung für 20 Prozent des Sitzplatzkontingentes bis Ende des Jahres – auf Bundesebene gefolgt wird, so ergibt sich folgendes Bild bis Ende dieses Jahres für die Bundesliga: Es ist mit Umsatzeinbußen für alle Klubs von rund 165 Millionen Euro zu rechnen. Dies sind ca. 4,5 Prozent der Umsatzerlöse aller Bundesligaklubs in der Saison 2019/20.

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<b>Karl-Heinz Rummenigge (Vorstandsvorsitzender der FC Bayern München AG) gegenüber Sky:</b> Ich möchte meinem Kollegen Oliver Mintzlaff von RB Leipzig gratulieren, dass sie es geschafft haben, gemeinsam mit der Politik und den zuständigen Gesundheitsbehörden eine Regelung zu finden, die Spiele mit Zuschauern wieder möglich macht. Natürlich begrüßt der FC Bayern diesen Schritt. Es geht grundsätzlich darum, dass die Klubs der Fußball-Bundesliga zeigen, dass es Konzepte gibt, die Spiele mit Zuschauern wieder möglich machen. Wir begrüßen jedes Konzept, das diesen Weg ermöglicht. Zur Galerie
Karl-Heinz Rummenigge (Vorstandsvorsitzender der FC Bayern München AG) gegenüber Sky: "Ich möchte meinem Kollegen Oliver Mintzlaff von RB Leipzig gratulieren, dass sie es geschafft haben, gemeinsam mit der Politik und den zuständigen Gesundheitsbehörden eine Regelung zu finden, die Spiele mit Zuschauern wieder möglich macht. Natürlich begrüßt der FC Bayern diesen Schritt. Es geht grundsätzlich darum, dass die Klubs der Fußball-Bundesliga zeigen, dass es Konzepte gibt, die Spiele mit Zuschauern wieder möglich machen. Wir begrüßen jedes Konzept, das diesen Weg ermöglicht." ©

Trifft das auf alle Klubs gleichermaßen zu?

Bricht man die Daten runter auf die Klubs, die sich für die Champions League qualifiziert haben, so sind dies lediglich 3,3 Prozent an den gesamten Umsatzerlösen dieser Gruppe. Hingegen ist der Anteil bei den Klubs auf den Abstiegsplätzen mit ca. 7,1 Prozent an den gesamten Umsatzerlösen dieser Gruppe schon relevanter.

Was heißt das konkret?

Ticketeinnahmen sind nicht die relevantesten Erträge. Da gibt es wichtigere Quellen wie TV-Gelder oder Transfererlöse. Zuschauereinnahmen können in der 1. Liga keine Löcher stopfen. Die teilweise Öffnung für Zuschauer ist lediglich ein Signal in den Markt nach dem Motto ,Wir leben noch!‘

Gesetz den Fall, es gebe für alle Klubs generell wieder eine Fan-Öffnung, wer profitiert am meisten davon?

Ganz klar die Fans! Also wir! Denn für die Fußballklubs wird der Status-Quo und damit der allgemein gültige Wettbewerbsmodus wiederhergestellt. Aktuell leiden all die Klubs mit einer starken aktiven Fanbasis, die durch ihr positives Verhalten im Stadion ihre Mannschaft unterstützen und den so wichtigen zwölften Mann darstellen.

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Was ist Ihre Prognose für die Saison? Wird am Ende Meister, wer zuerst wieder die Fans ins Stadion lässt?

Ich glaube, uns allen ist in diesem Sommer klar geworden, dass der FC Bayern den deutschen Fußball auch in der kommenden Saison, sei es mit oder ohne Fans, dominieren wird. Da müssen wir folglich nicht über die Meisterschaft diskutieren. Aber: Gerade die Saison 2020/21 wird eine unglaublich intensive Saison, da sie so anders ist.

Warum?

Es geht nicht mehr um das ,zu Ende spielen‘ einer Saison, sondern um einen kompletten Re-Start. Hier wird der Saisonstart für die ambitionierten wie die abstiegsgefährdeten Klubs mehr als richtungsweisend sein. Wer vor einer positiv gestimmten und nicht unerheblichen Zuschauerkulisse starten kann, der hat einen nicht zu unterschätzenden Vorteil den Konkurrenten gegenüber. Und wir alle wissen aus der ersten Saison von RB Leipzig in der 1. Liga, wie beflügelnd ein guter Start sein kann. Entscheidend ist also auf den Rängen!

Und im unteren Tabellen-Drittel? Wie groß ist zum Beispiel der Vorteil von Union, die ja auch wieder Fans zulassen wollen?

Bei den Klubs im Mittelfeld und auf den unteren Plätzen spielen die Ticketeinnahmen zunächst eine größere Rolle als bei den Klubs, die sich für das internationale Geschäft qualifiziert haben. Die Motivation ist bei diesen Klubs also auch finanziell getrieben. Schaut man auf Union Berlin, so ist festzustellen, dass dieser Klub wie einige andere in Deutschland von den Fans und der Atmosphäre im Stadion lebt. Man denke nur an das Heimspiel in der vergangenen Saison gegen den BVB, welches auch oder gerade durch die Atmosphäre im Stadion mit 3:1 gewonnen wurde. Für Union Berlin ist die Öffnung für Zuschauer also ein ganz relevanter sportlicher Wettbewerbsfaktor.