14. Mai 2021 / 10:29 Uhr

Leipzigs gescheitertes Endspiel-Experiment: Warum RB gegen den BVB keine Chance hatte

Leipzigs gescheitertes Endspiel-Experiment: Warum RB gegen den BVB keine Chance hatte

Antje Henselin-Rudolph
Leipziger Volkszeitung
Julian Nagelsmann schrie und litt am Spielfeldrand. Am Ende half auch das nicht mehr.
Julian Nagelsmann schrie und litt am Spielfeldrand. Am Ende half auch das nicht mehr. © Getty Images
Anzeige

Zwei Halbzeiten, wie sie unterschiedlicher nicht hätten sein können, eine nicht funktionierende Startaufstellung und alte Probleme: RB Leipzig kämpfte im DFB-Pokal-Finale nicht nur gegen Borussia Dortmund, sondern auch gegen hausgemachte Schwierigkeiten. Die 1:4-Niederlage war folgerichtig und verdient.

Anzeige

Berlin. Ein bisschen klang es wie verkehrte Welt. „Es war nicht unser bestes Spiel“, sagte Edin Terzic. „Wir haben insgesamt eigentlich ein gutes Spiel gemacht“, meinte Julian Nagelsmann. Gewonnen hatte allerdings Ersterer und zwar nicht knapp, sondern deutlich mit 4:1 (3:0). Der DFB-Pokal ging deshalb am späten Donnerstagabend völlig zurecht an Borussia Dortmund. RB Leipzigs Kicker vermieden nach der Medaillen-Übergabe dagegen den Blick auf den Pott, bitter enttäuscht.

Anzeige

Viel "herumgespielt"

Vorausgegangen waren zwei völlig unterschiedliche Halbzeiten. Die Überraschung zu Beginn: Der scheidende RB-Coach setzte auf das Sturmduo Alexander Sörloth und Hee-chan Hwang. Das Duo kam erstmals in dieser Saison gemeinsam von Beginn an zum Einsatz. Ein Endspiel-Experiment, das sich nicht lohnte. Der Norweger vergab seine einzige Chance in der 38. Minute (!), traf nur das Außennetz. Sein Kollege blieb gänzlich ohne Möglichkeit, half statt dessen mit einem Fehlpass tatkräftig beim 2:0 des BVB durch Erling Haaland mit.

DURCHKLICKEN: Die RB-Elf in der Einzelkritik

So bewertet SPORTBUZZER-Reporter Guido Schäfer die Leistung der RB-Elf im Pokalfinale: Zur Galerie
So bewertet SPORTBUZZER-Reporter Guido Schäfer die Leistung der RB-Elf im Pokalfinale: ©

Dass die beiden Angreifer nicht zur Entfaltung kamen, lag aber nicht nur an ihnen selbst. Denn RB stand zwar nach den ersten 45 Minuten zum wiederholten Mal statistisch blendend da, machte aber nichts daraus. Trotz deutlichen Übergewichts bei den Pässen, fehlten die so wichtigen präzisen Zuspiele in die Spitzen, verloren sich die Roten Bullen mal wieder im Klein-Klein. „In der ersten Halbzeit, denke ich, dass wir viel mehr Ballbesitz hatten, sind aber nicht entschlossen genug im letzten Drittel gewesen. Wenn du viel herumspielst und wenig dabei herauskommt, verlierst du eben“, fasste es Kapitän Marcel Sabitzer später treffend zusammen.



Alles besser in Halbzeit zwei? Nicht ganz

Julian Nagelsmann formulierte es etwas anders: „Wir hatten sehr viele gute Situationen. Dortmund hatte drei und schießt drei Tore.“ Fast klang es ein wenig bockig, als wollte sich der 33-Jährige darüber beschweren, dass die Borussen im Gegensatz zu seinen Jungs mitbrachten, was für ein Finale unabdingbar ist, will man am Ende Sieger sein: Effizienz. Die war tatsächlich bemerkenswert. Ermöglicht wurde die 100-prozentige Chancenverwertung der Schwarz-Gelben aber von den Leipzigern selbst. Erst patzte Kevin Kampl, dann Dayot Upamecano nach Hwang-Ballverlust. Beim 3:0 grätschte der Franzose schließlich an der Mittellinie Haaland um, der BVB konterte erfolgreich.

Zur Halbzeit beendete Nagelsmann das seltsam anmutende und vor allem erfolglose Experiment mit der norwegisch-südkoreanischen Doppelspitze, brachte mit Yussuf Poulsen und Christopher Nkunku einen technisch starken Akteur und einen, der die gegnerische Abwehr beschäftigen, Räume reißen sollte. Beide verliehen dem Leipziger Spiel die Zielstrebigkeit, die eigentlich von Beginn an nötig gewesen wäre. Weniger schön war, dass nun eines der größten Probleme der Sachsen in der laufenden Saison zum Tragen kam: die mangelnde Chancenverwertung. Sowohl Nkunku als auch der später eingewechselte Emil Forsberg trafen nur das Aluminium, setzten weitere Gelegenheiten über und neben das Tor. Gleiches galt für Poulsen. Nur Dani Olmo traf, knallte den Ball aus rund 17 Metern unhaltbar in die Dortmunder Maschen. Wunderschön, aber eben zu wenig. Dass Haaland kurz vor Schluss noch einen mustergültigen Konter lief und nach Zwischenpass mit Sancho vollendete, verdeutlichte dann nur noch einmal, woran es bei RB an diesem Abend haperte.

Poulsen mit treffendem Fazit

Was bleibt nun, von diesem zweiten verlorenen Finale nach 2019? Verschiedenes.

  • Eine gute Halbzeit reicht in einem Finale nicht zum Titel.
  • RB Leipzig fehlen die Unterschiedsspieler a la Sancho. Haaland oder Reus (an allen vier Toren beteiligt).
  • Kicker, die einen Unterschied machen können, auf der Bank zu lassen, zahlt sich nicht aus.
  • Endspiele eignen sich nur bedingt für Experimente.
  • Mehr Ballbesitz, Passübergewicht und häufigere Torschüsse sind ohne Nutzen, wenn man daraus keine Gefährlichkeit und vor allem nichts Zählbares entwickelt.
Mehr zum Pokal-Finale

Das treffendste Fazit zog angesichts dessen übrigens Yussuf Poulsen, der nach dem Abpfiff als einer der Ersten vors Mikrofon trat. „Wenn man in der ersten Halbzeit schon 0:3 hinten liegt, verdient man es auch nicht als Sieger vom Platz zu gehen. Für uns ist es ein bitterer Tag.“