06. Juli 2021 / 20:00 Uhr

Bonucci und Chiellini: Wie ein Soldat und eine Bulldogge seit Jahren Italiens Abwehr prägen

Bonucci und Chiellini: Wie ein Soldat und eine Bulldogge seit Jahren Italiens Abwehr prägen

Tom Mustroph
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Leonardo Bonucci (vorn) und Giorgio Chiellini: Seit vielen Jahren bilden sie Italiens Abwehr-Bollwerk.
Leonardo Bonucci (vorn) und Giorgio Chiellini: Seit vielen Jahren bilden sie Italiens Abwehr-Bollwerk. © IMAGO/Gribaudi/ImagePhoto
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Seit vielen Jahren verteidigen Leonardo Bonucci und Giorgio Chiellini Seite an Seite - in der italienischen Squadra Azzurra und bei Juventus Turin. Am Dienstag wollen die beiden Abwehr-Legenden mit einem Sieg gegen Spanien ins Finale der Europameisterschaft einziehen. Ein Porträt einer besonderen Zusammenarbeit.

Selten hat der Begriff „Senatoren“ so gut gepasst wie auf dieses Duo. Auf 217 Länderspiele kommen Leonardo Bonucci und Giorgio Chiellini. Die anderen neun Spieler in der italienischen Startformation beim EM-Halbfinale an diesem Dienstag gegen Spanien (21 Uhr, ARD und Magenta TV) dürften Mühe haben, zusammen diese Marke zu erreichen. Chiellini hat drei Matches mehr auf dem Konto. Deshalb ist er Kapitän, aber auch, weil er der mentale Anführer ist.

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Läuft es mal nicht so, dann schnappt er sich das Leder und peitscht es auf seiner linken Seite bis auf die Höhe des gegnerischen Strafraums. Es sieht ungelenk aus. Es ist auch mehr Willenskraft als fußballerische Finesse am Werk. Und selbst wenn aus dem Vorstoß keine Chance entsteht und Chiellini zurückeilen muss: Es ist ein Zeichen gesetzt. Jeder, der ein Trikot in den Farben wie Chiellini am Leibe trägt, wirft sich fortan ins Zeug, als handle es sich um die letzte Schlacht.

Chiellini ist ein Mentalitätsmonster, „die Bulldogge an meiner Seite“, wie Bonucci zärtlich zu sagen pflegt. Die beiden spielen seit 2011 regelmäßig zusammen, nachdem Antonio Conte bei Juventus das Zepter übernahm. Sie bildeten gemeinsam mit Keeper Gianluigi Buffon das legendäre Abwehrbollwerk BBC. An neun Meistertiteln mit Juventus waren sie beteiligt.

Chiellini war anfangs Bonuccis Beschützer

Anfangs musste Chiellini noch als Beschützer von Bonucci agieren. Denn der Neuzugang leistete sich einige Konzentrationsschwächen. „Nicht würdig der Juve“, lautete damals das Urteil vieler Fans. Bonucci musste sich an seinen Karrieretiefpunkt 2009 erinnert gefühlt haben. Da saß er beim Zweitligaklub Treviso nicht mal mehr auf der Bank, sondern nur auf der Tribüne. Dank des Mentalcoaches Alberto Ferrarini arbeitete er sich aus solchen Phasen heraus. Ferrarini soll italienischen Medien zufolge Bonucci angebrüllt haben: „Schau in den Spiegel, was siehst du da? Ich sehe einen Krieger.“

Es hat gewirkt. Wenn nicht zum archaischen Krieger, so ist Bonucci doch zum modernen Abwehrsoldaten gereift. Er geht dorthin, wo die Trainer ihn haben wollen. Sein Stellungsspiel ist exzellent, sein Kopfballspiel so gut, dass es auch im gegenüberliegenden Strafraum für einige Tore reicht. Als ehemaliger Mittelfeldspieler ist er zudem technisch gut. Nach einem langen Pass Bonuccis, der zu einem Tor beim EM-Match 2016 gegen Belgien führte, ließ sich ein britischer Journalist zu dem Ausspruch hinreißen: „Wer braucht einen Pirlo, wenn er einen Bonucci hat.“ Andrea Pirlo, im Sommer gescheiterter Juventus-Trainer, war damals das Genie im Mittelfeld.

Das ganze Team spielt inzwischen mit Chiellinis Mentalität

In Italiens Nationalmannschaft konnten sich sowohl Bonucci als auch Chiellini zuletzt aufs Verteidigen beschränken. Das Mittelfeld ist stärker geworden, nicht mehr so existenziell auf die langen Bälle Bonuccis angewiesen. Chiellini muss nicht mehr Einpeitscher sein. Das ganze Team tritt mit der Mentalität des Kapitäns auf den Rasen. Chiellini selbst lieferte bei dieser EM einige Meisterwerke in der Kunst des Verteidigens ab. Den belgischen Angriffsschrank Romelu Lukaku stellte er im Viertelfinale schlicht in die Ecke. Er sprang höher als der physisch stärkere Angreifer, war meist schneller am Ball. Und dann fing er noch einen gewaltigen Schuss von Kevin de Bruyne mit seinem eisenharten Schädel ab. Danach grinste er den Ex-Wolfsburger an, ganz nach dem Motto: ‚Versuchs gern noch einmal‘.


Mit einem, der sein Leben fürs Team riskiert, und einem, der von hinten das Spiel eröffnen kann, kann dieses Italien noch weit kommen. Für das alte Abwehrpaar – Chiellini meinte: „Bonucci kennt mich inzwischen besser als meine Ehefrau“ – könnte es das letzte große Turnier sein. Immer wieder zwickt die Muskulatur.