19. Mai 2021 / 20:27 Uhr

Lerchs Wolfsburger Abschiedstour: "Weiß schon, dass mir einiges fehlen wird"

Lerchs Wolfsburger Abschiedstour: "Weiß schon, dass mir einiges fehlen wird"

Jasmina Schweimler
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Zweimal Eintracht: Stephan Lerch und die VfL-Fußballerinnen (r. Fridolina Rolfö) spielen in der Liga und im Pokal gegen Frankfurt (M. Virginia Kirchberger).
Zweimal Eintracht: Stephan Lerch und die VfL-Fußballerinnen (r. Fridolina Rolfö) spielen in der Liga und im Pokal gegen Frankfurt (M. Virginia Kirchberger). © Roland Hermstein
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Für Stephan Lerch beginnt die Abschiedstour. Bevor er in den Nachwuchs von 1899 Hoffenheim wechselt, hat der Trainer mit den Fußballerinnen des VfL Wolfsburg noch drei Partien zu bestreiten - die ersten beiden gegen Eintracht Frankfurt.

Nur noch drei Spiele - dann sagt Stephan Lerch, Cheftrainer von Frauenfußball-Bundesligist VfL Wolfsburg nach acht Jahren in Wolfsburg Tschüss! Der gebürtige Darmstädter hatte eine Vertragsverlängerung beim Double-Gewinner abgelehnt, um sich einer neuen Herausforderung zu widmen und wird zur kommenden Saison die männlichen U17-Junioren von 1899 Hoffenheim übernehmen.

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Am Sonntag tritt der Tabellenzweite der Frauen-Bundesliga bei Eintracht Frankfurt an, anschließend folgt am 30. Mai in Köln das DFB-Pokal-Finale ebenfalls gegen die Eintracht. Zum Abschluss der Saison empfangen die Wolfsburgerinnen am 6. Juni dann Werder Bremen. Saisonfinale mit dem VfL, parallel der Fußball-Lehrer-Lehrgang und privat die Organisation für den anstehenden Umzug. Viel Zeit zum Nachdenken bleibt nicht, aber in einer ruhigen Minute, gibt Lerch zu, "kommen kleine emotionale Wellen bei mir hoch. Die Zeit in Wolfsburg war sehr speziell und ich habe dem Verein viel zu verdanken. Ich weiß jetzt schon, dass mir einiges sehr fehlen wird, wenn ich weg bin."

Mehr zu den VfL-Frauen

2013 stieß Lerch als Trainer der zweiten Frauen-Mannschaft zum VfL, 2015 wechselte er dann als Co-Trainer in den Stab des Bundesliga-Teams unter dem damaligen Trainer Ralf Kellermann. Nur zwei Jahre später übernahm der frischgebackene Fußball-Lehrer die Position des Cheftrainers und gewann mit seinem Team seitdem sechs von neun möglichen Titeln. Drei Meisterschaften, drei Pokalsiege - was nicht glückte, war ein Triumph in der Champions League. "Bei mir ist das Glas meistens halb voll, und das ist eine ganz gute Quote. Dass wir die Königsklasse nicht gewinnen konnten, ist schade, spielt im Rückblick für mich aber eine untergeordnete Rolle. Als ich das Amt von Ralf übernommen habe, hätte ich diese Ausbeute so sofort unterschrieben", so Lerch. Das sei eine außergewöhnliche Serie und "da wird es auch ein paar Jahre brauchen, um das wieder zu toppen."

Erfolg, so Lerch weiter, "ist zudem nicht immer nur an Titeln messbar. Wir haben es geschafft, den VfL weiter dauerhaft zu etablieren. Ich bin damals in enorme Fußstapfen getreten und habe jetzt auch meine eigenen hinterlassen." Doch als nächstes folgt der Schritt in die Nachwuchsarbeit. Für Lerch keine Entscheidung gegen den Frauenfußball, denn: "Ich hätte mir auch gut vorstellen, im Frauenfußball zu bleiben. Ich war offen für alles und es hätte sicher spannende Projekte gegeben, aber Hoffenheim hat mir im Gespräch eine tolle Perspektive aufgezeigt und es hat alles gepasst."

Er freue sich auf das neue Kapitel, dass ihm auch noch mal die Möglichkeit geben wird, "mein Profil zu stärken und breiter aufzustellen." Aber: "Wer weiß, was in den nächsten Jahren passiert. Ich will nicht ausschließen, dass ich noch mal auf der Frauenfußball-Bühne zu finden sein werde." Er werde sich die Spiele weiterhin anschauen und die Entwicklung verfolgen - und wenn die Zeit es zulässt, auch mal bei den Hoffenheims Frauen zuschauen. Kontakt zu 1899-Frauen-Chef Ralf Zwanziger habe er schon gehabt, "der wird mir bestimmt ein paar Karten besorgen können", so Lerch schmunzelnd.

"Kleiner Strohhalm, an dem wir uns festhalten"

Doch bevor es nach Hoffenheim geht, will Lerch mit dem VfL weiter die Chancen des vierten Doubles wahren. In der Liga stehen die Wolfsburgerinnen zwei Spieltage vor Saisonende zwei Zähler hinter Spitzenreiter Bayern, das DFB-Pokal-Finale steigt nächste Woche in Köln. "Die Mannschaft ist positiv und optimistisch gestimmt. Wir glauben noch dran, auch wenn es ein vermeintlich kleiner Strohhalm ist, an dem wir uns festhalten", weiß Lerch. Mit Frankfurt warte in der Liga am Sonntag (14 Uhr) eine "Wundertüte auf uns. Sie hängen sicherlich ein bisschen den Erwartungen hinterher und so wie sie da stehen, kann das nicht der Anspruch sein. Trotzdem sind sie an einem guten Tag an der Lage, über sich hinauszuwachsen. Uns kann das auch blühen, aber wir wollen die drei Punkte und unsere Rest-Chance bewahren!" Tabellenführer Bayern, der zwei Punkte vor Wolfsburg liegt, tritt zeitgleich beim Tabellenfünften Bayer Leverkusen an.


"Fußball kann mehr"

VfL-Torfrau Almuth Schult gehört zu einem Kreis Fußballerinnen und Expertinnen, die mehr Geschlechtergleichheit im deutschen Fußball fordern. Neun Frauen wandten sich mit einem Positionsschreiben am Mittwoch an die Öffentlichkeit und den DFB. Acht Punkte werden in dem Schreiben, dass unter anderem die Überschrift "Fußball kann mehr" ziert, thematisiert - darunter eine verbindliche Quote von mindestens 30 Prozent Frauen in Führungspositionen und Aufsichtsräten, Gehaltstransparenz, oder auch die Veränderung von Rahmenbedingungen. Die Krise des DFB solle vor allem in diesen Punkten zum Nachdenken anregen.

Weitere Mitglieder der Initiative sind die Kommentatorin Claudia Neumann, Ex-Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus-Webb, Präsidentschaftskandidatin für den Berliner Verband Gaby Papenburg, Geschäftsführerin von Jung von Matt Sports Katja Kraus, Vorsitzende der Fanorganisation "Unsere Kurve" Helen Breit, Geschäftsführerin der S20, The Sponsors Voice Jana Bernhard, Geschäftsführerin der talentZONE GmbH Katharina Kiel und die Aufsichtsratsvorsitzende des Fußball-Zweitligisten FC St. Pauli, Sandra Schwedler.