16. September 2020 / 14:55 Uhr

Letzte Chance unter Peter Neururer: Das Camp der Vertragslosen in Zeiten der Corona-Krise

Letzte Chance unter Peter Neururer: Das Camp der Vertragslosen in Zeiten der Corona-Krise

Frank Hellmann
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Ex-Bundesliga-Trainer Peter Neururer trainiert die vertragslosen Spieler.
Ex-Bundesliga-Trainer Peter Neururer trainiert die vertragslosen Spieler. © imago images/Reichwein
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Im Camp der Vertragslosen trainieren Profifußballer für und um ihre Zukunft – Coach Peter Neururer weiß, dass sie es aktuell besonders schwer haben und findet auch klare Worte über Profifußball-Tauglichkeit einiger Spieler. Eine Reportage.

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Auf Platz 3 der Sportschule Wedau sind die Schattenplätze rar an diesem sonnigen Vormittag. Unter einem Baum haben sich die meisten der rund 70 Kiebitze versammelt. Eine Mischung aus Beratern, Trainern, Scouts, Journalisten und Familienangehörigen, die das Spiel einer Auswahl vereinsloser Vertragsfußballer und dem Wuppertaler SV (0:2) angelockt hat. Das Match hat die Spielergewerkschaft VDV organisiert, deren Trainer Peter Neururer hinterher unzufrieden wirkt: „Drei, vier Leute müssen erkennen, dass sie für den bezahlten Fußball eher nicht geeignet sind.“ Man habe schließlich nicht gegen einen Bundesligisten, „sondern einen Regionalligisten verloren“. Er müsse wohl „dem einen oder anderen Spieler Augen öffnen, die Berater gerne verschließen.“

Neururer rät dann im Vieraugengespräch dazu, lieber nicht darauf zu setzen, mit der schönsten Nebensache der Welt den Lebensunterhalt zu bestreiten. Das Camp läuft seit Anfang des Monats bereits zum 18. Mal, und doch ist diesen Sommer vieles anders. Die Corona-Krise hat auch das scheinbar gegen alle Krisen resistente Fußballgeschäft mit voller Wucht getroffen. „Die Ansprüche runterschrauben“ ist ein Satz hinter der Absperrkette, wenn Agenten von der Marktlage erzählen.

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Das VDV-Sommercamp garantiert vereinslosen Fußballern Training, medizinische Betreuung, die Unterbringung im Wohnturm. Bei 80 Prozent lag in den vergangenen Jahren die Vermittlungsquote. Ob die nun wieder erreicht wird, ist ungewiss, erklärt VDV-Geschäftsführer Ulf Baranowsky. Besonders schlimm sind die Einnahmeeinbußen für die Klubs der 3. Liga und Regionalligen. Baranowsky beobachtet speziell in den fünf Regionalligen den Trend zur Deprofessionalisierung. „Wo in der letzten Saison noch ein Vollzeitprofi zu einem Gesellengehalt beschäftigt war, wird in der neuen Spielzeit vielleicht nur ein bezahlter Feierabendkicker auf Minijob-Basis eingestellt.“ Und wenn ein Regionalligaspieler plötzlich in der Pandemie von weniger als 800 Euro Kurzarbeitergeld leben soll, würden sich Probleme ergeben.

Wie so oft beißen die Hunde die Kleinen zuerst. Nicht die rund 550 Erstligaprofis leiden unter den Einschnitten. „Spitzenspieler, die in der Bundesliga sehr viel Geld verdienen konnten, haben im Normalfall keine finanziellen Sorgen“, erklärt Baranowsky.

Zum Camp haben sich nun eher namenslose Akteure angemeldet. Sie kommen vom FV Illertissen, vom 1. FC Nürnberg II, von der TuS Ko­blenz oder von Eintracht Frankfurts U19. „In den seltensten Fällen bieten sich die Spieler hier für die Bundesliga an“, weiß Neururer. In der Pandemie verkneift sich der Stimmungsmacher bewusst die flotten Sprüche: „Der Optimismus fällt mir hier besonders schwer, weil man den Spielern klarmachen muss, dass die Lage in Deutschland noch nie so dramatisch war.“

Baranowsky glaubt, dass am Ende mindestens bis zu 50 Spieler vorbeigeschaut haben werden, die raus aus der Warteschleife wollen. „Das ist besser, als halbherzig durch den Wald zu laufen und zu hoffen, dass jemand mit einem super Vertragsangebot anruft. Das wird nämlich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht passieren.“ Arbeitslose Kicker können auch noch nach Abschluss der Transferperiode, in Deutschland am 5. Oktober, verpflichtet werden.

Zurück zum Testspiel. Die VDV-Kapitänsbinde trägt Robert Müller. Er hat beim Regionalligisten Energie Cottbus keinen neuen Vertrag bekommen, war mal U21-Nationalspieler. Ein, zwei Angebote habe er jetzt abgelehnt, „weil es bei mir passen muss, schließlich bin ich schon 15 Jahre in dem Zirkus drin“.

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Und dann ist da noch Marian Sarr. Er kam für Borussia Dortmund einst sogar in der Champions League zum Einsatz, in der vergangenen Saison hat ihn der Drittliga-Absteiger Carl-Zeiss Jena aussortiert. Das Camp sei definitiv „was Besseres, als alleine seine Runden zu drehen“, sagt er.