29. Februar 2020 / 10:22 Uhr

Leverkusen-Blogger Timo Schwarz: „2:2 tippt der Optimist in mir“

Leverkusen-Blogger Timo Schwarz: „2:2 tippt der Optimist in mir“

Thomas Fritz
Leipziger Volkszeitung
Der 20-jährige Leverkusen-Blogger Timo Schwarz.
Der 20-jährige Leverkusen-Blogger Timo Schwarz. © privat
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Timo Schwarz ist erst 20 Jahre alt, bloggt aber schon seit 2016 über Bayer 04 Leverkusen. Am Sonntag gastiert die Werkself in der Red Bull Arena. Im Interview spricht der Student der Wirtschaftswissenschaften über Leidensfähigkeiten, sein Faible für Statistiken, den Glauben an die Meisterschaft und die Vereinsmodelle in Leverkusen und Leipzig.

Muss man als Leverkusen-Fan eigentlich sehr leidensfähig sein?

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Offensichtlich ja, der Spitzname Vizekusen kommt leider nicht aus dem Nichts. Aber diese Leidensfähigkeit trifft auf so viele Vereine zu, ich bin da auch demütig. Ich bin froh, keine Abstiegskämpfe mitmachen zu müssen und beruhigt, dass keine Tagebücher von Heiko Herrlich auftauchen, wo er mit dem Verein abrechnet.

Warum sind Sie Bayer-Fan geworden und wann entstand die Idee, einen Blog ins Leben zu rufen?

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Mein Interesse für Fußball begann in der Grundschule mit der Fußball-WM 2006. Das Interesse für die Nationalmannschaft nahm seitdem zunehmend ab, die Liebe zum Bayer blieb. Ich sage immer, dass ich mit Bernd Schneider sozialisiert wurde, offen gesagt würde ich dafür meine Hand aber auch nicht ins Feuer legen. Der Blog ist ein reines Hobbyprojekt, 2016 entstanden aus der Lust heraus, eine Seite aufzubauen, um mich am Diskurs zu beteiligen.

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Bayer Leverkusen – RB Leipzig am 18.11.2016 in der BayArena: Hakan Calhanoglu (links) und Torschütze Kevin Kampl feiern das zwischenzeitliche 1:0. Zur Galerie
Bayer Leverkusen – RB Leipzig am 18.11.2016 in der BayArena: Hakan Calhanoglu (links) und Torschütze Kevin Kampl feiern das zwischenzeitliche 1:0. ©

Sie beschäftigen sich in Ihren Texten gerne mit Statistiken. Woher kommt dieses Faible für Zahlen?

Der direkte Eindruck, den man von einem Spiel hat, ist ganz entscheidend, aber darüber hinaus helfen Zahlen sehr. Viel drehte sich in dieser Saison um Leverkusens Chancenverwertung, da sind die passenden Statistiken schon hilfreich. Welche Spieler sind besonders ineffizient? In welchen Spielsituationen und von welcher Position aus? Natürlich habe ich ein Gefühl, aber stimmt das? Oder gibt es vielleicht irgendwelche Auffälligkeiten in den Zahlen, die mir gar nicht bewusst waren? Es kommt auf die richtige Einordnung an. Wenn die stimmt, können Statistiken sehr bereichernd sein.

Im US-Sport sind „Advanced Statistics“ schon länger großes Thema. Gibt es da in Europa noch Nachholbedarf bei der Analyse?

Vereinsintern glaube ich nicht, da ist man mittlerweile professionell genug aufgestellt. In den Analyseformaten für den Fußballinteressierten oder die Fußballinteressierte hingegen schon. Es gibt zwar viele gute Angebote, aber es wäre auch sehr wünschenswert, wenn beispielsweise Sky in der Halbzeitanalyse wenigstens so tun würde, als würde irgendetwas analysiert werden. Davon ist man noch weit entfernt.

Haben Sie eine Lieblingsstatistik?


Ich arbeite relativ viel mit „Expected Goals (xG)“. Eine Metrik, die die Qualität eines Schusses anhand verschiedener Variablen wie Vorlagenart, Schusswinkel und Entfernung zum Tor bemisst. Im Vergleich zu reinen Schussstatistiken finde ich „Expected Goals“ schon überlegen.

Leverkusen liegt in der Bundesliga auf Platz fünf, ist in der Europa League und im DFB-Pokal weiter im Geschäft. Wie zufrieden sind Sie mit der aktuellen Saison der Werkself?

Ziemlich. Die Hinrunde war in Ordnung, man merkte zwar lange noch die Anpassungsschwierigkeiten durch die Sommertransfers, aber das Durchschnittsniveau war auf einem ordentlichen konstanten Niveau. Es gab aber auch die beiden Totalausfälle gegen Köln und Hertha, glücklicherweise stellten sich diese aber als Ausnahme heraus. In der Rückrunde konnte man bisher gut nachlegen. Personell mit Tapsoba und mannschaftlich mit noch runderen Auftritten. Mit Luft nach oben, aber die Tendenz stimmt.

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Bayer 04 Leverkusen - RB Leipzig (1:1) Zur Galerie
Bayer 04 Leverkusen - RB Leipzig (1:1) ©

Was fehlt noch, um mal wieder um Titel mitzuspielen?

Mitspielen tut man ja schon, der Weg vom DFB-Pokal-Viertelfinale bis nach Berlin ist schließlich nicht wahnsinnig weit. Klar ist aber auch, dass es vereinzelte Schwachstellen im Kader gibt und es qualitativ gegen die Top-Mannschaften oftmals nicht reicht, wo meiner Meinung nach nur Kontinuität hilft. Dieser Weg wird nun gegangen, auf der Trainerbank und mit einem dementsprechend ausgerichteten Kader.

Was ist personell aktuell die größte Baustelle?

So leid es mir tut, ich sehe überhaupt nicht, dass Mitchell Weiser noch zum konkurrenzfähigen Spieler im Kader reifen kann. Lars Bender macht das hingegen hinten rechts sehr gut, aber er kann weder alle Spiele machen, noch ist er ein Kandidat für die Zukunft.

Wenn Sie Sportdirektor wären, welche Spieler würden Sie zur kommenden Saison verpflichten?

Bleiben wir beim Rechtsverteidiger, wo es leider auch nicht sonderlich viel Auswahl gibt. Aus der Bundesliga würde mir spontan Pavel Kadeřábek von der TSG Hoffenheim einfallen, ich hätte aber auch nichts dagegen, wenn Danny da Costa zurückkäme.

Was halten Sie von Trainer Peter Bosz und seiner offensiven Spielidee?

Die Philosophie, das Spiel gestalten zu wollen, um auch die Zusehenden zu begeistern, finde ich erst einmal sehr sympathisch. Ihm wird auch wegen seiner Zeit in Dortmund immer eine gewisse Sturheit vorgeworfen, dieser Kritikpunkt hat sich mittlerweile aber meiner Meinung nach überlebt. Natürlich gibt es ganz grundsätzliche unveränderliche Charakteristika einer Bosz-Mannschaft von denen selten abgerückt wird, aber in dieser Saison gab es bisher so viele verschiedene taktische Formationen und Herangehensweisen, dass ich mir eher wünschen würde, dass es wieder seltener zu diesen mittlerweile beinahe obligatorischen Halbzeitumstellungen käme.

Welcher Bayer-Kicker hat Sie bisher am meisten überzeugt?

Über die gesamte Saison hinweg ist das gar nicht so leicht zu sagen. Charles Aránguiz war der Stabilitätsanker zu Beginn der Saison, verletzte sich dann aber. Moussa Diaby ist der herausstechende Spieler der letzten Wochen, wurde zu Beginn aber von Bosz noch nicht eingesetzt. Bleibt Lars Bender, der konstant immer da war, unabhängig von der Position.

Wer ist die größte Enttäuschung der Saison?

Man hat in der Sommervorbereitung einige Hoffnungen in Paulinho gesetzt, in der Hinrunde wurden diese aber im Keim erstickt. Nun kann man einen Spieler ohne nennenswerte Einsatzzeiten natürlich nur schwer bewerten, viele forderten daher vorwurfsvoll, dass er doch mal häufiger von Bosz berücksichtigt werden sollte. Mittlerweile muss man aber wohl festhalten, dass man damit die Ursache auch ein wenig verklärt.

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Bayer 04 wird ja manchmal in selben Atemzug wie RB Leipzig genannt, weil das Team auch von einem Großkonzern gesponsert wird und es keine Mitglieder-Mitbestimmung gibt. Wie sehen Sie diese Vergleiche?

Selbstredend gibt es strukturelle Kritikpunkte an Bayer Leverkusen. Man kann den Wettbewerbsvorteil monieren, den es dadurch gibt, dass man mit der Bayer AG einen langfristigen Sponsor hat, wodurch die finanziellen Zuwendungen nicht zwangsläufig dann sinken, wenn es spielerisch schlechter laufen würde. Ebenso gab es Zeiten, wo deutlich mehr als marktüblich zugesteuert wurde, wenngleich diese Zeiten vorbei sind. Am entscheidendsten finde ich aber die gesellschaftsrechtliche Kritik: Formal gibt es keine Mitbestimmung, keine Mitgliederversammlungen, keine Wahlen über Vereinsgremien. Insofern könnte sich eine Parallele zu Leipzig aufdrängen, die mit ihren 19 stimmberechtigten Mitglieder auch ein sehr exklusiver Klub sind.

Aber es gibt einen gewaltigen Unterschied zwischen einem 1904 von Mitarbeitern gegründeten Verein zwecks Ausübung des Turnsports, der auch erst 1935 offiziell als „Werksverein“ geführt wurde und einem Marketing-Konstrukt wie RasenBallsport, das nur durch Beugung verschiedenster Regeln überhaupt ungefähr 105 Jahre später auf der grünen Wiese entstehen konnte. Wer diesen historischen Unterschied nicht sieht, der möchte ihn auch nicht sehen.

Die aktive Fanszene boykottiert das Spiel in Leipzig. Ist das aus Ihrer Sicht nachvollziehbar?

Ja. In den Jahren zuvor wurden in der Begründung der aktiven Fanszene zwar auch konkrete schlechte Erfahrungen im ersten Jahr angeführt, beispielsweise ein Verbot von kritischen Spruchbändern, aber im Kern geht es doch um eine ganz grundsätzliche Haltung: Aus den oben beschriebenen Gründen ist RasenBallsport Leipzig kein normaler Verein und ein Spiel gegen sie ist dementsprechend auch nicht wie jedes andere. Ich finde es daher völlig nachvollziehbar, wenn man nicht zur Normalisierung dieses Produktes beitragen möchte.

Wie groß ist der Nachteil ohne eigene Fans?

Von Vorteil wird es gewiss nicht sein, aber ich bin mir ebenso sicher, dass es andere Gründe haben wird, sollte Leverkusen keine Punkte mitnehmen. Leipzig ist Favorit. Sie spielen Zuhause, hatten eine gesamte Woche, wo wirklich trainiert werden konnte und sind individuell stärker. Hoch gewinnen wird Leverkusen also wahrscheinlich eher nicht. 2:2 tippt der Optimist in mir.

Wann wäre es für Sie nach dem 34. Spieltag eine erfolgreiche Saison?

Unter normalen Umständen sind von den vier Champions-League-Plätzen drei allein durch Bayern, Dortmund und Leipzig besetzt und aktuell sieht es eben sehr nach normalen Umständen aus. Wenn Leverkusen noch an Gladbach vorbeiziehen kann, sich folglich für die Königsklasse qualifiziert, kann man meiner Meinung nach von einer erfolgreichen Saison sprechen.

Werden Sie es noch erleben, dass Bayer Leverkusen Deutscher Meister wird?

Klar, ich bin ja noch jung.