21. April 2020 / 12:25 Uhr

Licht beim VfL! Präger traf, Hummels' Mama hielt ihr Versprechen

Licht beim VfL! Präger traf, Hummels' Mama hielt ihr Versprechen

Andreas Pahlmann
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Roy Präger (r.) erzielte 1996 das erste Wolfsburger Heimspiel-Tor unter Flutlicht.
Roy Präger (r.) erzielte 1996 das erste Wolfsburger Heimspiel-Tor unter Flutlicht.
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75 Jahre wird der VfL Wolfsburg alt: Grund genug, um an besondere Fußball-Momente zu erinnern – und an wichtige, kuriose und spezielle Tore. In unserer Serie "Jeden Tag ein Tor" stellen wir jeweils einen dieser Treffer vor und erzählen die Geschichte dahinter. Heute geht's um ein Tor, das ganz besonders strahlte.

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Andreas Wagenhaus hätte ihn noch verhindern können, diesen Wolfsburger Premierentreffer. Der Abwehrspieler, damals in Diensten von Waldhof Mannheim, stand auf der eigenen Torlinie, als Roy Präger nach einer abgewehrten Hereingabe seinen Nachschuss abfeuerte. „Und dann“, so erinnert sich Präger, „geht ihm der Ball durch die Beine, ich sehe das noch genau vor mir“. Wobei „sehen“ das richtige Stichwort ist. Denn Fußball-Wolfsburg ging an diesem Freitagabend, 22. März 1996, im wahrsten Wortsinn ein Licht auf. Genauer: 114 Lichter, verteilt auf vier Masten. Prägers Tor zum 1:0 war der erste Treffer im ersten Flutlicht-Heimspiel des VfL Wolfsburg.

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Eine Saison vorher, als der VfL bis zum letzten Spieltag um den Aufstieg in die 1. Liga gekämpft hatte, waren sie schon gereift, die Pläne zum Ausbau des VfL-Stadions am Elsterweg. Aus dem Wall auf der Gegengeraden sollte eine Tribüne werden, eine elektronische Anzeigetafel musste her, dazu einen neue Beschallungsanlage – und eben Licht. Schon während der Hinrunde begannen die Arbeiten, starker Winterfrost sorgte dann vor der Rückrunde für enorme Probleme, in die Flutlichtmasten wurden sogar kleine Öfen eingesetzt, damit die Stromkabel keine Kälteschäden davontrugen. Mitte März war dann alles bereit.

12 Meilensteine aus 75 Jahren VfL Wolfsburg

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Zum Durchklicken: 12 Meilensteine aus 75 Jahren VfL Wolfsburg ©

Die Sache mit dem Licht hatte auch mit dem DSF zu tun. Der Sportsender (heute Sport1) hatte 1993 damit angefangen, Spiele der 2. Liga am Montagabend live zu übertragen. „Wir würden gern auch mal nach Wolfsburg kommen“, sagte die damalige DSF-Fußballchefin Ulla Holthoff. „Aber dazu braucht das Stadion Flutlicht.“ Die Perspektive auf Live-Übertragungen im TV und entsprechende Vermarktungschancen sorgten in Wolfsburg für zusätzlichen Dampf. Dass Zweitliga-Livespiele irgendwann mal Alltag werden, war damals nicht zu ahnen. Dass der kleine Mats, der Sohn vom Ulla Holthoff und Fußballtrainer Hermann Hummels, mal Weltmeister werden sollte, übrigens auch nicht.

Hell genug, um die WAZ zu lesen? Die VfLer Jens Keller, Holger Ballwanz, Guido Erhard und Frank Lieberam (mit seinen Söhnen) machen am Tag vorm Spiel den Test im Mittelkreis.
Hell genug, um die WAZ zu lesen? Die VfLer Jens Keller, Holger Ballwanz, Guido Erhard und Frank Lieberam (mit seinen Söhnen) machen am Tag vorm Spiel den Test im Mittelkreis. © Roland Hermstein

Als dann an den Masten fürs Licht in Wolfsburg noch gearbeitet wurde, sah es sportlich eher düster aus für das VfL-Team, das Trainer Willi Reimann im Oktober übernommen hatte. „Willi, mach das Licht an!“, titelte die WAZ vor dem Start der Rückrunde doppeldeutig. Nach Pokalfinal-Einzug und Fast-Aufstieg war der VfL in den Monaten danach abgestürzt, verbrachte die Winterpause der Saison 1995/96 auf einem Abstiegsplatz. Etablierte Pokalhelden wie Uwe Zimmermann, Siggi Reich und Holger Ballwanz waren mit den neu verpflichteten Spielern wie Roy Präger, Michael Spies und Mathias Stammann noch nicht zu einer Einheit zusammengewachsen. „Irgendwann haben wir uns dann mal intern gegenseitig so richtig die Meinung gesagt“, erinnert sich Präger, „oben in der Vereinsgaststätte. Das hat richtig gescheppert.“

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Und dann lief es. Im ersten Spiel des Jahres gab es zwar eine Niederlage bei Fortuna Köln, dann aber folgte ein 1:0 gegen Wattenscheid, ehe gegen die ebenfalls abstiegsbedrohten Mannheimer das Licht angeknipst wurde. Kurz nach Prägers 1:0 (auf der neuen Anzeigetafel blinkte erstmals „Tor! Tor! Tor!“) sorgte Siggi Reich für den 2:0-Endstand, Trainer Reimann schwärmte anschließend von der „spielerisch besten Leistung, seit ich hier Trainer bin“. Nicht zuletzt, weil das Stadion nun ein bisschen mehr wie ein richtiges Stadion aussah, entstand Aufbruchstimmung. „In dem Stadion zu spielen hat sich dann ganz anders angefühlt“, so Präger. „Für uns war das großartig.“ Und die Mama von Mats Hummels - eine ehemalige Wasserballerin und die erste Frau, die im deutschen Fernsehen ein Fußballspiel kommentierte hatte - versprach: „Jetzt planen wir ein Livespiel aus Wolfsburg!“ 800 Lux stark war das Flutlicht, das reichte - heute werden für die Bundesliga 1400 Lux gefordert.

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Alles nahm ein gutes Ende. Das DSF kam tatsächlich, übertrug gut vier Wochen nach dem Mannheim-Spiel erstmals eine Zweitliga-Partie aus Wolfsburg live, der VfL trotzte dem damals bärenstarken Aufstiegskandidaten Arminia Bielefeld ein 1:1 ab. Abgesehen von dem Spiel bei Fortuna Köln gab es in der Rückrunde keine einzige Wolfsburger Niederlage mehr, egal ob bei Tages- oder Flutlicht. Ein 1:0 in Zwickau sicherte am vorletzten Spieltag den Klassenerhalt, nach der Rückkehr krochen die Spieler als Jubel-Raupe durchs „Alt Berlin“ in der Wolfsburger Kneipenmeile „Kaufhof“. „Uns taten die Knie weh“, erinnert sich Präger lachend, „aber wir waren als Mannschaft zusammengewachsen, das war enorm wichtig.“ Ein Jahr später stieg der kaum veränderte VfL-Kader in die Bundesliga auf. „Die Rückrunde 1996“, so Präger, „war der Grundstein dafür“.