16. April 2020 / 01:28 Uhr

Litti im Geburtstags-Interview: "Mein Tor des Jahres fand ich schrecklich"

Litti im Geburtstags-Interview: "Mein Tor des Jahres fand ich schrecklich"

Andreas Pahlmann
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Die neue und der alte Litti: Pierre Littbarski als Markenbotschafter der VfL Wolfsburg und als Nationalspieler 1985.
Die neue und der alte Litti: Pierre Littbarski als Markenbotschafter der VfL Wolfsburg und als Nationalspieler 1985. © imago images Schroeder/39774914/Liedel/00933691
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Seit zehn Jahren arbeitet Pierre Littbarski für den VfL Wolfsburg, heute wird er 60 Jahre alt. Im SPORTBUZZER-Interview spricht er über alte Spiele und seine Verbindung zu dem VW-Klub.

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Er war Dribbelkönig der Bundesliga, Weltmeister 1990 und erster deutscher Fußballstar in Japan. Pierre Littbarski hat eine aktive Karriere hinter sich, die so speziell und erfolgreich war, dass selbst junge Fußball-Fans auch heute noch genau wissen, wer mit „Litti“ gemeint ist. Seit zehn Jahren arbeitet der gebürtige Berliner für den VfL Wolfsburg, erst als Trainer, dann als Scouting-Leiter und seit 2018 als Markenbotschafter. Heute wird er 60 Jahre alt.

Herr Littbarski, mangels Live-Sport gibt es im Moment viele Fußball-Konserven im Fernsehen. Wie oft haben Sie sich in den letzten Tagen selbst gesehen?

Ich schaue da nicht hin. Selbst so berühmte Spiele wie das WM-Halbfinale 1982 habe ich noch nie in voller Länge gesehen. Lesen Sie sich manchmal alte Artikel durch, die Sie selbst geschrieben haben?

Das kommt vor.

Und dann denken Sie doch bestimmt auch: Mensch, diese Formulierung hätte besser sein können. Und so geht es mir, wenn ich alte Spiele sehen. Ich bin Perfektionist, mich ärgert es wahnsinnig, wenn es nicht hundertprozentig gut war, wenn ich sehe, dass ich im falschen Moment den Ball gespielt habe oder zur falschen Zeit ins Dribbling gegangen bin.

Aber Sie waren doch ein Spieler, der das Risiko suchen musste, der eigentlich keine Angst vor Fehlern haben durfte.

Ja, das war ja immer das Problem, mit dem ich klarkommen musste. Ich hatte immer das Gefühl, mich beweisen zu müssen – ob mit Fünf gegen die großen Jungs in Berlin auf dem Bolzplatz oder Ende der 80er in der Nationalmannschaft unter Franz Beckenbauer. Geändert hat sich das erst, als ich in Japan gespielt habe. Da hab’ ich dann mein Spiel auf „freier Künstler“ umgestellt. Ich hatte das Gefühl, dass die Leute einfach sehen wollten, was ich zu bieten habe. Meister konnten wir mit JEF United Chiba sowieso nicht werden, da hatte ich dann nichts mehr zu verlieren.

Und was mit Ihren Toren? Schauen Sie sich die auch nicht gern an? Es gibt Köln-Fans, die können sich bis heute nicht an Ihrem Tor des Jahres 1985 satt sehen, als sie zweimal hinfielen und den Ball dann doch behauptet und den Treffer erzielt haben.

Ich verrate Ihnen jetzt einmal was: Gerade dieses Tor finde ich besonders schrecklich. Ich habe mal gegen Spartak Moskau einem Gegner den Ball durch die Beine gespielt und dann in den Winkel getroffen. Oder gegen Bielefeld mal nach einem Solo aus der eigenen Hälfte ein Tor erzielt. Wenn so eine gewisse Eleganz, eine gewisse Ästhetik dabei ist, denke ich da bedeutend lieber dran zurück als an das Stolper-Tor gegen Bremen.

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Koordinationstraining im Kraftraum: John-Anthony Brooks. Zur Galerie
Koordinationstraining im Kraftraum: John-Anthony Brooks. ©

Als Spieler bringt man Sie immer mit dem 1. FC Köln in Verbindung, als Markenbotschafter vertreten Sie jetzt den VfL Wolfsburg – ist es schwierig, als Kölner Fußball-Legende nun für einen anderen Verein zu stehen?

Ja, am Anfang war es das schon. „Du bist doch eigentlich FCler“, habe ich immer mal wieder gehört. Aber ich bin jetzt zehn Jahre hier, in dieser Zeit hat sich der VfL immer weiter etabliert, mein Sohn spielt in der VfL-Jugend, auf den Nachwuchsbereich kann der Verein insgesamt stolz sein – und ich bin es auch. Man liebt im Leben ja auch mehr als einen Menschen, da kann man auch mehr als einen Verein lieben.

Sie kamen 2010 als Co-Trainer, waren das aber nur eineinhalb Jahre lang, zwischendurch auch für ein paar Spiele auch Interims-Chefcoach. Umso erstaunlicher eigentlich, dass es für Sie beim VfL immer weiter ging.

Geplant war das so natürlich nicht. Aber ich habe immer Spaß an neuen Aufgaben gehabt und mich immer irgendwie einbringen können. Sie können das nur machen, wenn Sie sich selbst nicht zu wichtig nehmen, das ist ganz entscheidend. Und ich hatte immer Leute um ich herum, mit denen die Arbeit Spaß gemacht hat. Ob das jetzt Spieler waren wie Benaglio und Schäfer oder die Angestellten hier im Verein – oder auch Felix Magath, zu dem sich ein guter Draht entwickelt hat. Wenn ich den Felix jetzt sehe, begrüßen wir uns herzlicher als damals in der Nationalmannschaft. Das liegt an der Zeit in Wolfsburg. Ich mag die Stadt, ich habe in der ersten Zeit gelernt, wie sie tickt und wie das Zusammenspiel mit VW funktioniert.

Ihr Sohn Lucien steht auf dem Sprung von der U17 in die U19 des VfL – wie schwer ist es für ihn, der Sohn des Weltmeisters zu sein?

Nicht mehr so schwer, er hat sich da schon seine eigene fußballerische Identität erarbeitet, auch wenn der Trainer ihn immer auch „Litti“ nennt. Im Bewegungsablauf sieht er tatsächlich manchmal ein bisschen so aus wie ich früher, aber er bringt das ins moderne Spiel ein, das ist spannend zu sehen.

Wolfsburg ist Ihr Lebensmittelpunkt geworden, soll das so bleiben?

Ich fühle mich hier wohl, aber wenn ich ganz frei wählen dürfte, würde ich wahrscheinlich immer abwechselnd in Deutschland, Japan und Australien leben. Das geht natürlich nicht, solange man arbeitet – und ich habe noch Spaß an der Arbeit.

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Die große Party zum 60. fällt wegen Corona flach?

Die hätte es auch ohne Corona nicht gegeben. Wissen Sie, bei solchen Partys sind immer nur die ersten zwei Stunden lustig und dann kommen irgendwann Fragen wie „Warum bist du nicht Trainer geblieben“ oder warum ist dieses oder jenes in der Vergangenheit so und nicht anders gelaufen. Ich gucke lieber in die Zukunft, freue mich auf das Neue – ich gucke mir beispielsweise auch Filme nie zweimal an. Nein, wir essen mit der Familie, nur dass wir das diesmal daheim in Nordsteimke tun und nicht in einem Restaurant. Meine Frau wird japanisch und italienisch kochen, ich freue mich darauf.

Wie sehr leiden Sie ansonsten unter den Corona-Beschränkungen?

In Berlin hat man Leute wie mich „Stubenhocker“ genannt, ich komme also gut zurecht. Ich trainiere viel, bin nach einer Knie-OP quasi noch in der Reha. Ich bin gern zuhause. Nur die Wochenenden sind so ganz ohne Fußball gerade ein bisschen langweilig.