09. Februar 2017 / 14:34 Uhr

Liverpool-Star Lovren: So war mein Leben als Kriegsflüchtling

Liverpool-Star Lovren: So war mein Leben als Kriegsflüchtling

Sönke Gorgos
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Dejan Lovren spielt seit 2013 in England – erst für den FC Southampton, dann für Liverpool.
Dejan Lovren spielt seit 2013 in England – erst für den FC Southampton, dann für Liverpool. © imago
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Der Innenverteidiger floh in den 1990er Jahren mit seinen Eltern aus der Krisenregion in Bosnien - und erinnert sich über 20 Jahre später an die Schrecken des Krieges.

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Dejan Lovren ist ein eindrucksvoller Mann. Mit seinen 1,88 Meter überragt er auf dem Trainingsgelände des FC Liverpool in Melwood die meisten seiner Teamkollegen. Schwarze Harre, dunkler Teint, breite Schultern - der 27-Jährige ist der Fleisch gewordene Innenverteidiger-Wunschtraum eines jeden Trainers. Unter Jürgen Klopp ist Lovren gesetzt, absolvierte 20 der 24 Spiele in der Premier League und ist defensiver Rettungsanker der Reds. Doch kaum jemand weiß, wie Lovren so stark wurde - und wie schwach er noch als Kind war.

Kindheit im Krieg

Denn Lovrens Kindheit war alles andere als einfach. Der Sohn kroatischer Eltern wurde in Zenica geboren, einer Stadt, die in erster Linie von Bosniaken bevölkert wird. Nach einer Zeit des Friedens zwischen Serben, Muslimen und Kroaten brach 1992, Lovren war gerade drei Jahre alt, der Bosnienkrieg aus. Lovren und seine Familie mussten fliehen, waren plötzlich Fremde in der eigenen Stadt. Lovren erinnert sich noch lebhaft daran, wie er von seinen Eltern in ein Auto gesetzt wurde. Das Ziel: München, wo er bei seinem Großvater Zuflucht suchte. "Ich wünschte, ich könnte erklären, was da passiert ist", erinnert der Abwehrspieler sich in einer neuen Dokumentation. "Über Nacht hat sich einfach alles verändert."

Bilder brannten sich ins Gedächtnis ein - Bilder, die Dejan Lovren auch mit 27 Jahren nicht loslassen. "Ich erinnere mich an die Sirenen und ich hatte eine verdammte Angst, weil ich an die Bomben gedacht habe. Ich erinnere mich noch, wie meine Mutter mit mir in den Keller ging. Ich weiß nicht, wie lange wir da gesessen haben. Danach sind wir nach München gefahren - ich, Mama, mein Onkel und dessen Frau. Sie haben alles zurückgelassen. Den kleinen Lebensmittel-Laden, den sie hatten. Sie hatten einen Rucksack dabei und sagten: 'Lasst uns nach Deutschland gehen.' Es war sehr hart."

In Süddeutschland blieb die Familie sieben Jahre lang, bis 2000. Als dann das Visum nicht mehr verlängert wurde, siedelten die Lovrens in die alte Heimat über. Allerdings nicht nach Zenica, das inzwischen an Bosnien-Herzegowina gefallen war, sondern an das kroatische Karlovac. Lovren wurde Fußballer, erhielt 2006 seinen ersten Profivertrag bei Dinamo Zagreb. Über Olympique Lyon und den FC Southampton wechselte Lovren 2014 nach Liverpool, wo er inzwischen unter Jürgen Klopp arbeitet. Mit dem kann er sich in einer altbekannten Sprache verständigen. Lovren spricht exzellent deutsch.

"Ich könnte mir das heute nicht vorstellen"

Nochmal alles zu verlieren, wieder Flüchtling zu sein, das kann sich der Kroate, inzwischen selbst Vater, nicht vorstellen. "Ausgeschlossen. Mit meinen Kindern wegzulaufen, das würde mich ein Leben lang verfolgen." Auch persönliche Opfer blieben nicht aus. Viele Verwandte Lovrens überlebten den blutigen Konflikt nicht. "Vor allem in den Dörfern sind entsetzliche Dinge passiert", berichtet der 31-malige Nationalspieler. "Der Bruder meines Onkels wurde mit einem Messer ermordet. Es ist immer noch sehr schwierig, darüber zu reden. Einer meiner besten Schulfreunde weinte jeden Tag. Ich habe ihn gefragt, warum er das tut - und er hat mir erklärt, dass sein Vater, ein Soldat, gestorben ist. Ich dachte: Das könnte mein Vater sein..."

Lovren glaubt, dass seine Geschichte gerade in der heutigen Flüchtlingsdebatte von Relevanz ist. "Ich mag nicht darüber nachdenken, was passiert wäre, wenn Deutschland uns damals nicht aufgenommen hätte", erklärt der Kroate. "Ich bin durch all das gegangen und ich weiß, was manche Familien gerade durchmachen. Gebt ihnen eine Chance, gebt ihnen eine Chance. Ihr werdet sehen, wer die guten Leute sind - und wer nicht."

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