23. Februar 2021 / 12:32 Uhr

Löbnitzer Springreiter Hartwig Derenthal: In ganz Europa unterwegs

Löbnitzer Springreiter Hartwig Derenthal: In ganz Europa unterwegs

Steffen Enigk
Leipziger Volkszeitung
Souverän über das Hindernis: Hartwig Derenthal bei einem Turnier in Frankreich.
Souverän über das Hindernis: Hartwig Derenthal bei einem Turnier in Frankreich.
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Hartwig Derenthal aus Löbnitz sitzt täglich fünf Stunden im Sattel. Der 60-jährige Springreiter feiert auf seinen Spitzenpferden auch international Erfolge und ist mit seinem Reiterhof bisher gut durch die Corona-Krise gekommen.

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Löbnitz. Auf den Reitunterricht für Kinder und Erwachsene sowie auf geführte Ausritte rund um den Seelhausener See muss Hartwig Derenthal in Pandemie-Zeiten verzichten. Dennoch herrscht bei ihm munterer Betrieb. Sein Pferdesportzentrum Sachsenhalle Löbnitz ist nicht unbedingt auf Laufkundschaft angewiesen. „Wir haben viele Pferde in Pensionshaltung, und die Besitzer müssen die Tiere täglich bewegen können“, sagt der international erfolgreiche Springreiter und Züchter, „und das funktioniert auch unter strenger Einhaltung der Hygiene-Regeln, mit Maskenpflicht und Abstand. Ich bin zu 90 Prozent ausgelastet, der Laden läuft.“

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Zwölf-Stunden-Job, zwölf Kilometer auf der Anlage

Sein Arbeitstag beginnt früh um 7 und endet abends um 19 Uhr, bis zu fünf Stunden sitzt er im Sattel und legt auf der weitläufigen Anlage rund zwölf Kilometer zu Fuß zurück. Täglich. „Um meine Fitness müssen Sie sich also keine Sorgen machen“, meint der 60-Jährige, „ich kenne das nicht anders, immer volle Kanne.“ Die Einnahmen aus der Pensionshaltung braucht er auch für seine beiden Spitzenpferde: Costa Rica, einen neunjährigen Holsteiner, und Olympic Dream, einen achtjährigen Oldenburg International. Beide absolvieren ein umfangreiches Trainingsprogramm, dreimal pro Woche Dressur, zweimal Springen, einmal Gelände, nur an den Sonntagen haben die Vierbeiner frei. „Die Dressur ist die Grundlage für alles andere“, sagt Hartwig Derenthal, „Pferde brauchen rund 1000 Trainingsstunden, bis sie in den drei Gangarten richtig ausgebildet sind und alles beherrschen.“

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Beim permanenten Üben mit Costa Rica und Olympic Dream hilft ihm Christin Vollmer. Sie arbeitet vormittags bei einer Bank und nachmittags als Bereiterin in Löbnitz. „Christin freut sich, dass sie solche Spitzensportler fitmachen kann, springt mit ihnen bis 1,50 Meter“, erzählt Hartwig Derenthal, „bei den Wettkämpfen muss dann aber ich abliefern.“ Dann geht es mitunter über Zwei-Meter Hindernisse. Der Weltrekord im Mächtigkeitsspringen liegt übrigens bei 2,42 m, die persönliche Bestleistung von Hartwig Derenthal bei 2,25 m.

Vize-Europameister mit der deutschen Mannschaft

Er startet als einziger Ostdeutscher in der AJA, der „International Association of Jumping riding Ambassadors“, einer Vereinigung der wettkampfstärksten Amateurspringreiter mit 300 Mitgliedern aus 13 europäischen Ländern. 2013 holte er den Deutschen Meistertitel und wurde 2014 mit der deutschen Mannschaft in Frankreich Vize-Europameister, kam zudem im Einzel auf EM-Platz elf unter 79 Reitern.


Im vergangenen Jahr musste sich der Löbnitzer wegen der Corona-Krise mit nur zwei Wettkämpfen begnügen – und sich bei einem Turnier im niederländischen Peelbergen als Zweiter des Eröffnungsspringens nur einem Schweizer geschlagen geben. Damit qualifizierte er sich auf Costa Rica als bester Deutscher souverän für den Nationenpreis, den er mit seinen drei Teamkollegen gewann. Insgesamt sechs Nationenpreis-Siege hat er in seiner langen Karriere schon gefeiert. „Solche Erfolge sind wichtig als Werbung für den Reiterhof und erfreuen natürlich auch meine Sponsoren.“

Während es bei Meisterschaften um Ruhm und Ehre geht, heißt es bei den anderen Turnieren vor allem, ins Preisgeld zu kommen. Reitsport ist ein teures Vergnügen und ein knallhartes Geschäft. Deshalb bereitetet sich Hartwig Derenthal derzeit intensiv auf die anstehende neue Saison vor. „Die ersten beiden Springen hat die AJA absagen müssen, aber wir hoffen, dass es bald losgeht und sind in Lauerstellung.“

Sammeltransport mit 22 Meter langen Trucks

Ende Mai ist der Start in Riesenbeck geplant, im Juni soll die deutsche Meisterschaft in Darmstadt folgen, im Juli sind Turniere in Opglabbeek (Belgien) und Le Mans (Frankreich) angesetzt, im August Roeser (Luxemburg), im September Peelbergen und im Oktober beschließt das Teamcup-Finale in Cagnes sur Mer (Frankreich) die Saison. Die meisten dieser Ziele steuert Hartwig Derenthal mit seinem Transporter direkt an. Geht es aber nach Südfrankreich oder wie in den vergangenen Jahren nach Spanien, fährt er nur bis Limburg. Von dort erfolgt ein Sammeltransport in 22 Meter langen Trucks mit großem Wohnbereich und Küche. „Da passen hinten bis zu elf Pferde drauf.“

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Die Reiter wechseln sich am Steuer ab. „Nach Barcelona sind wir in zwei Etappen nachts durchgefahren, mit einer zehnstündigen Pause für uns und die Pferde in Frankreich.“ Die Wettkämpfe dauern drei Tage, am letzten Abend setzt sich der Tross schon wieder Richtung Heimat in Bewegung. Eine Tortur? „Nein, wir sind das gewohnt und haben alles an Bord, was wir brauchen.“

Hartwig Derenthal ist gebürtiger Löbnitzer und begann als Neunjähriger mit dem Pferdesport. Als er Zwölf war, ging es richtig los. Er erhielt gemeinsam mit Ina Saalbach eine zweieinhalbjährige Dressur-Ausbildung bei Olympia-Teilnehmer Wolfgang Müller aus Potsdam auf dessen Olympia-Pferd. Wie das möglich war? „1972 gab es in München keine Medaille, die Förderung des DDR-Reitsports wurde eingestellt, da haben die LPG-Vorsitzenden zugeschlagen und sich Reiter und Pferde gesichert.“

Dressur-Ausbildung auf einem Olympiapferd

So hatte Hartwig Derenthal in Löbnitz beste Bedingungen. Eine elfjährige Springreiter-Ausbildung schloss sich an. 1980 wurde er DDR-Juniorenmeister und qualifizierte sich als jüngster Reiter für den Nationenpreis in Trinwillershagen. „Ich hatte auch Wettkämpfe im Ostblock. Nur nach Ungarn und Jugoslawien durfte ich nicht, weil ich nicht in die Partei wollte.“

Gleich nach der Wende machte er sich selbstständig. Hartwig Derenthal ist Diplom-Agraringenieur und Pferdewirtschaftsmeister, besitzt die internationale Trainerlizenz für Dressur- und Springreiten. Und er will noch einige Jahre europaweit über Hindernisse gehen. „Ich bin erst 60 und habe immer noch die Nase vorn. Mit 70 hört der Spaß vielleicht langsam auf.“

Urlaub kann und will er sich nur einmal im Jahr leisten. „Für mehr als zehn Tage reicht es nicht. Dann aber in Spanien, in der Sonne, am Pool mit einer Bar. Und ich will keine Pferde sehen.“ Als er mit der Familie mal auf Malle war, rief einer seiner beiden Söhne: Papa, vor dem Hotel steht eine Kutsche. „Die wollten uns tatsächlich fahren. Ich habe gesagt: Lasst mich bloß in Ruhe.“