08. Januar 2021 / 17:16 Uhr

DFB-Chefausbilder fordern neue Haltung zu Kinderfußball: "Fokus auf den Menschen"

DFB-Chefausbilder fordern neue Haltung zu Kinderfußball: "Fokus auf den Menschen"

Dirk Tietenberg
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Damir Dugandzic (links) ist Chef der Talente beim Deutschen Fußball-Bund, Markus Nadler Chef der Trainerausbildung. 
Damir Dugandzic (links) ist Chef der Talente beim Deutschen Fußball-Bund, Markus Nadler Chef der Trainerausbildung.  © dpa; DFB; imago/Westend61
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Talente-Chef Damir Dugandzic und DFB-Chefausbilder Markus Nadler erklären im Gespräch per Videokonferenz, worauf Trainer von Kindermannschaften im Lockdown besonders achten sollten.

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Eine Geschichte, die gerade eben passiert ist. Eine Spielerin schreibt mir: Lieber Trainer, ich höre auf mit Fußball. Wie sollen die Trainer die Kinder motivieren, auch nach dem zweiten Lockdown weiterzumachen mit dem Fußball?

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Dugandzic: Die Frage klingt einfach, aber es gibt keine einfache Antwort darauf. Corona ist diesbezüglich im Grunde keine Sondersituation, die neue Probleme schafft. Corona ist ein Brennglas, durch das man bestehende Herausforderungen noch einmal deutlicher sieht. Wir haben die Drop-out-Problematik bereits im U14- und U15-Bereich. Vereine bilden Spielgemeinschaften, weil sie keine Mannschaft zusammenbekommen. Diese Probleme bekommen wir jetzt häufiger.

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Levestes Sascha Romaus überwindet Kirchdorfs Schlussmann Jens Trampenau und trifft zum vermeintlichen 1:1-Ausgleich. ©

Nicht nur wegen Corona?

Dugandzic: Nicht nur. Die Probleme kommen jetzt verdichtet. Das Wichtigste ist: Fragen Sie ihre Spielerin nach dem Warum! Suchen Sie den persönlichen Kontakt, sehen Sie den Menschen, nicht nur die Spielerin. Dann muss man zuhören und sich für den Menschen interessieren. Das ist vielleicht die große Chance: Zeit zu haben für den Menschen. Wenn ich das Gefühl vermitteln kann, dass ich mich freue, dass dieser Mensch Teil der Gruppe ist und dazugehört, dann bin ich nah dran an dem Grund, warum Kinder gern beim Sport sind.

Ob das genügt? Die Kinder wollen doch Fußball spielen, was aktuell nicht geht.

Dugandzic: Es gibt eine schöne Studie zum Thema: Warum spielen Kinder Fußball? Unter den Top-10 steht nicht einmal: Weil ich gewinnen will. Es geht um das Spielen um des Spielen willens, es geht um das Erlebnis. Leider sind die Kinder dessen etwas beraubt worden. Die zweite Komponente ist: Die Kinder wollen Zeit verbringen mit anderen, die ihnen am Herzen liegen. Wenn dann ein Trainer kommt, der zuhört, Verständnis hat für die Situation, dann wird der Trainer seine Spieler eher für sich gewinnen.

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Einfach gesagt. In Trainingssituationen ist das einfacher, weil der direkte Kontakt da ist. Funktioniert das mit Videos, mit Telefonaten und mit Textnachrichten?

Dugandzic: Meine Empfehlung ist, digitale Medien zu nutzen, aber in diesem Rahmen bestmöglich den direkten Kontakt zu suchen. Daher würde ich den Videocall dem Telefonat vorziehen. Wenn ich Reaktionen auch sehen kann, dann schafft das Verbundenheit. Das Mindeste ist, das Telefon in die Hand zu nehmen und anzurufen.

Ist das ideal?

Dugandzic: Nein. Das ist die zweitbeste Lösung nach dem direkten Kontakt, der aktuell nicht möglich ist. Aber vielleicht ist das Lehre für die Zeit nach Corona, dass ich über diese Medien versuche, als Trainer besser und noch regelmäßiger Kontakt zu halten zu den Spielerinnen und Spielern.

Nadler: Die Jugendlichen fühlen sich bei den digitalen Medien vielleicht eher abgeholt als wir Trainer. Die Chancen der digitalen Medien liegen darin, dass es Stärken gibt, die wir nutzen können. An der Stelle sollten wir auch Hemmschwellen abbauen. Wir benötigen eine Haltungsänderung und nicht die Einstellung: Bringt doch alles nichts, ich gehöre auf den Fußballplatz. Den Fokus auf den Menschen zu legen, ist dabei elementar wichtig.

Markus Nadler

 ist Chef der Trainerausbildung beim DFB.
Markus Nadler ist Chef der Trainerausbildung beim DFB. © Thomas Boecker/DFB

Die Erfahrungen der Trainer aus dem ersten Lockdown war doch eher, dass Trainingsvideos zu Beginn interessant sind, aber dann doch langweilig. Man wird als Trainer im Video reduziert auf die Rolle des Vormachers. Ist dies das Maximum, was wir tun können?

Dugandzic: Ich denke nicht. Der DFB hat zum zweiten Lockdown die Serie „Movember“ aufgelegt, unter anderem mit Videos. Natürlich kann man sagen: Da macht ja einer nur was vor. Aber das Gegenteil ist der Fall. Während der Live-Einheiten gibt es einen Chat. In einer Stunde kommen 250 Fragen rein. Dabei geht es nicht um die reine Ausführung, sondern um andere Dinge, um den Umgang mit Verletzungen oder darum, wann wir endlich wieder auf den Platz dürfen. Uns wird die Hand entgegengestreckt, wir sollten sie nehmen. Das ist unsere Aufgabe: Wir sind nicht nur Übungsleiter, sondern Trainer und in der nächsten Stufe der Coach.

Nadler: Die Kreativität der Spielerinnen und Spieler sollten wir nicht unterschätzen. Das hat auch etwas mit Haltung zu tun, der Trainer kann auch Aufgaben an Spieler abgeben: Leute, dreht mal einen Supertrick in der E-Jugend und schickt das Video in die Gruppe. Die anderen machen das vielleicht nach. Wir brauchen als Trainer auch die Haltung, aus der Rolle des Vormachers rauszugehen, uns zurückzunehmen und den Spielern den Raum geben.


Dugandzic: Ein Beispiel. Ein Trainer hat mir erzählt, er macht Taktiktraining. Ich frage: Wie soll das gehen? Er spielt FIFA im Multiplayer-Modus, mit elf Spielern in einer Mannschaft, jeder auf seiner Position. Eine coole Idee als Alternative in dieser schwierigen Zeit, wie ich finde. Da geht es gar nicht, dass der Trainer reinruft oder Hinweise gibt, weil er physisch gar nicht dabei ist. Dadurch befähigt der Trainer den einzelnen, auf den Positionen im Mannschaftsgefüge selbst zu entscheiden.

Damir Dugandzic ist beim DFB für den Talente-Bereich verantwortlich.
Damir Dugandzic ist beim DFB für den Talente-Bereich verantwortlich. © dpa

Das Ideal sehe ich immer im direkten Austausch. Ist Einzeltraining während Corona sinnvoll?

Dugandzic: Das kommt darauf an. Nur Einzeltraining ist nicht sinnvoll, weil Fußball ein Mannschaftssport ist. Als zusätzliche Geschichte, um an Schwächen und Stärken zu arbeiten, kann das effektiv sein. Ich frage mich sowieso immer wieder, warum wir in jedem Training mit allen Spielern immer dasselbe machen. Training lässt sich splitten, in Gruppen oder in Einzeltrainings für einige Minuten, um dann in der Mannschaft wieder zusammenzukommen. Einzeltraining ist wie eine Zutat zum guten Gericht. Die Dosis macht‘s.

Wird der Fußball durch Corona Talente verlieren? Wo sehen Sie die Gefahr?

Dugandzic: Ich bin grundsätzlich optimistisch. Die Abmeldezahlen liegen uns noch nicht vor. Ich glaube, dass der Verlust im Top-Talente-Bereich gering ist, weil die Eigenmotivation hoch ist. Bei anderen Spielergruppen kann es Auswirkungen haben. Wenn Spielern, die vielleicht Einwechselspieler sind, die Kumpels und der soziale Kontext fehlt, gibt es keinen Grund, im Verein zu bleiben. Da besteht die Gefahr, dass sie aussteigen. Wenn sie sich einer anderen Sportart widmen, wäre das noch okay. Aber ich habe Sorge, dass sie sich dem Sport ganz entziehen. Wir werden es bei den Mannschaftsstärken sehen.

Wie machen es die anderen Fußballnationen?

Dugandzic: Aktuell bin ich im Austausch mit dem Schweizern. Die haben dieselben Fragen und Probleme. Deutschland hat weltweit wegen der Vereinsstruktur andere Voraussetzungen. Bei 25.000 Fußballvereinen schauen viele neidisch nach Deutschland. Wir haben unsere Stärken, unterstützen die Vereine. Wir helfen bei den Hygienekonzepten oder beim Kleingruppentraining wie nach dem ersten Lockdown. Markus, wie ist das in der Trainerausbildung?

Nadler: Wir sind eng mit den Schweizern und Österreichern in Kontakt. Da geht es darum, wie wir die Trainerausbildung am Laufen halten. Wir sind auch mit den Engländern, den Niederländern und die Belgiern im Austausch. Jeder nimmt von anderen etwas mit.

Wie sind die Beispiele aus anderen Ländern?

Dugandzic: In den Niederlanden waren die Plätze länger offen. In der Schweiz wurde interessanterweise die Position eines Talentmanagers neu eingesetzt, um sich um die Toptalente und den Übergang zu kümmern.

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Stellen Sie sich vor, Sie hätten 30.000 Trainer vor sich. Was rufen Sie denen jetzt zu?

Dugandzic: Fragt die Kinder und hört zu! Als zweites: Seid mutig! Manchmal muss man Dinge tun, von denen man nicht weiß, ob sie funktionieren.

Nadler: Habt keine Angst vor Fehlern! Jetzt ist die Chance, etwas auszuprobieren und Feedback zu bekommen. Die Chance ist groß, dass wir eine andere Fehlerkultur etablieren, dass wir aus dem Ausprobieren lernen. Lasst uns voneinander lernen. Wir haben so viele gute Leute, wenn wir das neue Erlernte teilen, können wir einen Riesenschritt machen.

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Dugandzic: Definitiv.