07. April 2020 / 16:45 Uhr

Loest: „Ein Abbruch der Saison ist sehr wahrscheinlich“

Loest: „Ein Abbruch der Saison ist sehr wahrscheinlich“

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Ekki Loest, Trainer TV Jahn Duderstadt vs HSG Plesse-Hardenberg am 07.03.20 in Duderstadt, Niedersachsen. Sport, Handball Oberliga der Männer Saison 2019/2020. |Foto: Helge Schneemann |
Ekki Loest, Vorsitzender des TV Jahn Duderstadt, spricht im Interview über einen möglichen Abbruch der Saison und die Folgen der Corona-Krise. © Helge Schneemann
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Die Ausbreitung des Coronavirus hat die Sportvereine in der Region fest im Griff – auch den TV Jahn Duderstadt. Seit Wochen ruht der Sportbetrieb, der TV Jahn Handball UG drohen finanzielle Einbuße.

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Im SPORTBUZZER-Interview spricht Ekkehard Loest, Vorsitzender des TV Jahn Duderstadt, über die Herausforderungen der derzeitigen Situation, einen möglichen Abbruch der Handball-Oberliga-Saison und die langfristigen Auswirkungen der Corona-Krise auf den Sport.

Der TV Jahn Duderstadt hat den Sportbetrieb angesichts der Ausbreitung des Coronavirus bereits vor einigen Wochen vollständig eingestellt. Ist zum jetzigem Zeitpunkt überhaupt absehbar, wann der Betrieb in gewohnter Form wieder aufgenommen werden kann?

Loest: Zurzeit kann man diesbezüglich keine Aussage treffen. Ich gehe davon aus, dass die Sporthallen erst wieder geöffnet und benutzt werden können, wenn auch der Schulunterricht wieder stattfindet.

In einer Zeit, wo Sportkurse und Trainingseinheiten nicht mehr in der Sporthalle und in größeren Gruppen stattfinden können und dürfen: Wie begleitet der TV Jahn seine Mitglieder? Gibt es Angebote für individuelles Training zuhause?

Wir haben sehr viele Abteilungen und somit entscheiden das die Abteilungs- beziehungsweise die Übungsleiter für ihre Gruppen selbst. In der Handballabteilung beispielsweise senden einige Trainer Vorgaben für Lauf- oder Krafteinheiten per WhatsApp an die Sportler. In den anderen Abteilungen wird Ähnliches praktiziert.

Welche finanziellen Auswirkungen hat die andauernde Krise auf den Verein? Werden Übungsleiter, Trainer und Handballspieler weiterhin bezahlt oder wurden anderslautende Absprachen getroffen?

Hier müssen wir erst einmal unterscheiden zwischen dem Hauptverein TV Jahn Duderstadt und der TV Jahn Handball UG. Bei dem Hauptverein ist die finanzielle Situation unkritisch. Übungsleiter werden nur für die geleisteten Stunden entlohnt. Unsere Geschäftsstelle ist weiterhin komplett geöffnet.

Handball-Minispielfest 2020 TV Jahn Duderstadt

Handball-Minispielfest des TV Jahn Duderstadt am 16.02.20 in Duderstadt, Niedersachsen. 
Foto: Helge Schneemann
 
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Handball-Minispielfest des TV Jahn Duderstadt am 16.02.20 in Duderstadt, Niedersachsen. Foto: Helge Schneemann ©

Und wie sieht es bei den Handballern aus? Welche Einbußen drohen etwa durch fehlende Zuschauereinnahmen?

Bei der Handball UG sieht die Situation schon etwas anders aus. Wir rechnen aufgrund der Situation schon mit einigen Einbußen für die noch ausstehenden eingeplanten Sponsorenzahlungen für die laufende Saison. Viele unserer Sponsoren haben jetzt andere Probleme – und da müssen wir als Verein auch Verständnis zeigen und zurückstehen. Natürlich fehlen auch die Zuschauereinnahmen. Alles zusammengenommen ist das eine sehr schwierige Lage.

Und wie will die Vereinsführung auf diese Lage reagieren?

Wir werden in den kommenden Tagen mit den Spielern sprechen und nach Kompromisslösungen suchen. Ich gehe davon aus, dass die Spieler Verständnis haben für den Verein und für die Situation. Wir sind uns aber unserer Verantwortung bewusst und werden die Probleme positiv angehen.

Handball-Oberliga: TV Jahn Duderstadt gegen Sportfreunde Söhre

Justin Brand (TV Jahn Duderstadt). TV Jahn Duderstadt vs Sportfreunde Söhre am 21.02.20 in Duderstadt, Niedersachsen. 
Sport, Handball Oberliga  der Männer Saison 2019/2020.
|Foto: Helge Schneemann
|



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Justin Brand (TV Jahn Duderstadt). TV Jahn Duderstadt vs Sportfreunde Söhre am 21.02.20 in Duderstadt, Niedersachsen. Sport, Handball Oberliga der Männer Saison 2019/2020. |Foto: Helge Schneemann | © Schneemann

Auch der Spielbetrieb in der Handball-Oberliga ruht derzeit. Welche Szenarien sind wahrscheinlich: Kann die Saison fortgesetzt werden, oder droht eher ein Abbruch?

Ich gehe davon aus, dass diese Saison nicht zu Ende gespielt wird. Alles andere ist meiner Ansicht nach nicht mehr zu organisieren. Man kann ja nicht sofort wieder starten, wenn die Hallen öffnen, weil ja auch der Trainingsbetrieb derzeit eingestellt ist. Daher ist ein Abbruch der Saison sehr wahrscheinlich.

Angenommen, die Saison kann tatsächlich nicht fortgesetzt werden: Welche Verfahrensweise wäre dann gerecht? Eine Annullierung der Saison, die Wertung der Hinrundentabelle, die Wertung der jetzigen Tabelle oder doch ein anderes Vorgehen? Was wünscht sich der TV Jahn Duderstadt im Fall der Fälle?

Für den Seniorenbereich des Handballverbandes Niedersachsen würde ich für eine Aufstockung der Oberliga auf 16 Mannschaften plädieren. Der MTV Braunschweig sollte aufsteigen, denn er steht ja eigentlich sowieso schon als Meister fest. Wenn man sich für eine Aufstockung ausspricht, dann braucht man keine Absteiger benennen und würde jeder möglichen Diskussion aus dem Weg gehen. Jedes andere Szenario beinhaltet ein gewisses Maß an sportlicher Ungerechtigkeit. Man würde also auch drohenden Einspruchsverfahren aus dem Weg gehen. Jedoch hängt dies insgesamt auch davon ab, wie der Deutsche Handball-Bund in Bezug auf die oberen drei Ligen eine Regelung beschließt.

Erst kürzlich konnte mit Marcus Wuttke ein neuer Trainer für die Oberliga-Herren verpflichtet werden, der zwar schon Trainingseinheiten geleitet hat, aber noch auf sein Debüt an der Seitenlinie warten muss. Wie gehen der neue Trainer und die Mannschaft mit der Situation um? Wie läuft die Kommunikation zwischen Trainer und Mannschaft derzeit ab?

Kommunikativ sind wir mit einer WhatsApp-Gruppe unterwegs. Unser neuer Trainer sendet Vorgaben zu Lauf- und Krafteinheiten in die Gruppe und die Spieler senden dann das Geleistete zurück. Wie ich gehört habe, läuft das sehr vernünftig und die Spieler ziehen auch gut mit.

Kann unter den aktuellen Rahmenbedingungen überhaupt für die nächste Saison geplant werden? Wie weit fortgeschritten sind zum Beispiel Vertragsverhandlungen mit den Spielern?

Insgesamt waren wir eigentlich schon relativ weit und hatten bis auf wenige Spieler mit den meisten Vereinbarungen für die kommende Saison getroffen. Jedoch werden wir jetzt in den nächsten Tagen die Gespräche suchen, da wir von deutlich veränderten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ausgehen müssen. Ich hoffe sehr, dass die Spieler dafür Verständnis haben und weiterhin dem TV Jahn Duderstadt treu bleiben. Wir möchten auf jeden Fall weiterhin in der Oberliga unseren Zuschauern eine schlagkräftige Truppe bieten. Wir haben aber auch beschlossen, kein wirtschaftliches Risiko einzugehen. Wir setzen sehr auf die Identifikation mit dem Verein. Ich denke, der TV Jahn Duderstadt hat in den vergangenen Jahren gezeigt, dass man sich auch in schwierigen Phasen auf die Verantwortlichen verlassen kann. Wir bitten unsere Sponsoren, uns auch weiterhin im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu unterstützen.

Welche langfristigen Auswirkungen kann die Corona-Krise auf den Handballsport und den TV Jahn Duderstadt allgemein haben?

Ob das Auswirkungen auf den TV Jahn Duderstadt hat, kann ich noch nicht sagen. Das werden die Gespräche mit den Spielern und dann das Resultat daraus ergeben. Manchmal haben Krisen auch etwas Positives. Alle rücken ein bisschen mehr zusammen und dadurch ergibt sich dann auch ein neues Wir-Gefühl. Wie sagte schon Helmut Schmidt: ,In der Krise zeigt sich der Charakter‘. Für den Handballsport aber auch insgesamt für den Sport rechne ich aber mit erheblichen Auswirkungen.

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Womit zum Beispiel?

Keiner weiß heute, welche wirtschaftlichen Folgen die Corona-Krise für die Unternehmen bedeuten wird. Das wird alle Vereine in den verschiedenen Sportarten treffen und dies macht auch zukünftige Planungen so schwierig. Ich möchte nicht ausschließen, dass im Handballbereich einige Vereine aus den oberen Ligen sich freiwillig zurückziehen, da ihnen das wirtschaftliche Risiko zu hoch ist. Ich habe in den vergangenen Tagen sehr viele Gespräche mit Verantwortlichen geführt, die Mannschaften in der dritten oder sogar der zweiten Liga managen. Alle sind ziemlich verunsichert und wissen nicht so richtig, wie man planen soll. Einige überlegen, ob es nicht besser ist, zurückzuziehen. Hoffen wir mal, dass alle, Spieler, Trainer und Verantwortliche, sich ihrer Verantwortung in der sehr schwierigen Phase bewusst sind und so ein Flächenbrand in der Handball-Landschaft vermieden werden kann.

Interview: Filip Donth