22. Juli 2021 / 07:25 Uhr

Lok Leipzig, Chemie, Eilenburg und Meuselwitz: Drittliga-Ambitionen, Rivalität und Corona-Zwänge 

Lok Leipzig, Chemie, Eilenburg und Meuselwitz: Drittliga-Ambitionen, Rivalität und Corona-Zwänge 

Johannes David / Antje Henselin-Rudolph / Robin Knies
Leipziger Volkszeitung
Hatten gemeinsam Spaß am Ball: Almedin Civa, Nico Knaubel, Holm Pinder und Miroslav Jagatic (v.l.n.r.).
Hatten gemeinsam Spaß am Ball: Almedin Civa, Nico Knaubel, Holm Pinder und Miroslav Jagatic (v.l.n.r.). © Christian Modla
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Für den 1. FC Lok Leipzig, die BSG Chemie, den ZFC Meuselwitz und Aufsteiger FC Eilenburg wird es ernst: Die Regionalliga Nordost startet in eine Mammutsaison. Bevor es soweit ist, sprechen die Trainer der vier Clubs im gemeinsamen Interview mit dem SPORTBUZZER unter anderem über die Zuschauerrückkehr, Visionen und Montagsspiele.

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Leipzig. Wenn die Regionalliga Nordost am Wochenende in die Saison startet, werden mit dem 1. FC Lok Leipzig, der BSG Chemie Leipzig, dem FC Eilenburg und dem ZFC Meuselwitz gleich vier Vereine aus der Region dabei sein. Ihre Voraussetzungen sind deutlich verschieden, ihre Ambitionen ebenfalls. Gemeinsam ist den Clubs dagegen die Unsicherheit nach der zweiten langen Corona-Zwangspause und die Abneigung gegenüber Montagsspielen. Bevor es um Punkte geht, haben wir die Trainer Almedin Civa (Lok), Miroslav Jagatic (BSG), Nico Knaubel (FCE) und Holm Pinder (ZFC) zum Gespräch gebeten.

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Herr Knaubel, willkommen in der Regionalliga! Allerdings war der Weg dahin durchaus fragwürdig, mit nur neun Spielen und via Quotientenregel. Sind Sie denn verdient aufgestiegen?

Nico Knaubel: Grundsätzlich erst mal nicht. Wir wollten das eigentlich sportlich zu Ende bringen. Wir haben uns immer dafür ausgesprochen, dass wir Saison mit Playoffs noch zu Ende spielen. Dass wir aufgestiegen sind, ist nicht sportlich fair, aber wir entschuldigen uns auch nicht dafür, wenn wir nach neun Spielen auf Platz 1 sind. Es gibt viele Kommentare, die das sehr kritisch sehen, die sagen, „das ist ja sportlich komplett unfair, was ihr hier macht“, aber wir haben das ja nicht entschieden.

Zum Auftakt gibt es am Sonntag gleich das Derby gegen Chemie. Für Sie sicherlich ein undankbares Spiel, Herr Jagatic.

Miroslav Jagatic: Jedes Spiel ist undankbar, meiner Meinung nach. Man weiß nie genau, wo man am Beginn der Saison steht. Egal ob Aufsteiger oder Regionalliga-Veteran – wir begegnen jedem Gegner mit einem gewissen Respekt und Demut. Ich habe Eilenburg am Sonntag (im Test gegen Bischofswerda, d. Red.) gesehen, und Knaubi hat eine klare Handschrift. Man darf Eilenburg nicht unterschätzen. Es ist immer eklig, dort zu spielen.

Herr Pinder, der ZFC Meuselwitz stand zum Abbruch der Saison auf einem Abstiegsplatz. Wäre das noch gut gegangen?

Holm Pinder: Als die Saison abgebrochen wurde, hatten wir schon eine ganz schöne Delle – sportlich und im Mannschaftsgefüge. Die Zeit danach haben wir bis Dezember vor allem mit Training verbracht, das war schon die richtige Richtung – in den Testspielen hat die Mannschaft dann schon gezeigt, was in ihr steckt. Wir haben zwar nicht um Punkte gespielt, aber trotzdem gemerkt, dass Potenzial da ist. Die Gewähr, ob das gut ausgegangen wäre oder wir abgepfiffen wären, kann wohl keiner geben.

Herr Civa, Lok hat von allen Vereinen hier die wahrscheinlich größten Ambitionen. Der Verein wollte schon in Liga drei sein – wie groß ist da jetzt der Druck?

Almedin Civa: In die letzte Saison haben wir richtig gut rein gefunden, haben guten Fußball gespielt, nach dem letzten Spiel gegen Meuselwitz kam dann leider Gottes der Abbruch. Am Ende hatten wir dann ein Erfolgserlebnis, nach dem der Verein jahrelang gelechzt hat (der Gewinn des Sachsenpokals), und kommen mit guter Stimmung in die neue Saison. Wir wollen natürlich den nächsten Schritt machen. Aber es gibt vier, fünf Teams in der Liga mit Aufstiegsambitionen, dazu gehört auch Lok. Von den Ambitionen, in die dritte Liga zu kommen, ist noch sehr viel geblieben, aber wenn man das auf Teufel komm raus machen will, fliegt man auf die Fresse.

Almedin Civa, 49, ist seit Juli 2020 Trainer von Lok Leipzig. Davor trainierte er den SV Babelsberg. Als Spieler war er unter anderem für Sachsen und den VfB Leipzig sowie den Halleschen FC aktiv. 
Almedin Civa, 49, ist seit Juli 2020 Trainer von Lok Leipzig. Davor trainierte er den SV Babelsberg. Als Spieler war er unter anderem für Sachsen und den VfB Leipzig sowie den Halleschen FC aktiv.  © Christian Modla

Die Saison startet mit 20 Teams, soll aber wieder auf 18 herunter geschmolzen werden. Es könnte zu sechs Absteigern kommen. Finden Sie das korrekt?

Knaubel: Jeder hat andere Interessen: die Verbände, Amateur- und Profivereine. Die Verbände müssen da also irgendwie einen Kompromiss finden. Die Durchführungsbestimmungen sollten schon am Anfang der Saison klar und deutlich geregelt sein. Wenn man auf 18 reduziert, muss das vorher festgelegt werden. So etwas kann man nicht während der Saison entscheiden.

Pinder: Wir müssen das Sportliche im Fokus behalten. Ob es dann sechs Absteiger gibt oder wieder gar keinen, das können wir jetzt gar nicht beurteilen. Das Thema wurde ja jetzt erst wieder aufgemacht und jeder Verein versucht natürlich, seinen Standpunkt da in den Vordergrund zu schieben. In dieser schwierigen Zeit muss man auch die Verantwortlichen, die das Ganze leiten und regulieren, verstehen. Die wollen das eben auch in gewohnten Bahnen reguliert haben. Auch wenn das uns kleinere Vereine dann natürlich härter trifft als die größeren, die sportlich besser da stehen.

Die Regionalliga ist attraktiv, mit vielen Derbys und vielen Traditionsmannschaften. Doch wegen der Corona-Regeln dürfen die Stadien nicht voll ausgelastet sein. Wie sehen Sie diese Einschränkungen?

Jagatic: Wir müssen langsam mal wieder zurückfinden in die Normalität, das ist für alle Vereine hier wichtig, damit wir unsere Fans wieder mit im Boot haben. Da geht es um die Existenz. Wir haben keine Rückmeldung bekommen, dass sich bei einem Spiel jemand infiziert hat. Ob die Leute sich außerhalb des Stadions um den Hals fallen, ist eine andere Geschichte, aber wir reden darüber, was im Stadion passiert.

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Civa: Erstmal zu den sechs Absteigern: Es ist klar, dass jeder Verein im Vorhinein wissen muss, was passiert, egal ob er um Aufstieg oder Abstieg spielt. Wenn der Verband sagt, wir wollen nächste Saison mit 18 Vereinen starten, dann müssen wir damit leben.

Nico Knaubel, 41, ist seit 2015 Trainer des FC Eilenburg. Er führte die Mannschaft von der Sachsen- in die Regionalliga. Als Spieler kickte er unter anderem für Eilenburg und den VfB Leipzig.
Nico Knaubel, 41, ist seit 2015 Trainer des FC Eilenburg. Er führte die Mannschaft von der Sachsen- in die Regionalliga. Als Spieler kickte er unter anderem für Eilenburg und den VfB Leipzig. © Christian Modla

Und alle Beteiligten mussten mit dem zweiten Saisonabbruch in Folge leben.

Civa: Wenn die Spieler nicht in Kurzarbeit gegangen wären, bräuchten wir uns nicht unterhalten, dann würden viele Vereine nicht mehr existieren. Und was passiert mit den Spielern? In zwei Jahren haben sie zwölf Spiele gemacht. Die aus dem Westen haben dagegen volle Kapelle gespielt. Ein Spieler Jahrgang 2002 hat zwei seiner besten Jahre in der A-Jugend verloren. Wir nehmen den Unterbau weg. Wir müssen uns gemeinsam vorbereiten und brauchen Hilfe, weil noch ein Jahr so einen Müll kriegen wir nicht hin. Ich bin der Meinung, dass man unter der Bedingung, dass alle geimpft, genesen oder getestet sind, wieder Zuschauer ins Stadion lassen kann.

Es wird in der Regionalliga das eine oder andere Montagsspiel geben. Was halten Sie davon?

Pinder: Grundsätzlich sind Montagsspiele nie perfekt. Uns betrifft es am vierten Spieltag in Luckenwalde, da kommen wir auch an unsere Grenzen, aber wir könnten das noch relativ gut abfedern. Beim „Knaubi“ wäre ein Montagsspiel wahrscheinlich schon schwieriger.

Knaubel: Ich finde das eine Katastrophe, der Fußball wird verwässert. Wir sind eine Amateurliga und die gehört nun mal den Fans, und Fußball findet am Wochenende statt. Die Fans haben da keine Lust drauf, selbst wenn es nur 20 sind, die können nicht Mittwoch um 18 oder 19 Uhr in Luckenwalde sein.

Pinder: Wir werden nicht umkommen, wenn wir mal montags spielen, aber das ist natürlich für niemanden optimal.

Civa: Wir hatten das zwei Jahre in der Bundesliga, und die Fans haben entschieden. Wenn die Menschen im großen Rahmen sagen, wir haben keinen Bock auf Fußball am Montag, warum sollen wir dann in der Regionalliga Bock auf Fußball am Montag haben?

Jagatic: Auch wenn wir für die Montagsspiele vielleicht etwas Fernsehgeld extra kriegen, muss das nicht zum Wohle des Vereins sein. Wenn wir ein Montagsspiel in Meuselwitz haben, kommen dafür statt 2000 nur 200 Chemiker mit – dann ist das Geld auch weg.

Pinder: Es betrifft uns ja alle. Wenn das mal ein Spiel in der Hin- und Rückrunde ist, dann fahren wir halt dahin. Das sollte aber nicht zur Regelmäßigkeit werden. Das wäre nicht der richtige Weg.

Holm Pinder, 50,  ist seit Oktober 2020 Trainer des ZFC Meuselwitz. Bereits von 2011 bis 2014 trainierte der den ZFC. Er spielte unter anderem für den VfB und Sachsen Leipzig sowie den FSV Zwickau. 
Holm Pinder, 50, ist seit Oktober 2020 Trainer des ZFC Meuselwitz. Bereits von 2011 bis 2014 trainierte der den ZFC. Er spielte unter anderem für den VfB und Sachsen Leipzig sowie den FSV Zwickau.  © Christian Modla

Der Fußball entwickelt sich stetig, auf und neben dem Platz. Wo sehen Sie Ihren Verein in fünf Jahren?

Knaubel: Ich hoffe, dass wir so in den Grundfesten erhalten bleiben. Natürlich wäre es schön, einen Einblick in noch höhere professionellere Strukturen zu bekommen. Ich weiß nicht, ob wir das so machen können, wie es Heidenheim viele Jahre lang gemacht hat, von den untersten Klassen bis weit nach oben, da gehören ja auch finanzielle Strukturen dazu. Wenn du Leute mitnehmen und begeistern kannst, eine gute Struktur, Trainer und Nachwuchs hast, habe ich die Vision, dass das lange Zeit sehr gut werden kann in Eilenburg. Ich wünsche mir, dass wir auch in fünf Jahren ein gefestigter, herzlicher, finanziell gut aufgestellter Verein sind.

Jagatic: Ich wünsche mir aus sportlicher Sicht, dass die C-Junioren in er Regionalliga, die B- und A-Jugend in der Bundesliga spielen, die U23 in der sechsten Liga.. Am schönsten wäre es, wenn wir dann erstmal Flutlicht, Kunstrasen und Rasenheizung haben: Chemie ist ein Verein, der allein schon wegen der Fanbase in 3. Liga gehört, das ist Fakt. Genau wie Lok, Jena oder Chemnitz. Auch mein Vorbild ist Heidenheim: Von nach oben, aber gesund und strukturiert. Schuldenfrei in die 3. Liga zu kommen, sollte machbar sein.

Pinder: Bei uns ist das so ähnlich. Wir haben die Infrastruktur und unser Standort ist eigentlich optimal, genau im Dreieck zwischen Leipzig, Chemnitz und Jena. Das kann aber auch die Krux sein – viele Spieler gehen wegen der sportlichen Perspektive lieber nach Leipzig. In den nächsten Jahren müssen wir erstmal versuchen, mit einem guten sportlichen Konzept die Regionalliga zu halten, ein Geheimplan Richtung dritte Liga schlummert sicher auch bei Hubert (Wolf, ZFC-Präsident) im Schrank.

Civa: Ich hoffe, dass unsere Infrastruktur im Nachwuchs stabiler wird, dass die C-, B-, und A-Jugend mindestens Regionalliga spielen. Ich würde mir wünschen, dass sich unsere Mitgliederzahl von 3000 auf 3500 erhöht, und dann natürlich die 3. Liga – das kann und muss der Anspruch für Lok Leipzig sein.

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Es herrscht eine ausgeprägte Rivalität zwischen Lok und Chemie. Wie haben Sie das bisher erlebt?

Jagatic: Nach einem gewonnenen Spiel gegen Lok um den Klassenerhalt kamen mir die ersten Fans entgegen und meinten: „Miro, lass dich drücken, jetzt kannst du auch absteigen, Hauptsache, wir haben gegen Lok gewonnen.“ Da ist mir erst mal klar geworden, wie die so ticken.

Civa: Ohne Derbys macht es keinen Spaß. Ich habe Derbys gewonnen, Derbys verloren, ich weiß, wie man sich danach fühlt. Das ist auch alles ok so, aber trotzdem muss alles fair zugehen. Dass man sich nach dem Spiel beschimpfen lässt, gehört dazu, aber alles muss im friedlichen Rahmen bleiben.

Jagatic: Trotz aller Rivalität: Wenn ich nach Probstheida fahre, werde ich von den Verantwortlichen sehr herzlich empfangen. Selbst, wenn ich Lok-Fans in der Innenstadt begegne, bleiben alle Seiten fair, da geht sich keiner an die Gurgel. Ich will beim Fußball das Positive sehen und nicht, dass die Fans sich in der dritten Halbzeit die Köpfe einschlagen. Wir haben da auch eine Vorbildfunktion. Ich will, dass die Kinder Spaß am Fußball haben, sie sollen sich auf Spiel konzentrieren und nicht den Hass spüren, sondern gegenseitigen Respekt.

Miroslav Jagatic, 45, ist seit Januar 2019 Trainer von Chemie Leipzig, stieg mit der Mannschaft im gleichen Jahr in die Regionalliga auf. Als Spieler trug er unter anderem das Trikot von TeBe Berlin und Croatia Berlin.
Miroslav Jagatic, 45, ist seit Januar 2019 Trainer von Chemie Leipzig, stieg mit der Mannschaft im gleichen Jahr in die Regionalliga auf. Als Spieler trug er unter anderem das Trikot von TeBe Berlin und Croatia Berlin.  © Christian Modla

Inwieweit profitieren Sie als Regionalliga-Vereine eigentlich von RB Leipzig?

Pinder: Nicht sonderlich. Es ist schwierig, mit unserer Gehaltsstruktur ein Auffangbecken für Spieler aus dem Nachwuchs von RB Leipzig zu sein.

Knaubel: RB ist eine unfassbare Bereicherung für die ganze Region. Wir sind der Ursprung und die Basis, und wenn ein Spieler Talent hat, wird RB das erkennen und ihn zu sich holen. So soll das ja auch sein, damit die Spieler maximal gefördert und ausgebildet werden. Dann gibt es aber auch einen Weg zurück: Die Spieler wissen, wo sie herkommen, und haben hier auch oft ihr soziales Umfeld. Wenn sie es nicht ganz nach oben schaffen, kommen sie irgendwann an einen Punkt, an dem sie sich fragen: Reicht das, um meine Ziele als Fußballer zu erreichen, oder sollte ich mir langsam mal Gedanken um einen Plan B mit Studium oder Ausbildung machen.

Civa: Auch die Stadt Leipzig hat von RB profitiert. Ich habe mit Sachsen Leipzig damals das Eröffnungsspiel im umgebauten Zentralstadion gemacht, danach war da lange gar keiner drin, weil die ganzen Vereine so abgestürzt sind. Die ganzen Spieler und Jobs, die jetzt bei RB sind, wo wären die denn geblieben? Man kann seine Meinung darüber haben, wie das alles bei RB passiert ist, aber RB Leipzig nimmt uns keine Spieler weg.

Jagatic: Wir haben ja ein paar Spieler mit RB-Vergangenheit bei uns. Wir profitieren von der Ausbildung bei RB Leipzig, wenn die Jungs rübergehen und wieder zurückkommen. Ansonsten leben die halt in ihrer eigenen Welt. Klar würden wir uns auch gern was vom Kuchen nehmen wollen, RB hat eben gute und gut ausgebildete Spieler. Aber wenn man mit manchen über das Gehalt redet, denke ich mir, dafür könnten wir sieben oder acht von unseren finanzieren. Deshalb finde ich auch Gehaltsobergrenzen gar nicht so schlecht, gerade, um die jungen Spieler nicht zu versauen. Manche kommen aus der Jugend und verlangen mehr als jemand, der schon acht oder neun Jahre Regionalliga-Erfahrung hat, das finde ich schon krass.

Wer wird diese Saison eigentlich Regionalliga-Meister?

Civa: Jena.

Pinder: Cottbus.

Knaubel: Chemnitz.

Jagatic: Jena.