26. März 2019 / 21:45 Uhr

ESV Lok Potsdam: "Das wäre der Ruin für den Verein"

ESV Lok Potsdam: "Das wäre der Ruin für den Verein"

Stephan Henke
Märkische Allgemeine Zeitung
Jürgen Happich ist seit 1986 Vereinsvorsitzender und zugleich Vorsitzender des Verbands Deutscher Eisenbahner-Sportvereine.
Jürgen Happich ist seit 1986 Vereinsvorsitzender und zugleich Vorsitzender des Verbands Deutscher Eisenbahner-Sportvereine. © Bernd Gartenschläger
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Landesklasse West: Der Gesamtverein möchte das Vereinsgelände kaufen, doch das Bundeseisenbahnvermögen verweigert den Verkauf und erhebt eine Pachtforderung in Höhe von 553.000 Euro – pro Jahr. Das könnte für den Verein das Aus bedeuten.

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Das Sportgelände des ESV Lok Potsdam kann getrost als Filetgrundstück bezeichnet werden. Die 30 000 Quadratmeter große Fläche liegt idyllisch am Tiefen See. In der Nachbarschaft der Berliner Vorstadt stehen herrschaftliche Häuser, darunter die repräsentative Villa Bergmann, direkt neben dem Vereinsgelände. Wäre die Fläche Bauland, der Eigentümer könnte beim Verkauf mit einer beträchtlichen Gewinnsumme rechnen.

Vereinsheim für 3,2 Millionen DM

Seit 1990 kommt Lok Potsdam mit seinen gut 1300 Mitgliedern in 14 Abteilungen für alle Kosten auf dem Gelände auf. „Wir beschäftigen drei Platzwarte für den Erhalt eines entsprechend attraktiven Sportangebots“, erzählt Vereinspräsident Jürgen Happich. Zur Jahrtausendwende hat der ESV mit Fördermitteln und Eigenanteil ein 3,2 Millionen DM teures Vereinsheim gebaut. Voraussetzung dafür war ein Erbbaurechtsvertrag mit dem Eigentümer, dem Bundeseisenbahnvermögen (BEV).

Der Vertrag gilt allerdings nur über 25 Jahre, was für den Verein bei der Beantragung von Fördermitteln und Krediten häufig zum Problem wird – deshalb will der Verein das Gelände schon seit einiger Zeit kaufen. „Wir sind inzwischen wieder schuldenfrei, insofern ist der Kauf auf Basis einer sachgerechten Bewertung ohne Alternative, um die Zukunftsfähigkeit des Vereins zu erhalten“, sagt Happich.

Der Sportplatz des ESV Lok Potsdam liegt direkt am Tiefen See, in direkter Nachbarschaft zur Villa Bergmann (r.).
Der Sportplatz des ESV Lok Potsdam liegt direkt am Tiefen See, in direkter Nachbarschaft zur Villa Bergmann (r.). © Bernd Gartenschläger
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Doch das BEV, das die Grundstücke der Eisenbahner-Sportvereine (ESV) verwaltet, spielt da nicht mit. Zwar teilt die Behörde auf MAZ-Anfrage mit: „Das BEV bietet allen seinen anerkannten förderungswürdigen Sportvereinen den Erwerb der Sportflächen an. Die übrigen Sportvereine haben die Gelegenheit, ihre Sportfläche im Rahmen einer öffentlichen Ausbietung zu erwerben.“ Schon 2004 stellte Lok laut Happich den ersten Kaufantrag, 2014 den bislang letzten. Auf eine schriftliche Antwort darauf wartet Lok laut Happich bis heute, dem Kaufangebot wurde bislang nicht zugestimmt.

Status als "betriebliche Sozialeinrichtung" aberkannt

Der springende Punkt ist inzwischen der Status des Vereins, denn nur als „betriebliche Sozialeinrichtung des BEV“ sind die Eisenbahner-Sportvereine von Pachtzahlung befreit. Das gilt, solange mehr als 50 Prozent der Mitglieder aktive oder ehemalige Mitarbeiter der Bahn sind beziehungsweise deren Angehörige, die ebenfalls als „Eisenbahnermitglieder“ geführt werden.

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Wir präsentieren die Elf der Woche des 20. Spieltages der Landesklasse West. ©

Den Status als betriebliche Sozialeinrichtung hatte Lok Potsdam mehr als zwei Jahrzehnte, zum 1. Januar 2018 wurde er aber aberkannt. „Der Entscheidung lag zugrunde, dass der Verein trotz mehrfacher Aufforderung keinen Nachweis über die Eisenbahner und deren Beitragszahlung im Jahr 2016 erbracht hatte“, heißt es in einem Schreiben des BEV an den Verein, das der MAZ vorliegt. Für Jürgen Happich nicht nachvollziehbar: „Den Nachweis über die Eisenbahnermitglieder haben wir immer gebracht. Unsere Mitglieder zahlen ihre Beiträge aber in der Regel bar. Das war in den letzten zweieinhalb Jahrzehnten kein Problem.“

553.000 Euro Pacht - pro Jahr

Das EBV fordert, dass die Eisenbahnermitglieder über das Girokonto ersichtlich sind. Ist das nicht möglich, können die Vereine alternativ ihre Mitglieder eine „Freiwillige Erklärung“ unterschreiben lassen, dass sie Eisenbahnermitglieder sind. Das haben alle Eisenbahnmitglieder von Lok Potsdam getan, genau 52,6 Prozent der relevanten Mitglieder – damit wäre die Pachtforderung eigentlich hinfällig. „Selbst das erkennt das BEV trotz gemeinsamer Absprache nicht an“, erzählt Happich. Denn: „Die Entscheidung ist [...] unumkehrbar“, teilt die Behörde in einem Schreiben mit. Heißt im Klartext: Ist der Status als betriebliche Sozialeinrichtung der Bahn einmal aberkannt, kann er nicht wieder erlangt werden.

Die Folge des verlorenen Status: Lok Potsdam soll 553 000 Euro Pacht bezahlen – wohlgemerkt pro Jahr. „Wir haben Widerspruch eingelegt. Die Pachtforderung ist inhaltlich nicht begründet“, erklärt Happich, der seit 1986 Vereinsvorsitzender ist. Wenn ein Verein nämlich keine Eisenbahnmitglieder hätte – das BEV unterstellt Lok null Prozent Eisenbahnmitglieder –, beträgt die Pacht sieben Prozent des Grundstückswerts. Zwei unabhängige Gutachter beziffern den Wert des Sportgeländes zwischen 290 000 und 480 000 Euro. „Von der Behörde werden die Gutachten ignoriert, sie geht von einem Grundstückswert von rund 8 Millionen Euro aus“, sagt Happich, der selbst fünf Jahrzehnte bei der Bahn gearbeitet hat.

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Felix Puls ist Brandenburgs Held der Woche. ©

Wegen des Streits wurde nun ein Bewertungsgremium eingesetzt, so wie es der Erbbaurechtsvertrag vorsieht. Das Gremium soll feststellen, wie viel das Grundstück wert ist. Die Pachtforderung wird Lok aber nicht bezahlen. „Jeden verfügbaren Cent brauchen wir für den Kauf und für nichts anderes, schon gar nicht für unbegründete Pachtzinsforderungen“, sagt Happich. „Sollten wir sie bezahlen müssen, wäre das der Ruin für den Verein.“

Infos zum Verein:

  • Der ESV Lok Potsdam ist der sechstgrößte Sporverein in der Stadt Potsdam. Die 14 Abteilungen (13 Sportarten) haben insgesamt 1307 Mitglieder. Die größte Abteilung ist der Fußball mit 310 Mitgliedern, gefolgt vom Wassersport (160) und Rollsport (75). 
  • Am 21. Juni 1951 wurde der Verein als BSG Lokomotive Potsdam gegründet, seit dem 1. Oktober 1990 heißt der Verein ESV Lokomotive Potsdam.
  • Als sportliches Highlight steht am 6. April der 16. Potsdamer Haveluferlauf im Kalender, der Start und das Ziel befinden sich auf dem Sportplatzgelände des ESV Lok Potsdam (Berliner Straße 67). Der Lauf zählt auch zur Serie des Brandenburg-Cups. Interessierte Sportler können sich unter der Internetadresse www.strassenlauf.org anmelden.
  • Lok Potsdam ist Mitglied im Verband Deutscher Eisenbahner-Sportvereine (VDES). Der Vereinsvorsitzende Jürgen Happich ist zugleich auch Präsident des VDES, in welchem rund 300 Eisenbahnersportvereine organisiert sind.

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