20. Dezember 2019 / 08:18 Uhr

Lok-Präsident Löwe: "Müssen uns immer wieder für Vollpfosten rechtfertigen"

Lok-Präsident Löwe: "Müssen uns immer wieder für Vollpfosten rechtfertigen"

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Im SPORTBUZZER-Interview spricht Lok Leipzigs Präsident Thomas Löwe unter anderem über die finanziellen Hürden im Falle eines sportlichen Aufstiegs in Liga Drei.
Thomas Löwe muss in vielen Bereichen agieren. © LVZ-Archiv
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Der Präsident des Regionalligisten muss beständig an zahlreichen Fronten kämpfen. Im SPORTBUZZER-Interview spricht Thomas Löwe über den neuen Trainer des 1. FC Lok Leipzig, die Sponsorensuche, Rassismus und gibt zu: "Im Moment wäre es noch nicht möglich, die Lizenz für die 3. Liga zu beantragen."

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Leipzig. Mit zwei Punkten Rückstand geht Fußball-Regionalligist 1. FC Lok Leipzig ins neue Jahr. Das Team kämpft sportlich um den Aufstieg, der Vorstand um die finanziellen Grundlagen für Liga drei. Auch im Plache-Stadion geht es voran, am Donnerstag übergaben Stadt und Land Förderbescheide für 2020. Darüber sowie über Trainer Wolfgang Wolf, Affenlaute beim Hertha-Spiel und die geplante Fusion mit dem VfB unterhielten sich Frank Schober und Anton Kämpf mit Präsident Thomas Löwe (52).

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Herr Löwe, Ihre Profi-Mannschaft überwintert hinter Cottbus auf Rang zwei, hat nur ein Spiel verloren. Aber waren sieben Unentschieden nicht das ein oder andere Remis zu viel?

Sicher war manch Punktverlust unglücklich, insgesamt hat uns die Mannschaft aber mehr als stolz gemacht. Wir sind im Titelrennen voll dabei und stehen im Pokal-Halbfinale. Mit Wolfgang Wolf haben wir einen Sportdirektor, der strukturell hochprofessionell arbeitet. Wir sind hocherfreut, dass er seine Doppelfunktion bis Sommer 2020 fortsetzt.

Haben Sie nach den sieben Remis wirklich gut geschlafen? Welches lag Ihnen besonders schwer im Magen?

Ich habe fast immer gut geschlafen. Gefreut habe ich mich über das eine oder andere Remis aber nicht: Wenn du in Altglienicke schon 2:0 führst oder wenn Fürstenwalde mit zwei Schüssen im Spiel zu zwei Toren kommt. Die Mannschaft will Erster werden, nicht Zweiter. Sie ist auf einem sehr guten Weg. Ich habe noch nie gehört, dass sich eine Mannschaft so über eine Trainerentscheidung gefreut hat wie zur Weihnachtsfeier, als Wolfgang Wolf bekanntgab, dass er weitermacht. Auf den Jubel hat er übrigens geantwortet: „Euch wird das Lachen ab 4. Januar schon noch vergehen.“

Wie ist es Ihnen 2019 gelungen, Wolfgang Wolf an Lok zu binden?

Er ist für uns wie ein Sechser im Lotto, ein ganz großer Glücksfall. Er hat ab und zu bei uns im Stadion die Spiele seines Sohnes angeschaut. Eigentlich wollten Olaf Winkler und ich von ihm den ein oder anderen Rat einholen. Der Austausch ist dann so intensiv geworden, dass wir gesagt haben: Wir können uns Wolfgang eigentlich nicht leisten, aber wir wollen ihm trotzdem ein für uns machbares Angebot unterbreiten.

Wie konnten Sie sich Wolfgang Wolf letztlich doch leisten?

Für einen solchen Betrag wie bei uns hat er sicherlich noch nie gearbeitet, und er wollte eigentlich auch nicht mehr im Fußball arbeiten. Bei uns ist er vor dem Spiel immer mit der Straßenbahn ins Stadion gekommen. Die Atmosphäre hat ihn immer an Kaiserslautern erinnert, wie die Fans in ihren Kutten mit den Aufnähern zum Spiel gekommen sind. Er hat vom ersten Tag an gebrannt. Und, ganz wichtig: Er hat eine liebe Frau, die oft bei den Spielen dabei ist und gern für sein Engagement zugestimmt hat. Wir freuen uns riesig, dass er beim 1. FC Lok Feuer gefangen hat. Es ist ein Erlebnis, ihm beim Arbeiten zuzuschauen.

Sahen Sie kein Problem, dass er nun seinen Sohn trainiert?

Das ist innerhalb der Mannschaft kein Thema. Patrick Wolf hat es unter seinem Vater eher schwerer als unter einem anderen Trainer.

2018 lag Ihnen die Trennung von Trainer Heiko Scholz schwer im Magen. 2019 kam es zu einer schwer zu verstehenden Trennung. Wie überraschend war der Rücktritt von Björn Joppe?

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Für mich etwas überraschend, obwohl es sich ein wenig angedeutet hatte. Ich kann nur eine Empfehlung für Björn Joppe aussprechen und würde mich riesig freuen, wenn er seine Fähigkeiten bei einem anderen Verein wieder unter Beweis stellen könnte. Manchmal gibt es Dinge im Leben, die einer weiteren Zusammenarbeit im Weg stehen.

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War die Mannschaft gegen Joppe?


Wir haben verabredet, dass wir über die Umstände nicht sprechen, daran halten wir uns weiterhin. Es waren sportlich interne Vorgänge, es ist dann der eigene Entschluss von Björn Joppe und Ronny Surma gewesen. Beide kommen nach wie vor zu unseren Spielen, ihr Verhältnis mit der Klubführung und mit Wolfgang Wolf ist intakt.

Kann sich Lok im Falle des Aufstieges die 3. Liga ab Sommer leisten?

Nach den Erfahrungen und Erlebnissen der letzten 30 Jahre geht es bei uns in erster Linie darum, eine sportlich UND wirtschaftlich stabile Position zu erreichen. Im Moment wäre es noch nicht möglich, die Lizenz für die 3. Liga zu beantragen. Ein kluger Mann hat mal gesagt: „Die Basis ist das Fundament unserer Grundlage.“ Und daran werden wir uns halten. Wir müssen erst die Grundlagen schaffen, da sind wir jeden Tag am kämpfen, dabei unterstützen uns Persönlichkeiten der Leipziger Wirtschaft. Es wäre jammerschade, wenn wir zwei Jahre so viel Geld, Kraft und Herzblut in das Projekt Aufstieg gesteckt hätten und es dann finanziell nicht reicht. Noch haben wir etwas Zeit.

Wann muss die Entscheidung fallen?

Die Unterlagen müssen im März abgegeben werden. Wir haben uns intern aber die Deadline gesetzt, dass die Mitgliederversammlung am 24. Januar von uns informiert wird, in welche Richtung es mit dem 1. FC Lok weitergehen kann. Es kann einen Verein zerreißen, wenn man in der 3. Liga dauerhaft auf dem 20. Platz steht. Wir haben eine positive Entwicklung der Mitgliederzahlen, der Social-Media-Reichweite und bei den Fanshop-Umsätzen. Wir haben über 150 Sponsoren und viele Spender, aber das genügt finanziell noch nicht, um unseren Ansprüchen gerecht zu werden. Wir sind weiter intensiv im Gespräch mit potenziellen Investoren.

Auch mit Hauptsponsor ETL?

Auch das ist ein Thema, worüber ich am 24. Januar die Mitglieder informieren möchte. Ausschließen möchte ich momentan nichts. Wie auch immer die Gespräche mit ETL ausgehen: Wir haben Franz Josef Wernze sehr viel zu verdanken, er hat uns seit 2014 wie kein anderer geholfen. Er hat geholfen die Lok strukturell völlig neu aufzustellen, durch die Erbbaupacht waren und sind infrastrukturelle Investitionen in Millionenhöhe möglich. Herr Wernze wird auf der Mitgliederversammlung zum Ehrenmitglied vorgeschlagen. Ich bin davon überzeugt, dass dieser Vorschlag von unseren Mitgliedern angenommen wird.

Kann es sein, dass es im Sommer ohne Profitum weitergeht?

Es macht keinen Sinn, jetzt ins Blaue zu diskutieren. Wenn das Geld nicht da ist, müssen wir kleinere Brötchen backen, aber noch können wir kämpfen und das tun wir auch. Wir haben schon in diesem Jahr Stellen in der Verwaltung in der GmbH abgebaut sowie den Nachwuchs größtenteils auf Ehrenamt umgestellt. Allen Mitarbeitern und Trainern gilt ein großes Kompliment. Wir sind trotzdem auf gutem Weg, in allen Großfeldteams von der A- bis zur C-Jugend ist der Aufstieg in die Regionalliga möglich. Das Ehrenamt ist unsere große Stütze, ohne die rund 150 Ehrenämtler in verschiedenen Bereichen wäre der Verein nicht lebensfähig. Es ist uns unverständlich, dass der DFB die sowieso schon symbolische Pauschale von 400.000 Euro für die Nachwuchs-Regionalligisten gestrichen hat. Das trifft das Ehrenamt, es ist ein fatales Zeichen.

Inwiefern schaden Vorkommnisse wie die Affenlaute in Berlin?

Ich war selbst vor Ort, habe es nicht gehört, bei der Unterbrechung wusste man im Stadion nicht, was passiert war. Die Recherchen unserer Fans haben ergeben: Es gab vier, fünf Vollpfosten, die die Rufe von sich gegeben haben. Von solchen Dingen distanzieren wir uns. Wir sind ein internationaler Verein, in dem Spieler aus 32 Nationen miteinander als Freunde Fußball spielen. Wer so etwas tut, kennt unseren Verein gar nicht. Ich habe mich auch über die Reaktion unserer Fans am letzten Spieltag gefreut. Sie haben ein klares Zeichen gesetzt. Übrigens: Die Selbstgefälligkeit der zweiten Hertha-Mannschaft ist schwer zu verkraften. Unsere Spieler und unsere Bank sind während des ganzen Spiels von den Herthanern immer wieder massivst beleidigt worden. „Affen“ war da noch eines der harmloseren Schimpfwörter. Trainer Zecke Neuendorf hat sich auch vor seiner Roten Karte mehrfach unsportlich und provozierend verhalten. Sich dann als Friedenstäubchen darzustellen, ist selbstgerecht und selbstherrlich.

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Gibt es zwischen Hertha und Lok eine negative Vorgeschichte?

Überhaupt nicht. Das waren immer interessante Duelle, es gab nie böses Blut.

Was passiert mit den Leuten, die Affenlaute von sich gegeben haben?

Sollten wir die Namen bekommen, würden wir ein lebenslanges Hausverbot aussprechen. Zum Teil haben sie dies sicher schon, aber auswärts haben wir kein Hausrecht.

Müsste es nicht bundesweit Stadionverbote geben?

Das kann nur der Gastgeber entscheiden. Wir können in diesem Fall unsererseits nur Hausverbote aussprechen, da es bei einem Auswärtsspiel passiert ist.

Wann hat Lok zuletzt Stadionverbote ausgesprochen?

In letzter Zeit mussten wir keine aussprechen. Bei uns herrscht eine friedliche Atmosphäre, es kommen immer mehr Kinder und Familien. Leider wird der Ton in Deutschland insgesamt rauer, das macht vor Stadien nicht halt. Wenn aber immer nur die Vereine bestraft werden, dann werden gesellschaftliche Probleme auf die Vereine abgewälzt, man überfordert sie. Sachdienliche Problemlösungen von Verbänden habe ich leider noch nicht vernommen.

Schaden Affenlaute Ihrem Verein spürbar?

Natürlich. Bei unserer Sponsorenakquise sind derartige Vorfälle extrem schädlich. Wir müssen uns immer wieder für diese Vollpfosten rechtfertigen. Bestrafungen durch den Staat erfolgen in den meisten Fällen nicht, obwohl die Namen bekannt sind. Deshalb fehlt in diesen Kreisen der Respekt vor staatlichen Behörden. Was manchmal in Fußballstadien für Begriffe fallen, ist unglaublich. Wir stehen da als Lok ganz anders im Rampenlicht als andere Klubs.

Ihr Verein hat 2019 125 Jahre gefeiert in der VfB-Traditionslinie. Wo bleibt der Meisterstern auf dem Trikot?

Die Eindrücke waren enorm mit unserer Gala in der Kongreßhalle, der Ausstellungseröffnung im Alten Rathaus, dem Besuch des DFB-Präsidenten und des Ministerpräsidenten. Was den Meisterstern betrifft: Dafür ist die Fusion mit dem VfB die Grundlage, die hat sich verzögert. Wir brauchen erst den Bescheid des Finanzamtes für den VfB für 2019. Es muss sichergestellt sein, dass keine finanziellen Verpflichtungen anfallen. Nach der Fusion können wir den Antrag stellen. Ich bin mir sicher, dass wir den Stern bekommen.

Wie geht es mit dem Bruno-Plache-Stadion weiter?

Infrastrukturell ist schon viel passiert. Nun folgt ein Vier-Millionen-Euro-Projekt mit Fördermitteln für die Sanierung der Tribüne über vier, fünf Jahre. 2020 ist eine nachhaltige Investition in Höhe von 1,6 Millionen Euro geplant. Für unser Stadionneubauprojekt sind wir auf intensiver Investorensuche. Das Gelände soll bis 2025 eine moderne Sportstätte sein. Damit hätten wir die infrastrukturellen Voraussetzungen für die 3. oder sogar 2. Liga.

Interview: Anton Kämpf und Frank Schober