18. September 2020 / 06:00 Uhr

Lothar Matthäus über die Dominanz der Bayern, die Rolle des BVB und die Perspektiven von Schalke und Werder

Lothar Matthäus über die Dominanz der Bayern, die Rolle des BVB und die Perspektiven von Schalke und Werder

Tim Lüddecke
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Rekordnationalspieler Lothar Matthäus beleuchtet die Lage der Liga vor dem Bundesliga-Start.
Rekordnationalspieler Lothar Matthäus beleuchtet die Lage der Liga vor dem Bundesliga-Start. © imago images/Laci Perenyi
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Im SPORTBUZZER-Interview beleuchtet Lothar Matthäus vor dem Saisonstart die Lage in der Bundesliga. Dabei spricht er über die Titel-Gier des FC Bayern, den BVB als führende Talente-Adresse in Europa, das "Paris Saint-Germain Deutschlands" und die veränderte Ausgangslage für Werder Bremen und Schalke 04.

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SPORTBUZZER: Herr Matthäus, auch Ihnen fällt es nach dem Triple-Sieg der Bayern sicher schwer, an einen Meisterschaftskampf zu glauben, richtig?

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Lothar Matthäus (59): Eigentlich hat sich ja nichts an ihrer Stellung geändert. In der vergangenen Saison hatte Bayern München zwar "nur" 13 Punkte Vorsprung – da hat es ja schon Jahre gegeben, wo es noch viel mehr waren – aber jetzt ist ihre Dominanz nochmal größer geworden. Nicht aufgrund der Ergebnisse unbedingt, sondern wie diese zu Stande gekommen sind. Wirklich beeindruckend! Sie führen derzeit den europäischen Fußball an. Dass der FC Bayern da als haushoher Favorit in die Saison geht, dafür muss man kein Wahrsager sein.

Haben Sie nicht mal den Rest-Funken einer Titelkampf-Hoffnung, weil mit Jadon Sancho einer der besten Spieler der Bundesliga noch mindestens ein Jahr für Verfolger Borussia Dortmund auflaufen wird?

Der war in den letzten Jahren ja auch schon da und es hat nicht funktioniert. Auch der BVB ist wie alle anderen Vereine in Deutschland weit weg von den Bayern. Da müssten sie schon viele Hausaufgaben erledigen und darauf hoffen, dass bei den Bayern wirklich alles negativ läuft. Und daran glaube ich nicht.

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Warum eigentlich nicht?

Weil der Klub auf und neben dem Platz top aufgestellt ist. Es ist wieder Ruhe und Harmonie in den Verein eingekehrt. Und gleichzeitig ist die Gier weiterhin da. Beim FC Bayern ist es so: Wenn man Titel gewinnt, dann werden sie auch richtig gefeiert. Aber in der nächsten Saison will man diese Erfolge wiederholen – und am besten immer noch eins drauflegen. In München sehnt man sich nach immer neuen Rekorden. Und ich glaube, dass Hansi Flick der richtige Trainer ist, der so einschreitet, dass dahingehend erst gar keine Leichtsinnigkeiten aufkommen. Das lässt er nicht zu. Auch wenn es das für den Rest der Liga vielleicht etwas langweilig macht.

Will der BVB das Wörtchen "Meisterschaft" auch deshalb nicht mehr in den Mund nehmen?

Der BVB kann stolz darauf sein, inzwischen die führende Adresse bei den größten Talenten in Europa zu sein. In Dortmund erhoffen sich junge Spieler wie Jude Bellingham den nächsten Schritt in ihrer Karriere.

Muss sich der BVB mittlerweile mit dem Image als Durchgangsstation zufrieden geben?

Der BVB kann selbst einschätzen, dass andere Mannschaften einfach einen klangvolleren Namen haben und dass es neben dem FC Bayern noch sechs, sieben andere Vereine in Europa gibt, die wirtschaftlich ganz sicher höher einzuschätzen sind. Real Madrid, FC Barcelona, Manchester City und United oder Juventus Turin etwa. Diese Klubs haben noch mehr Geschichte zu bieten und dazu eine Mannschaft, mit der der ganz große Wurf gelingen kann. Dafür haben sie in Dortmund die europaweit beste Stimmung in ihrem Stadion.

Wird RB Leipzig, Champions-League-Halbfinalist, im zweiten Jahr unter Trainer Julian Nagelsmann noch besser – oder wiegt der Abgang von Timo Werner zu schwer?

Der Wechsel tut natürlich weh. So einen Spieler gleichwertig zu ersetzen – das wird nicht gelingen. In Leipzig muss man sich eben was Neues einfallen lassen, da ist Julian gefordert und ich glaube, das macht ihm auch Spaß. Und das ist doch das Schöne an der Bundesliga, dass es hinter der zwar erschreckenden Dominanz der Bayern so spannend ist. Mit Gladbach, Leverkusen, Leipzig, Dortmund – und sicher noch einer anderen Mannschaft.

An wen denken Sie?

Man muss abwarten, wie sich die Dinge in Berlin entwickeln. Die Hertha ist das Paris Saint-Germain Deutschlands, als Hauptstadtklub und mit dem Geldsegen eines Investors. Mal schauen, wie sie das ganze Geld anlegen, ob sie die Balance finden – und den Erwartungen dann gerecht werden. Zumindest stehen sie jetzt auch mehr unter Druck, unbedingt einen internationalen Platz zu erreichen. Die Europa League wäre ein erster Schritt, um den Abstand nach oben zu verkleinern. Aber man sollte jetzt nicht meinen, dass man sofort um einen Champions League-Platz mitspielt. Dafür muss man sich zwei, drei Jahre Zeit geben.

Können sich Schalke 04 und Werder Bremen von ihren Krisensaisons wieder erholen?

Schalke ist es in der Rückrunde ja sogar noch schlechter (seit 16 Bundesligaspiele ohne Sieg, d. Red.) ergangen als Relegationsteilnehmer Bremen. Das sind beides namhafte Mannschaften, die in der Vergangenheit auch wirtschaftlich viel besser positioniert waren, die aber auf einmal mit dem Abstiegskampf in Verbindung gebracht werden, in einer Riege mit Mannschaften wie Mainz 05 und dem FC Augsburg. Da gehören jetzt auch Schalke und Bremen dazu. Sie können sich des Klassenerhalts nicht mehr sicher sein.

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FC Bayern: Sie haben den nationalen und internationalen Fußball beherrscht. Nicht nur von den Ergebnissen her, sondern in einer beeindruckenden Dominanz. Ich schicke bereits einen vorzeitigen Glückwunsch zum neunten Meistertitel in Folge nach München. ©

Geht Schalke-Trainer David Wagner bereits als Wackelkandidat in die Saison?

Wenn am Anfang der Saison gleich kein Erfolg da ist und man es direkt wieder mit den unteren Tabellenplätzen zu tun haben sollte, ist Wagner schnell gefährdet. Gleiches gilt für Kohfeldt in Bremen. Es würde dann vielleicht der Eindruck entstehen, dass man schon zu lange an ihnen festgehalten hat. Ich weiß nicht, ob man eine solche Geduld noch mal mit ihnen haben würde. Gerade auf Schalke ist der Druck noch mal ein bisschen größer von außen.

Funktioniert es, dass der gleiche Trainer, nehmen wir Kohfeldt, eine solche Horrorsaison überhaupt aus seinen Spielern rausbekommt?

Ich würde sagen: ja. Man soll ja immer nach vorn gucken. Die Rettung haben sie letztendlich doch noch erreicht. Damit war das Negative dann doch nicht so negativ, dass man abgestiegen ist. Es war zwar kein Erfolg, aber ein Minimalziel, das sie sich gesteckt hatten. Das kann auch Kraft für die Zukunft geben.

Trotz der Teil-Rückkehr der Fans: Inwiefern wird Corona die Spiele weiterhin beeinflussen?

Die Qualität der Spiele hat es gar nicht beeinträchtigt. Ich sehe attraktive Spiele, tolle Kombination, rassige Zweikämpfe und viele Tore. Die Mannschaften können mittlerweile besser damit umgehen als noch im Mai. Auch wir Zuschauer an den TV-Geräten haben uns an die leere Atmosphäre gewöhnt. Was ich nicht gedacht hätte, war, dass durch die fehlenden Fans im Stadion so viele Auswärtssiege möglich sind. Daran sieht man, dass viele Mannschaften tatsächlich von der Atmosphäre getragen werden. Klar ist: Jeder vermisst die Zuschauer. Außer die Bayern, die sind auch ohne ihre Fans stark genug. (lacht)