10. Mai 2019 / 06:09 Uhr

Lothar Matthäus exklusiv: Riesen-Lob für Kovac, Kritik an BVB wegen fehlender Mentalität

Lothar Matthäus exklusiv: Riesen-Lob für Kovac, Kritik an BVB wegen fehlender Mentalität

Heiko Ostendorp
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Rekordnationalspieler und Sky-Experte Lothar Matthäus hat im SPORTBUZZER-Interview unter anderem über den Titelkampf in der Bundesliga gesprochen.
Rekordnationalspieler und Sky-Experte Lothar Matthäus hat im SPORTBUZZER-Interview unter anderem über den Titelkampf in der Bundesliga gesprochen. © imago images / Eibner
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Das große SPORTBUZZER-Interview zum Bundesliga-Saisonendspurt: Rekordnationalspieler und Sky-Experte Lothar Matthäus exklusiv im Gespräch über die Arbeit von Niko Kovac beim FC Bayern München, das Trainer-Beben in der Bundesliga und die fehlenden Typen bei Borussia Dortmund.

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Am Samstag kann der FC Bayern München mit einem Sieg bei RB Leipzig zum siebten Mal in Folge deutscher Meister werden. Die Partien der letzten beiden Spieltage sind live und exklusiv bei Sky zu sehen. Vor dem Bundesliga-Finale spricht Rekordnationalspieler und Sky-Experte Lothar Matthäus (58) im Exklusiv-Interview mit dem SPORTBUZZER über die wichtigsten Themen der Bundesliga: vom Trainerbeben bis zum Mentalitätsproblem des BVB im Titelkampf.

SPORTBUZZER: Herr Matthäus, mindestens acht der aktuellen Bundesliga-Klubs tauschen am Saisonende ihren Trainer aus – dreht die Bundesliga komplett durch?

Lothar Matthäus: Man hat einfach keine Geduld mehr und trifft häufig schon im Vorfeld die falschen Entscheidungen. Viele suchen die einfachste Lösung – jemanden mit Stallgeruch, einen, der mit jungen Spielern kann. Das ist vielleicht naheliegend und funktioniert kurzfristig, aber nachhaltig halt auch oft nicht. Man sollte sich zunächst als Verein mal ein Konzept überlegen, bevor man einen Trainer und die entsprechenden Spieler holt. Ich nenne Ihnen mal ein Beispiel.

Bitte.

In Stuttgart wurde vier Monate Offensivfußball gepredigt unter Korkut, dann musste unter Weinzierl drei Monate die Null stehen, und jetzt hat Willig wieder eine andere Idee – da blicken die Spieler teilweise selbst nicht mehr durch, da steckt kein Konzept dahinter. Zunächst setzt man auf junge Spieler, dann auf erfahrene, ehemalige Nationalspieler, dann auf eine Mischung. Wie soll das funktionieren? Ajax Amsterdam ist aktuell ein gutes Beispiel in Europa. Die haben eine klare Vereinsphilosophie, suchen danach auch die Spieler aus und einen Trainer, der diese Philosophie mitträgt.

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Lothar Matthäus über Bayern-Trainer Niko Kovac: „Hat bisher einen hervorragenden Job gemacht“

Fehlt es oft auch auf den Führungsebenen an Kompetenz?

Bei einigen Klubs ganz sicher. In der Bundesliga reden viele Leute mit, die nicht aus dem Fußball kommen, sondern aus der freien Wirtschaft oder der Politik. Damit habe ich selbst auch schon schlechte Erfahrungen gemacht. Jeder Klub sollte zumindest eine gewisse Sportkompetenz haben. Ein positives Beispiel ist Eintracht Frankfurt, wo auch viele Leute mit-, aber eben nicht reinreden. Wenn ich sehe, was Fredi Bobic für einen Job macht, ziehe ich den Hut davor. Auch Max Eberl hat mit Gladbach eine tolle Entwicklung gemacht, Dortmund mit Leuten wie Michael Zorc, Sebastian Kehl und Matthias Sammer ehemalige Spieler in wichtigen Positionen, über Bayern brauchen wir gar nicht zu reden. Ich bin der Meinung, dass es jedem Verein guttut, solche Leute einzubinden.

Niko Kovac kann am Samstag erstmals deutscher Meister werden und weiß dennoch nicht, ob er nächste Saison noch Trainer ist.

Ich habe Niko als Spieler damals nach Salzburg geholt, und schon da hat er Verantwortung übernommen, sich selbst hinterfragt, immer alles gegeben – einfach ein Topcharakter. Das sind schon mal gute Voraussetzungen. Dann hat er sowohl mit Kroatien als auch in Frankfurt gute und erfolgreiche Arbeit abgeliefert. Dass er vor neun Monaten in München eine Mannschaft vorgefunden hat, die nicht mehr die der Jahre zuvor war, sollte jedem klar sein. Viele Spieler kamen mit der Riesenenttäuschung von der WM. Er hat Spieler, die ihren Höhepunkt vor drei, vier Jahren hatten, und dabei denke ich nicht nur an Robben und Ribéry, sondern auch an Neuer, Müller, Hummels, Boateng. Zudem hat er einige seiner Wunschspieler nicht bekommen. Deshalb finde ich, dass er bisher einen hervorragenden Job gemacht und das Optimum rausgeholt hat.

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Auch wenn er am Ende „nur“ Meister werden sollte?

Allein das wäre schon eine reife Leistung, denn er hat auch schwierige Phasen super gemeistert und moderiert, für die er nichts konnte – ich denke nur an die legendäre Pressekonferenz. Niko war immer souverän und hatte neun Punkte Rückstand. Jetzt ist die Meisterschaft aus meiner Sicht durch, das Pokalfinale wird schwieriger gegen RB Leipzig, die aus meiner Sicht stärkste Mannschaft der Rückrunde. In der Champions League hat sich gezeigt, dass der Umbruch versäumt wurde und sich die physisch stärkeren Mannschaften durchgesetzt haben. Das musste nicht nur Bayern erfahren, sondern auch Real Madrid oder Juventus Turin. Gegen Liverpool auszuscheiden war keine Schande, wie man jetzt auch gesehen hat. Ich werfe ihm nur eine Sache vor.

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Und zwar?

Dass er am Anfang zu sehr rotiert hat und es allen Spielern recht machen wollte. Aber auch daraus hat er gelernt.

Dennoch hat man den Eindruck, dass sich die Bosse nicht einig sind. Karl-Heinz Rummenigge vermeidet zumindest bis heute ein klares Bekenntnis zu Kovac.

Warum soll er zum jetzigen Zeitpunkt auch ein Bekenntnis abgeben? Was, wenn Kovac noch die Meisterschaft verspielt und das Pokalfinale verliert? Für die Medien waren die Aussagen natürlich ein gefundenes Fressen, aber ich habe sie als ganz normal empfunden. Niko Kovac weiß, dass bei Bayern nur Erfolge und Titel zählen – nichts anderes hat Rummenigge gesagt. Wenn der Stürmer keine 15 Tore schießt, holt Bayern ja auch einen neuen.

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Also ist es aus Ihrer Sicht kein Problem, dass sich Rummenigge und Uli Hoeneß oft uneins sind?

Überhaupt nicht! Ich fände es komisch, wenn sie immer einer Meinung wären, das gab es bei Bayern noch nie. Natürlich hat jeder seine Richtungen, seine Lieblinge, seine Ansichten. Aber glauben Sie mir: Am Ende werden beide im Sinne des FC Bayern handeln. Unabhängig davon sehe ich derzeit keine deutschsprachige Alternative. Thomas Tuchel hat gerade in Paris verlängert. Wenn, dann müsste man Jürgen Klopp holen.

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Jürgen Klopp hat in seiner Karriere bereits einige emotionale Szenarien erlebt. Der SPORTBUZZER zeigt die magischen Momente des Jürgen Klopp.  ©

Keine schlechte Alternative.

Klopp kann von seinen Qualitäten her jeden Verein der Welt trainieren, dennoch weiß ich nicht, ob er der richtige Bayern-Trainer wäre.

Erklären Sie das bitte.

Er hat immer bei sehr emotionalen Klubs gearbeitet wie Mainz, Dortmund und jetzt Liverpool. Da passt er perfekt hin, das braucht er, davon lebt er. Von daher wäre er eigentlich eher ein Trainer für Schalke als für Bayern. (lacht)

Lucien Favre hat nur eine „sehr ordentliche“ erste Saison beim BVB absolviert

Wie beurteilen Sie die erste Saison von Lucien Favre beim BVB?

Sehr ordentlich, aber nicht mehr. Man hat aus den Möglichkeiten am Ende einfach zu wenig gemacht. Wenn ich immer höre, dass man vor der Saison Platz zwei unterschrieben hätte, will man damit aus meiner Sicht von den eigentlichen Problemen ablenken. Matthias Sammer hat es richtig formuliert: Man hat den Titel dankend hergegeben.

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Aber man war im Jahr des Umbruchs endlich mal wieder auf Augenhöhe mit Bayern.

Alles korrekt, aber man hatte eben auch neun Punkte und im Winter noch sieben Punkte Vorsprung. Da hätte ich mir erwartet, dass mal jemand nach vorne geht, ein Zeichen setzt und sagt: Wir werden Meister! Wie es übrigens Kovac gemacht hat, der trotz des Rückstands ankündigte: Wir werden sie jagen bis zum letzten Spieltag! Die drei Punkte gegen den BVB hatten sie übrigens die ganze Zeit eingepreist. Das hat nichts mit Arroganz zu tun, sondern mit gesundem Selbstvertrauen. Dass Favre so etwas nicht macht, wusste man vorher. Aber das hätte ja auch aus der Mannschaft oder dem Verein kommen können. Und auf dem Platz habe ich in den vielen Spielen, die der BVB noch hergegeben hat, auch niemanden gesehen, der die Jungs mal wachrüttelt oder emotional reagiert.

Matthäus kritisiert BVB: „Um Meister zu werden, brauchst du auch die richtige Mentalität“

Hätte man das zum Beispiel von Marco Reus oder Mario Götze erwarten können?

Klar, sie haben ja die Erfahrung. Sie spielen beide eine starke Saison, sind tolle Spieler. Aber um Meister zu werden, brauchst du auch die richtige Mentalität, gerade in Momenten, in denen es nicht so läuft. Und das habe ich bei Dortmund sowohl auf dem Platz als auch daneben vermisst. Denn am Ende kann mir nach dieser Saison keiner erzählen, dass man zufrieden ist, wenn man Zweiter wird. Selbst ein Kimmich hat mit 22 Jahren übrigens schon mehr Zeichen gesetzt als ein Reus, Götze oder Witsel zusammen.

Muss Dortmund genau das für die Zukunft mitnehmen?

Ganz klar! Man braucht Drecksäcke und Mentalitätsspieler, die die Mannschaft mitreißen – auch mal verbal. Das war in dieser Saison zu selten zu sehen. Es gab so viele Spiele, die der BVB schon im Sack hatte und dann bei einem Gegentor auseinandergebrochen ist. Da hat sich teilweise keiner mehr gewehrt.

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Haben Sie auch das Gefühl, dass man beim BVB noch immer zu sehr Klopp hinterhertrauert?

Man kann ihn ja nicht klonen. (lacht) Er hat den BVB wieder auf Topniveau zurückgeführt, aber ist jetzt nicht mehr da. Ich glaube, dass der Klub gut aufgestellt ist für die nächsten Jahre, man noch zwei, drei Verstärkungen braucht. Aber ob es dazu reicht, Bayern die Stirn zu bieten, wage ich zu bezweifeln. Denn Bayern hat sich mit Hernandez und Pavard schon geschickt verstärkt, es werden sicher noch ein paar dazukommen. Niko wird den Umbruch weiter vorantreiben und ist da auf einem guten Weg, damit man auch international wieder ganz vorne dabei sein wird.

„Heidel war bei Schalke 04 eine Fehlbesetzung“

Davon träumt man auf Schalke. Der Klub versinkt nur ein Jahr nach der Vizemeisterschaft im Chaos. Was ist dort schiefgelaufen?

Man hat zuletzt sehr viele Fehler gemacht, gerade in der Einkaufspolitik. Mascarell, Stambouli, Bentaleb, Rudy oder Uth – alles Spieler, die bei ihren vorigen Klubs funktioniert haben, aber von der Mentalität und der Spielweise nicht nach Schalke passen. Man wollte plötzlich Ballett spielen statt malochen. Die Kritik geht ganz klar an Christian Heidel, an dessen Beispiel man wieder sieht, dass auch nicht jeder gute Manager zu jedem Klub passt. Er hat in Mainz gute Arbeit gemacht, aber da hat ihm auch keiner reingeredet, da war weniger Druck da, weniger Geld. Auf Schalke haben wir plötzlich einen ganz anderen Heidel gesehen, der im Nachhinein eine Fehlbesetzung war. Ich erinnere mich in solchen Momenten immer an Otto Rehhagel, der ein super Mensch und ein toller Trainer war – in Kaiserslautern, in Bremen. Aber er hat in München nicht funktioniert, weil er lieber mit den Bossen Kaffee getrunken hat, statt mit ihnen kontrovers zu diskutieren. Das Gesamtpaket muss passen.

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Lange Zeit sah es so aus, also ob das Paket Dieter Hecking zu Borussia Mönchengladbach passt. Dennoch gehen die Wege im Sommer auseinander.

Dazu muss man wissen, dass Marco Rose schon im letzten Jahr der Wunschkandidat von Max Eberl war. Doch damals hat sich Salzburgs Boss Dietrich Mateschitz persönlich eingeschaltet, um ihn zu halten. Eberl hatte ihn immer auf dem Zettel, wie viele andere Bundesligisten auch. Weil Rose für erfolgreichen, attraktiven und offensiven Fußball steht, ähnlich wie ihn RB Leipzig spielt oder auch Hoffenheim. Jetzt war die Möglichkeit für Gladbach da, ihn zu bekommen, und diese wollte sich Eberl nicht entgehen lassen. Es war sicher eine Vereinsentscheidung, auch perspektivisch, keine emotionale.

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