18. Februar 2021 / 15:30 Uhr

Offener Brief an LSB: Vereine rufen um Hilfe, Mitgliederschwund teilweise dramatisch

Offener Brief an LSB: Vereine rufen um Hilfe, Mitgliederschwund teilweise dramatisch

Stefan Dinse
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
LSB-Vorstandsvorsitzender Reinhard Rawe ist dankbar für den Vorstoß der Vereine, die ihrem Unmut in einem offenen Brief kundtaten.
LSB-Vorstandsvorsitzender Reinhard Rawe ist dankbar für den Vorstoß der Vereine, die ihrem Unmut in einem offenen Brief kundtaten. © Debbie Jayne Kinsey
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Dass die Großen übersehen werden, kommt eigentlich eher selten vor. Die namhaften und mitgliederstärkeren Sportvereine Hannovers und Niedersachsens jedoch fühlen sich nicht berücksichtigt. Die jüngste Statistik des Landessportbundes (LSB), die für 2020 einen Mitgliederschwund von lediglich 3,7 Prozent ausweist, führe in die Irre, lautet ihr Vorwurf. In einem Offenen Brief an den LSB weisen die auf ihre dramatische Lage hin.

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Der vermeintlich geringe Wert „versperrt den Blick auf die Riesenprobleme der Großsportvereine“, schreiben 24 der 30 mitgliederstärksten Klubs, darunter der TK Hannover und Hannover 96. Es ist ein gemeinsamer Hilferuf, wie es ihn bisher in Niedersachsen noch nicht gegeben hat.

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Diese 24 Klubs haben der Erhebung nach zum Jahresende einen Mitgliederrückgang von etwa 8 Prozent zu verkraften, teilweise sind es gar bis zu 23 Prozent. Im Schnitt kommen so rund 500 Austritte je Verein zusammen, beim TKH sind es sogar rund 700. „Das sind dramatische Zahlen, ganz klar, und es wird ja gerade nicht besser“, sagt Vorstand Hajo Rosenbrock. Rund 200.000 Euro habe der TKH weniger eingenommen in 2020. Etwa 6150 hat der Turn-Klubb im Januar gemeldet.

Bilder vom Training von Hannover 96 (17. Februar)

Bilder vom Training von Hannover 96 (17. Februar) Zur Galerie
Bilder vom Training von Hannover 96 (17. Februar) © Florian Petrow

"Es tritt niemand ein, keiner"

Auch 96 hat es mit etwa 500 verlorenen Mitgliedern in der Pandemie – betroffen sind vor allem die Bereiche Fitness und Kindersport – ziemlich heftig erwischt.

In der Region Hannover ist der Lehrter SV der größte Klub. „Wir brauchen jetzt wirklich Hilfe“, sagt Geschäftsführer Ralf Thomas. Von 4602 im Januar 2020 sind die Zahlen auf 4013 im Januar 2021 gesunken. „Und es tritt niemand ein, keiner. Und dafür hab ich angesichts des Lockdowns sogar Verständnis“, so Thomas. Normalerweise würden sich in den ersten beiden Monaten des Jahres viele Neue anmelden. „Aber so verharren wir auf diesem niedrigen Niveau“, sagt Thomas. Besonders viele Austritte haben die Lehrter im Fitnessbereich – der Sportpark ist verwaist, dadurch kommt noch weniger Geld in die Kasse. „Das tut uns daher doppelt und dreifach weh“, sagt Thomas.


Droht eine weitere Austrittswelle?

Die Lage verschlimmere sich weiter, schreiben die Vereine, „wegen der fehlenden Perspektive für den Wiedereinstieg in den Sportbetrieb“. Eine weitere Austrittswelle drohe bis zur Jahresmitte, wenn das gesamte Sportangebot weiterhin stillstehen sollte. Daher haben die Klubs auch ein Perspektivpapier für die Rückkehr zum Sportbetrieb erarbeitet. In vielen kleinen Schritten wie im Sommer 2020 soll das nicht geschehen, die Vereine setzen auf eine baldige Zehn-plus-eins-Regelung. Also zehn Trainierende und einen Übungsleiter, sowohl drinnen als auch draußen.

Übermittelt hat den Offenen Brief Jörg Diekmann, Geschäftsführer des MTV Braunschweig. Überrascht worden ist der LSB Niedersachsen davon nicht, wie Vorstandsvorsitzender Reinhard Rawe bekräftigt, er sei im Gegenteil dankbar für den Vorstoß: „Wir haben schon am letzten Freitag mit allen Landessportbünden und dem DOSB darüber gesprochen, wie man den Großvereinen helfen kann.“

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"Wir haben sie nicht vergessen"

Eine wenige mitgliederstarke Klubs hätten sogar Zuwächse, bei anderen sei das Minus im zweistelligen Bereich. Der LSB lote aus, ob der Bund finanziell einspringen könne, sagt Rawe, beispielsweise aus dem 200-Millionen-Euro-Programm „Corona-Hilfen des Bundes für den Profisport“.

Diese Mittel sind noch nicht erschöpft, rund 135 Millionen Euro sind übrig – ab dem 1. März können die Profiklubs aber erneut Anträge stellen. Der LSB spreche mit den betroffenen Vereinen, in der nächsten Woche sei zudem ein Gespräch mit Innenminister Boris Pistorius geplant, sagt Rawe: „Die Großsportvereine können sich darauf verlassen, wir haben sie nicht vergessen und wollen helfen.“