10. Januar 2021 / 13:31 Uhr

Ludwig "Locke" Castaldo: "Das Geld stand nie im Vordergrund."

Ludwig "Locke" Castaldo: "Das Geld stand nie im Vordergrund."

Jörg Bressem
Schaumburger Ztg. / Schaumburger Nachrichten
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Ludwig "Locke" Castaldo im Trikot des SV Obernkirchen in Aktion. Heute (kleines Bild) erinnert nur noch der Name an seine Lockenpracht. © Archiv/pr.
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Ludwig Castaldo gehört zu den besten Schaumburger Fußballern der vergangenen Jahrzehnte. Wir unterhielten uns mit ihm über seine Trainer, sein Erfolgsrezept und Co.

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Die Haare sind längst ab, aber der Name bleibt für immer: „Locke Castaldo". In der Auflistung der überragenden Schaumburger Fußballer der letzten Jahrzehnte ist er auf jeden Fall enthalten.

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Der heute 52-jährige Ludwig Castaldo wurde beim SV Obernkirchen groß, zu dem er nach seinen Ausflügen in fremde Fußballwelten immer mal wieder zurückkehrte. Er war beim seinerzeit finanzkräftigen SV Weser Leteln, er war zweimal beim FC Stadthagen, er stieg mit Preußen Hameln in die Oberliga Nord auf - seinerzeit die dritthöchste Klasse - und er hatte drei gute Jahre in der Verbandsliga beim TuS Hessisch Oldendorf. „Das Geld stand für mich aber wirklich nie Vordergrund“, versichert er. „Es ging vor allem um die sportliche Herausforderung bis hin zur gezielten Überforderung, an der man wächst.“

Das sei zum Beispiel seinerzeit in Hameln in einem Vorbereitungsspiel gegen den Premier-League-Club FC Everton der Fall gewesen. „Kaum war ich am Ball, stürzten zwei riesige englische Verteidiger auf mich zu und grätschten mich weg. Ein Schock!“ Auf den heimischen Sportplätzen war von Überforderung bei ihm nichts zu spüren - eher war das Gegenteil der Fall. Castaldo war Dauer-Torschützenkönig in der Bezirksliga. Sein leichtfüßiges, intuitives Spiel war unnachahmlich und faszinierend. „Locke“ Castaldo war eine bekannte Marke, weit über Schaumburgs Grenzen hinaus. Noch heute wird er darauf angesprochen.

Seine Karriere ließ er beim TSV Liekwegen, beim TSV Steinbergen, bei dem er immer noch seine 18 Saisontore machte, und der TuSG Wiedensahl ausklingen. Castaldo wohnt in Seggebruch, ist mit seiner Frau Bianca verheiratet, hat mit der 14-jährigen Jolie eine Tochter und arbeitet aus Kaufmann im Energiebereich beim Raiffeisen-Landbund. Unsere Zeitung unterhielt sich mit ihm über verschiedene Themen und traf auf eine analytische, meinungsstarke Persönlichkeit mit einer klaren Sprache. „Locke“ Castaldo über …

… seine Trainer:

Sie hatten es allesamt nicht leicht mit mir, weil ich nicht besonders trainingsfleißig war. Einerseits konnten sie es deshalb vor der Mannschaft kaum vertreten, mich spielen zu lassen, andererseits brauchten sie meine Tore - keine einfache Situation. Außerdem war ich als Spielertyp ziemlich unabhängig und glaubte, nicht viel Ratschläge zu brauchen. Taktisch wurde früher ohnehin nicht so viel vermittelt wie heute. Mit Dittmar Schönbeck fällt mir nur ein Trainer ein, der für mich wichtig war und der irgendwie immer dabei war. Von ihm kam auch die Anregung, bei Preußen Hameln meine Möglichkeiten auszutesten.

…. sein früheres fußballerisches Erfolgsrezept:

Das sollen eigentlich andere beurteilen, aber ich versuche es mal: Ich glaube, ich konnte nicht nur meinen Gegenspieler im Auge haben, sondern auch das weitere Umfeld. Wenn im Strafraum viel Betrieb war, und wenn es eng zuging, kam mir das natürlich sehr zugute. Außerdem liebte ich die Eins-zu-Eins-Situation und konnte ansatzlos mit rechts oder links schießen.

…. den Niedergang früherer Vereine wie den TuS Hessisch Oldendorf oder Preußen Hameln:

Interessierte mich nie besonders, weil ich ja wegen der jeweiligen Mannschaften dort spielte, nicht wegen der Vereine. Außerdem bin ich Kaufmann, kann wirtschaftlich denken und wusste immer: Woher soll das ganze Geld kommen? Wenn hier mal der Sponsor nicht mehr da ist, geht es sofort bergab. Preußen Hameln ging schon kurze Zeit nach unserem Aufstieg in die Oberliga Nord in die Pleite.

… die Nationalmannschaft und Jogi Löw:

Er hätte schon nach der letzten WM zurücktreten müssen, denn die Spiele waren aussagekräftig genug. Danach auch noch diese Arroganz und der Aktionismus, drei leistungsstarke Spieler für immer auszuschließen, ohne gleichwertigen Ersatz zu haben. Man sollte auch mal darüber nachdenken, welche Rolle bei der WM 2014 sein Assistent Hansi Flick spielte und dass es Löw ohne ihn vielleicht gar nicht kann. Der Nationaltrainer hätte längst weggemusst.

…. sein heutiger Sport:

Ich spiele immer noch Fußball, und zwar bei den Altsenioren der SG Liekwegen/Sülbeck/Südhorsten. In der abgelaufenen Saison waren wir Tabellenerster, ich mache noch so manches Tor und bin eigentlich mit meiner Beweglichkeit noch ganz zufrieden. Mal sehen, wie sich das nach der langen Corona-Pause darstellt. Weil ich einen Bürojob habe, halte ich mich außerdem mit Hanteltraining und Gymnastik in Form. Insgesamt werde ich immer ein Typ bleiben, der viel und gerne in Bewegung ist.


… seine wichtigsten Mitspieler:

Das ist unmöglich zu sagen, es waren zu viele. Meine wichtigsten Mitspieler waren auf jeden Fall beim SV Obernkirchen, bei dem ich mich immer irgendwie zuhause fühlte, weil dort tolle Charaktere spielten. Mir sind also alle Spieler des SV Obernkirchen am wichtigsten, einschließlich Andreas Jürgens, mit dem ich zur Schule ging und mich immer noch treffe.

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Zwei möchte ich trotzdem herausheben. Srdar Petrovic konnte nicht nur toll Fußball spielen, sondern stand immer konsequent auf der Seite der Gerechtigkeit, etwa wenn ausländerfeindliche Sprüche gemacht wurden. Oft wurde er als bloßer Hitzkopf dargestellt, aber das war absolut nicht so. Ich wäre froh, mehr von solchen Menschen wie ihn kennen zu dürfen. Außerdem ist da noch Enrico Borghese, den ich immer bewundert habe, weil er mit sagenhaftem Ehrgeiz aus begrenztem Talent unglaublich viel machte. Er leistete immer mehr als er eigentlich musste, legte nach dem Training Sonderschichten ein und zeigte diese Einstellung auch beruflich. Das imponiert mir bis heute.

… die Pläne zur Europäischen Superliga der reichsten Vereine:

Das ist falsch, weil es automatisch zur Folge hat, dass Vereine wie Bayern München oder Real Madrid keine Zeit mehr für die heimischen Ligen haben werden. Die Champions League reicht völlig. Man wird sehen, wie lange das Bestreben nach „immer noch mehr“ und „immer hoch höher“ funktioniert. Es ist der Versuch, den Reichtum dauerhaft zu zementieren. Vielleicht wenden sich eines Tages die Sponsoren aber ab, vielleicht wird dann auch die wirtschaftliche Seite fragwürdig. In der Heimat verlieren die anderen Erstligisten ihre Vorbilder, an denen zu sehen ist, was man machte muss, um selbst mehr Erfolg zu haben.

… Laptop-Trainer, Gegenpressing und abkippende Sechser:

Für den Profifußball mag all das seine Berechtigung haben, aber den Trainern bei uns sage ich: Wenn ein System wirklich funktionieren soll, dann muss ich es perfekt spielen. Um sowas einzuüben, besteht aber oft gar nicht ausreichend gemeinsame Trainingszeit. Wenn es darüber hinaus vereinzelt Probleme bei der Ballannahme oder mit dem genauen Passspiel gibt, dann führt ein zu kompliziertes System zu Verunsicherung und Chaos in den Köpfen. Ich bin eher dafür, das zu spielen, was ich wirklich kann und was die Qualität meiner Spieler zulässt - nicht anders herum. Wenn jeder Spieler weiß, was er auf seiner Position spielen soll, wenn es funktionierende Grundlagen gibt, dann sind wir wirklich einen großen Schritt weiter.

… das fußballerische Niveau früher und heute:

Das Spiel ist schneller geworden, läuferisch wird mehr geleistet und auch die Systeme wurden weiterentwickelt. Der einzelne Spieler ist weniger wichtig als früher und er wird eher in eine Ordnung gepresst. Das hat aber auch Nachteile, weil uns Talente verloren gehen. Wenn ein junger Spieler noch nicht selbstbewusst genug ist und sich der aufgegebenen Spielweise unterordnet, dann wird er sich individuell nur noch begrenzt entwickeln können.