18. Juni 2019 / 17:53 Uhr

Macherner Tennisspieler Nikolai Barsukov wird Deutscher Meister

Macherner Tennisspieler Nikolai Barsukov wird Deutscher Meister

Haig Latchinian
Leipziger Volkszeitung
Deutscher Tennismeister aus Sachsen: Der zwölfjährige Macherner Nikolai Barsukov ist sichtlich stolz auf seine außergewöhnliche Leistung.
Deutscher Tennismeister aus Sachsen: Der zwölfjährige Macherner Nikolai Barsukov ist sichtlich stolz auf seine außergewöhnliche Leistung. © privat
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Boris Becker siegte 1985 als 17-Jähriger in Wimbledon. So gesehen hat Nikolai Barsukov (12) noch etwas Zeit. Der Macherner Junge, der mit Becker nicht nur für ein Foto posierte, sondern auch schon von ihm gecoacht wurde, gilt als große Nachwuchshoffnung im Tennis. Als deutsche Nummer 1 in seiner Altersklasse gewann er jetzt bei den Deutschen Jugendmeisterschaften in Ludwigshafen sowohl Gold als auch Silber.

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Machern. Für das alles andere als erfolgsverwöhnte sächsische Tennis bedeutet der kometenhafte Aufstieg des blonden Nikolai beinahe einen ähnlichen Höhenflug, wie ihn im Osten einst Kosmonaut Sigmund Jähn vollbrachte. Tatsächlich ist der zwölfjährige Macherner Tennisspieler erst der zweite Sachse, dem ein nationaler Titelgewinn glückte. Der Sprung in den Orbit gelang außer ihm nur noch der Leipzigerin Jenny Kühn, die vor genau 20 Jahren in der U 16 siegte.

Bei den Deutschen Jugendmeisterschaften in Ludwigshafen holte der Muldentaler in der AK 13 die – um im Bild zu bleiben – Sterne vom Himmel. Im Doppel erkämpfte er mit seinem Partner Elias Hofmann aus Nordrhein-Westfalen die Goldmedaille. Im Einzel zog er trotz 32-köpfiger starker Konkurrenz ins Finale ein und musste sich dort Max Stenzer (Bonn) nach 4:2-Führung 4:6 und 2:6 geschlagen geben.

Im deutschlandweiten Ranking die Nummer 1

Manch anderer hätte geweint oder vor Wut den Schläger in die Ecke geschmettert – ein No-Go für Nikolai Barsukov: „Damit würdest du nur Schwäche zeigen. Wenn der Gegner mal besser sein sollte, bin ich ein fairer Verlierer“, sagt der kesse Bursche, der im deutschlandweiten Ranking in seiner Altersklasse aktuell an Nummer 1 steht.

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Nikolai gilt als Kämpfer vor dem Herrn. Schon als Kapitän der Macherner Fußballmannschaft verlor er nur ungern. Er pushte seine Mitspieler lautstark, um den Rückstand wieder aufzuholen. Prompt fiel der Kicker mit Drang zum Tor einem Scout von RB Leipzig auf, der ihn zum Probetraining einlud. „Es war die schwerste Entscheidung meines Lebens“, behauptet der Dreikäsehoch. Letztlich blieb er dem Tennis treu, das er schon spielte, als an Fußball noch gar nicht zu denken war.

Tennis bekommt den Vorzug

So ist für ihn der Fußball die schönste Nebensache der Welt. An jedem freien Wochenende – so es das überhaupt noch gibt – ist er im Stadion und drückt seinen Lieblingen von RB die Daumen. Beinahe hätte er auf dem Tennisplatz von Machern gegen den damaligen Mittelfeldspieler der Leipziger Bundesligisten, Dominik Kaiser, gespielt: „Der wollte mich herausfordern. Ich hatte auch schon zugesagt – leider, am Ende kam das Match aus Termingründen nie zustande.“

Kein Wunder: Nikolai ist trotz seines zarten Alters bereits ein Globetrotter. Mallorca, Portugal, Weißrussland – inzwischen spielt er Matches europaweit. Zuletzt siegte er gegen die Nummer 1 aus Dänemark, in drei Sätzen und nach drei Stunden, 40 Minuten. „Klar war das anstrengend. Deshalb muss ich jetzt vor allem körperlich zulegen.“ 70 Prozent seines Trainings sind Athletikübungen, schon allein deshalb, um die Verletzungsgefahr zu minimieren. Als Nationalkader der U 14 wird für ihn die nächste Saison entscheidend sein: „Dann spielt er nicht mehr wie heute als 12- und 13-Jähriger gegen 14-Jährige, sondern ist so alt wie seine Gegner“, sagt Vater Oleg.

Macherner Tennisspieler Nikolai Barsukov wird Deutscher Meister

Einladung aus Leipzig

Der Papa freut sich schon jetzt auf Europameisterschaften und Europapokal. Er selbst war in seiner Heimat Weißrussland viele Jahre aktiver Tennisspieler, im Armeesportclub Minsk trainierte er beim Vater von Grand-Slam-Legende Natalia Zvereva. Max Mirny und Victoria Azarenka – Weißrussland hatte und hat im Tennis einige Hochkaräter zu bieten. Oleg studierte fünf Jahre lang an der Tennisakademie. Von Physiologie bis Psychologie – das volle Programm. Der damalige Präsident des Sächsischen Tennisverbandes, Professor Wolfgang Lassmann, lud den gelernten Sportlehrer nach Leipzig ein, um den Nachwuchs zu trainieren.

Oleg, damals 25, folgte dem Ruf. Und hat es nie bereut. Bis heute trainiert er in Machern 70 Mädchen und Jungen aus nah und fern, dazu Kindergartenkinder und die Tennis-AG der örtlichen Grundschule. Er ist stolz darauf, was die 120 Erwachsenen des Macherner Vereins mittlerweile geschafft haben. Die Anlage zwischen Leipzig und Wurzen ist längst ein Schmuckstück. Jedoch muss man Glück haben, die starke Vorhand und den harten Aufschlag von Sohnemann Nikolai dort bewundern zu können. Meist trainiert der Filius auswärts.

Training in der Herrenmannschaft

Inzwischen übt der Junge in Leipzig mit der Herrenmannschaft eines dortigen Tennisvereins, lässt sich von professionellen Masseuren durchkneten und schwitzt beim Fitnesstraining in Abtnaundorf. Mama Natalia springt regelmäßig als Chauffeur ein. Zwischendurch muss der Sechstklässler am Brandiser Gymnasium seine Schulaufgaben erledigen: „Mein Lehrer Franz Liebisch ist sehr nett. Wenn ich zu Turnieren ins Ausland fahre, sagt er mir vorher, was ich lernen muss.“ Mathe und Physik seien nicht gerade seine Lieblingsfächer, dagegen laufe es in Deutsch, Biologie und vor allem Russisch gut. Wen wundert’s, mit seinen Eltern und Schwesterchen Daria (9) spricht Nikolai nach wie vor in der Sprache des Vaters.

Einer seiner Trainer, der 21-jährige Christopher Arens, ist voll des Lobes über seinen Schützling: „Noch kann ich Nikolai das Wasser reichen. Spätestens in drei Jahren spielt er mich jedoch in Grund und Boden“, prophezeit Arens dem Macherner eine großartige Zukunft. Von der will Vater Oleg noch nichts wissen: „Immer schön auf dem Teppich bleiben.“ Fast ihren ganzen Verdienst investieren die Eltern in den Nachwuchs. Tennis gilt als eine der teuersten Sportarten. Umso dankbarer ist die Familie dem Verein, dem Verband und den Sponsoren. Ein japanischer Sportartikelhersteller stattet den Jungen mit Schlägern, Schuhen und Taschen aus. Zudem sei es ein Glücksfall, dass Vater Oleg als einer der Nachwuchs-Nationalcoachs ohnehin mit seinem Sohn auf Reisen gehe: „So können wir uns das Betreuungsgeld sparen.“

Boris Becker als Vorbild

Bei Lehrgängen macht Nikolai immer wieder Bekanntschaft mit den großen des Welttennis: Mit Nicolas Kiefer, Mischa Zverev, Andrea Petkovic, Claudia Kohde-Kilsch und – Boris Becker. Die Tipps gerade von Becker seien goldwert. „Er guckt sich die Spieler in aller Ruhe an. Wenn er Fehler bemerkt, versucht er sie zu korrigieren“, sagt Nikolai. Er mag die unaufgeregte, lebenskluge Art des einstigen Wimbledon-Gewinners: „Ich sehe ihn auch gern im Fernsehen, wenn er mit Matthias Stach über Tennis fachsimpelt.“

Veikko Ziegler, Rainer Dausend, Mario und Andrej – er habe viele Unterstützer, betont der 1,74 Meter große und 52 Kilo leichte Macherner. Am liebsten spielt er auf dem Hartplatz: „Dann verliert der Ball anders als auf Sand nicht so viel an Fahrt. Sie müssen wissen: Ich schlage aggressiv auf – und meist, ohne zu stöhnen.“ Ihn reize in der Zukunft weder Monaco noch Lamborghini: „Ich will einfach nur so viele Siege wie möglich für mein Land erringen.“ Sein Land, das ist Deutschland. Er ist stolz wie Oskar, den Trainingsanzug der Nationalmannschaft zu tragen – genau denselben, in dem Boris Becker erst kürzlich den Lehrgang leitete.

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