03. August 2022 / 19:54 Uhr

Machtkämpfe, Unruhe und Co.: Wie sich die Traditionsklubs HSV und Hannover 96 selbst zerlegen

Machtkämpfe, Unruhe und Co.: Wie sich die Traditionsklubs HSV und Hannover 96 selbst zerlegen

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Über HSV-Sportvorstand Jonas Boldt (links) und 96-Boss Martin Kind wird aktuell viel gesprochen.
Über HSV-Sportvorstand Jonas Boldt (links) und 96-Boss Martin Kind wird aktuell viel gesprochen. © IMAGO/localpic/Jan Huebner/Joachim Sielski/Getty (Montage)
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Einst Bundesliga, heute 2. Liga, dazu Machtkämpfe an der Klubspitze und viele Nebengeräusche: Die Nord-Vereine Hannover 96 und Hamburger SV zerlegen sich gerade wieder einmal selbst.

Beim Hamburger SV und bei Hannover 96 geht es wieder einmal drunter und drüber. Wie schon so oft in der Vergangenheit. Eigentlich hatten beide Traditionsklubs alle Voraussetzungen für eine sportlich erfolgreiche Saison geschaffen. Doch nun werden interne Streitigkeiten in beiden Fällen sogar vor Gerichten ausgetragen.

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Die Ausgangslage

In Hannover blockiert der Streit zwischen dem Stammverein und der von Mehrheitsgesellschafter Martin Kind angeführten Kapitalseite seit mehr als drei Jahren den Klub und spaltet selbst die Anhänger. In der vergangenen Woche eskalierte der Konflikt und ruinierte die Aufbruchstimmung, die mit dem neuen Trainer Stefan Leitl und vielen namhaften Neuzugängen aufgekommen war.

Beim HSV gibt es zwei Konfliktfelder: Die Finanz- und Sportvorstände Thomas Wüstefeld und Jonas Boldt verstehen sich nicht, ohne dass der Aufsichtsrat diesen Konflikt bislang eingedämmt hat. Außerdem erhebt Finanzchef Wüstefeld schwere Vorwürfe gegen seinen Vorgänger Frank Wettstein sowie Investor Klaus-Michael Kühne, weil man ihm den Sanierungsbedarf des Volksparkstadions angeblich vorenthalten habe und ein dafür vorgesehener 23,5-Millionen-Euro-Betrag der Stadt längst für andere Zwecke ausgegeben wurde.

Das alles trifft zwei ohnehin schon notorisch unruhige Klubs. Während der nächste HSV-Gegner 1. FC Heidenheim in den vergangenen 15 Jahren nur einen Trainer und einen Sportchef hatte, beschäftigten die Hamburger in der gleichen Zeit 17 Chef- und sechs Interimstrainer. In Hannover ist Leitl bereits der 14. Coach seit 2007.

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Streitigkeiten im Verein

Der 96-Mehrheitsgesellschafter Kind spaltet die Fans. Während die einen seine unbestrittenen Verdienste für den Klub hervorheben, werfen andere ihm eine Alleinherrschaft und eine emotionale Distanz zum Fußball vor. Die jetzige e.V.-Spitze kommt aus der Fanszene und profilierte sich stets mit einem Programm: Kind muss weg.

Vergangene Woche eskalierte der Konflikt, als der Stammverein Kind als Geschäftsführer des Profifußball-Bereichs abberief. Der 78-Jährige wehrt sich juristisch dagegen: Dank einer Entscheidung des Landgerichts Hannover darf er vorerst weiter eingeschränkt als Geschäftsführer bis zum Verhandlungs-Termin am 16. August arbeiten.

Beim HSV sieht es an der Spitze nicht besser aus: Sportvorstand Jonas Boldt und Finanzvorstand Thomas Wüstefeld können nicht miteinander - auch wenn Wüstefeld dies am Dienstag herunterspielte.

Der Bruch wurde spätestens öffentlich, als Boldt den Sportdirektor Michael Mutzel degradierte. "Michael funktioniert in einer Führungsrolle rund um die Mannschaft nicht", sagte Boldt Anfang Juni und verbot ihm sogar, Kontakt zum Team zu halten. Mutzel hatte sich zuvor an Wüstefeld gebunden, Boldt legte ihm das als Illoyalität aus - und beurlaubte ihn schließlich. Mutzel zog vor Gericht und bekam in erster Instanz recht. Folge: Die Trennung wird deutlich teurer als gedacht - und der ganze Streit ist nun öffentlich sichtbar.

Die Protagonisten haben Verbündete: Boldt hat Trainer Tim Walter, die Spieler und Großteile der Belegschaft in der Geschäftsstelle hinter sich. Die will Wüstefeld aus Spargründen verkleinern. Der Unternehmer aus der Medizintechnikbranche und HSV-Anteilseigner hat Aufsichtsratschef Marcell Janssen auf seiner Seite, obwohl sich nun auch Mitglieder des Kontrollgremiums gegen ihn aussprachen. Investor Kühne richtete dem Hamburger Abendblatt aus: Er hoffe, "dass Dr. Wüstefeld beim HSV recht bald Geschichte sein wird". Vier Monate zuvor sagte er: "Mit Dr. Wüstefeld hat ein Mann die Führung der HSV Fußball AG übernommen, der mit ebenso viel Umsicht wie Tatendrang zu Werke geht. Das eröffnet unserem HSV ganz neue Perspektiven."

Die Nordklubs und das Geld

Der Mutterverein von 96 hat die Kapitalseite des Vereins - und damit Martin Kind - beschuldigt, mehrfach gegen den sogenannten Hannover-96-Vertrag und zugleich abgeschlossene Fördervereinbarungen verstoßen zu haben. Eine festgelegte Spende sei gar nicht und weitere Spenden „nicht zum vereinbarten Zeitpunkt gezahlt“ worden. Der Profifußball-Bereich bestreitet die Anschuldigungen des Stammvereins.

Beim HSV drückt die Last von geschätzten 30 bis 40 Millionen Euro an Sanierungskosten für die in die Jahre gekommene vereinseigene Arena. 2024 sollen fünf EM-Spiele dort stattfinden. Aber das von der Stadt für den Erwerb des Stadiongrundstücks bereitgestellte Geld wurde längst ausgegeben. Weil das Dach marode ist, könnte gar die Betriebserlaubnis für die Arena entzogen werden. Seit elf Geschäftsjahren schreibt der HSV regelmäßig Miese. Für die vergangene Saison will Wüstefeld eine ausgeglichene Bilanz vorlegen, was mehr als verwundert. Er will ein Finanzierungskonzept für die Arena-Sanierung vorstellen.

Sportliche Situation

Mit ordentlichen Leistungen holte 96 bislang nur einen Punkt nach Spielen in Kaiserslautern (1:2) und gegen den FC St. Pauli (2:2). In beiden Partien kassierten die Niedersachsen späte Gegentore. Nach dem 3:0 beim Oberligisten Schott Mainz im DFB-Pokal empfängt Hannover am Wochenende der SC Paderborn (Samstag, 13 Uhr).

Sportlich läuft es beim HSV nicht wie erhofft. Trainer Tim Walter hätte gern Verstärkungen für die Offensive. Der Aufsichtsrat hat den Etatplan noch nicht abgesegnet, Ausgaben sind eingefroren. Nach einem wenig überzeugenden 2:0 zum Liga-Auftakt in Braunschweig kassierten die Hamburger zu Hause eine 0:1-Niederlage gegen Rostock.

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