28. Dezember 2021 / 08:00 Uhr

"Bitte, lass ihn nicht sterben" – Mads Buttgereit erinnert sich an Eriksen-Drama bei der EM

"Bitte, lass ihn nicht sterben" – Mads Buttgereit erinnert sich an Eriksen-Drama bei der EM

Heiko Ostendorp
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Mads Buttgereit (im Kreis) spricht im Interview über die Schock-Moment bei der EM mit Christian Eriksen (links).
Mads Buttgereit (im Kreis) spricht im Interview über die Schock-Moment bei der EM mit Christian Eriksen (links). © Getty/IMAGO/MB Media Solutions (Montage)
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Mads Buttgereit war bei der Europameisterschaft im Sommer für Dänemark im Einsatz und erinnert sich im Interview mit dem SPORTBUZZER an das Drama um Christian Eriksen, welches er hautnah miterlebte.

Es war wohl der bewegendste Sportmoment des Jahres, als Inter-Star Christian Eriksen während der EM-Vorrundenpartie Dänemark gegen Finnland plötzlich auf dem Platz bewusstlos zusammensackte und anschließend wiederbelebt werden musste. Mads Buttgereit war damals im Trainerteam der Dänen und erlebte das Drama hautnah mit. Am 1. August wechselte er als Standardexperte zum DFB und ist Teil des neuen Teams von Bundestrainer Hansi Flick. Exklusiv für den SPORTBUZZER, dem Sportportal des RedaktionsNetzwerks Deutschland, erinnert er sich an die schrecklichen Ereignisse im vergangenen Sommer.

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SPORTBUZZER: Herr Buttgereit, was fällt Ihnen als Erstes ein, wenn Sie an den 12. Juni 2021 denken?

Mads Buttgereit (36): Ich saß direkt hinter unserer Trainerbank und habe auf mein IPad geschaut, weil wir kurz zuvor eine Ecke hatten. Im Augenwinkel sah ich dann, wie Christian Eriksen einfach umfiel. Ich konnte aus 40, 50 Metern Entfernung zwar nicht erkennen, was die Menschen im TV sahen – dass bei ihm alle Lichter ausgingen – dennoch wusste ich bereits nach wenigen Sekunden, dass etwas Fürchterliches passiert ist.

Warum?

Es war sofort komplett still im Stadion, so etwas hatte ich noch nie erlebt. Die Spieler haben wie wild die Ärzte rangewunken, hielten sich die Hände vors Gesicht oder haben sich weggedreht. Es war komplett surreal.

Wie haben Sie reagiert?


Ich saß neben Ebbe Sand und wir sind relativ schnell auf den Platz runter zu den anderen. Dann sah ich, dass die Spieler einen Kreis um Christian bildeten und konnte durch die Beine erkennen, dass er reanimiert wurde. Ich habe nur gedacht: Bitte, lass ihn nicht sterben!

Wie ging es weiter?

Es lief ab wie im Film. Wir standen da mit den finnischen Spielern, alle standen unter Schock. Dann hat sich Christian aufgerichtet, wurde vom Feld getragen und ins Krankenhaus gebracht. Er hatte riesiges Glück, weil er ehrlicherweise am besten Ort war, wo so etwas passieren kann – so verrückt das auch klingen mag.

Nach Eriksen-Kollaps: "Alle haben super reagiert"

Was meinen Sie genau?

Er hat sofort die bestmögliche Versorgung bekommen, alle haben super reagiert. Zu Hause im Bett wäre das anders ausgegangen. Es kamen viele glückliche Umstände zusammen. Aber die Bilder waren schrecklich. Christians Frau kam runter, war völlig fertig. Das werde ich nie vergessen. Freunde von mir saßen genau auf der Höhe, wo der Unfall passierte. Sie sind sofort gegangen und nicht mehr wiedergekommen.

Das Spiel wurde unterbrochen, die Mannschaften mussten in die Kabine. Was lief dort ab?

Es herrschte eine kontrollierte Ruhe. Trainer Kaspar Hjulmand und seine Assistenten haben das fantastisch gemacht, sie haben sofort die richtigen Worte gefunden. Jeder hat sich wohlgefühlt, konnte ganz offen sagen, was er fühlt. Es musste entschieden werden, ob wir am nächsten Tag um 12 Uhr weiterspielen oder in einer halben Stunde. Jeder hat seine Meinung gesagt.

Wie waren die Meinungen?

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Manche waren noch völlig im Tunnel, andere waren total betroffen und mitgenommen. Aber für alle war klar, dass wir zuerst wissen wollten, wie es Christian geht. Zum Glück meldete sich der Arzt relativ zügig und gab Entwarnung. Er sagte, dass Christian ansprechbar war. Alle wussten, dass es besser war, gleich weiterzuspielen. Ich glaube, jeder wollte das Ganze einfach so schnell wie möglich hinter sich bringen.

Die Partie wurde fortgesetzt, Dänemark verlor mit 0:1 gegen Finnland.

Das Ergebnis war völlig egal. Aber man hat da schon gemerkt, dass durch diese schrecklichen Ereignisse ein ganzes Land zusammenwuchs. Die Herzen hatten wir gewonnen. Und die Mannschaft war ohnehin schon vorher sehr eng, ein verschworener Haufen.

Gespräche mit Psychologen

Was passierte im Hotel?

Nach dem Essen kamen sechs Krisenpsychologen, die externe Hilfe angeboten haben. Zuerst dachte ich: Was soll das? Aber dann entstand eine Dynamik. Jeder hat das Erlebte noch mal reflektiert. Die haben das wirklich extrem professionell gemacht, das hat jedem geholfen. Auch danach konnte man noch einzeln mit den Psychologen sprechen.

Wann haben Sie Eriksen das nächste Mal gesehen?

Ein, zwei Tage nach dem Drama hat er sich per Facetime gemeldet, das war ein unglaublich intensiver und schöner Moment. Und ein paar Tage später stand er plötzlich am Trainingsplatz.

Wie wurde er empfangen?

Es war komplett irre. Wie selbstverständlich hörte die Mannschaft einfach auf zu spielen und jeder ging nach und nach zu ihm. Alle haben ihn gedrückt, einige haben kurz mit ihm geschnackt. Christian hat erzählt, wie er das Ganze erlebt hat. Er hat das Spiel im Krankenhaus noch geschaut und den Torjubel der Finnen eher gehört, als er den Treffer im Fernsehen gesehen hat, weil das Spital nicht weit weg vom Stadion war. Nach 15 Minuten musste er wieder gehen.

Hat sich seitdem etwas für Sie persönlich geändert?

Ich glaube, alle, die dabei waren, schätzen das Leben seitdem deutlich mehr. So etwas hinterlässt Spuren. Ich habe danach oft gedacht, dass es jeden Tag vorbei sein kann – selbst wenn du ein topfitter Sportler bist. Zudem habe ich extrem viel gelernt, vor allem menschlich. Wie alle Verantwortlichen mit dieser unerwartbaren Situation umgegangen sind, war einfach großartig. Davor habe ich meinen größten Respekt. Und alle, die involviert waren, wird dieser Tag für immer verbinden und zusammenschweißen.