25. Mai 2019 / 12:00 Uhr

Magath über den Titel und den Abschied vom VfL Wolfsburg 2009: "Habe mich nicht genügend unterstützt gefühlt"

Magath über den Titel und den Abschied vom VfL Wolfsburg 2009: "Habe mich nicht genügend unterstützt gefühlt"

Andreas Pahlmann
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Nach dem Titel verließ Felix Magath den VfL Wolfsburg
Nach dem Titel verließ Felix Magath den VfL Wolfsburg © imago sportfotodienst
Anzeige

Zehn Jahre nach der Meisterschaft mit dem VfL Wolfsburg sprach AZ/WAZ-Sportredakteur Andreas Pahlmann mit Wolfsburgs Meistertrainer Felix Magath. Hier gibt's die XXL-Version des Interviews - in drei Teilen. Im dritten und letzten Teil  geht's um das Saison-Finale und den Wechsel zu Schalke 04.

Herr Magath, ab wann in der Saison 2008/09 haben Sie persönlich an den Titel geglaubt?

Anzeige

Eigentlich nie.

Bitte?

Anzeige

So toll die Mannschaft auch war, es war eigentlich keine, mit der man Meister wird. So richtig geglaubt habe ich es erst, als wir im letzten Spiel gegen Bremen das vierte Tor gemacht hatten.

So spät?

Es war ja nicht auszuschließen, dass wir das Spiel gegen Bremen verlieren und Zweiter werden.

Hier geht es zum ersten Teil des Interviews mit Felix Magath

Hier geht es zum zweiten Teil des Interviews mit Felix Magath

Öffentlich über den Titel geredet haben Sie aber schon drei Wochen vorher, unmittelbar vor dem Spiel gegen 1899 Hoffenheim. In der Woche zuvor war Ihr möglicher Wechsel zu Schalke 04 ein riesiges Thema geworden und zu allem Überfluss hatte die WAZ auch noch enthüllt, dass Sie gar keinen Vertrag bis 2010 haben, sondern, dass der Vertrag aufgrund einer einseitigen Klausel nach der Saison endet, Sie also schon frei für einen Wechsel sind.


Das war eine knifflige Situation – und das 4:0 gegen Hoffenheim darum in der Phase auch ein enorm wichtiger Sieg.

Hatten Sie keine Angst, dass Ihr bevorstehender Wechsel zu Schalke für soviel Unruhe sorgt, dass die ganze Saison gefährdet ist?

Doch, große Angst. Das konnte man ja gar nicht anders sehen. Das hätte die Saison kippen können.

Was tut man dagegen?

Mit den Spielern reden, offen sein. Und in der Mannschaft gab es zum Glück viele gute Charaktere, das hat geholfen.

"Als mich Schalke kontaktierte, hatte ich schon entschieden, Wolfsburg zu verlassen!"

Aber warum wollten Sie überhaupt weg? Sie hätten Wolfsburgs erster Champions-League-Trainer werden können. War die Versuchung Schalke so groß?

Nein. Als mich Schalke kontaktierte, hatte ich schon entschieden, dass ich Wolfsburg nach der Saison verlassen werde.

Wieso?

Ich habe mich in Wolfsburg nicht mehr genügend unterstützt gefühlt.

Von VW?

Ja. Es war ja so: Ich hätte in der Winterpause sagen müssen, ob ich das dritte Vertragsjahr noch machen will oder nicht. Darüber wollte ich mit dem VfL-Aufsichtsratsvorsitzenden und VW-Vorstand Hans Dieter Pötsch sprechen. Zu der Zeit gab‘s aber den Ärger mit Porsche und der versuchten VW-Übernahme. Pötsch war zu beschäftigt, wir vertagten uns erst auf Januar, dann auf Februar oder März, es wurde nichts draus, wir konnten über die aufkommende interne Unzufriedenheit mit mir nicht reden. So war die Gemengelage, die dann schließlich zu meiner Entscheidung führte. Der große Erfolg, der dann die internen Kritiker mundtot gemacht hat, kam ja erst im Laufe der Rückrunde – und da war es zu spät.

Am 30. Spieltag, unmittelbar vor diesem Hoffenheim-Spiel, haben Sie erstmals öffentlich über das Ziel Meisterschaft gesprochen. Ein taktisches Manöver?

Ja, klar. Mein Wechsel zu Schalke drohte alles in den Hintergrund zu drängen. Da wollte ich einen Gegenimpuls setzen. So gesehen, war mein Abschied ja vielleicht das einzig Richtige aus VfL-Sicht (lacht), denn ich weiß nicht, ob wir ohne diesen Impuls Meister geworden wären..

34 Spieltage 2008/09 zum Durchklicken: Der VfL-Weg zum Titel

Die Saison von Spiel zu Spiel Zur Galerie
Die Saison von Spiel zu Spiel ©

War der Wechsel zu Schalke 04 im Nachhinein für Sie ein Fehler, auch wenn Sie im ersten Jahr dort Vizemeister geworden sind?

Nein, zu dem Zeitpunkt nicht.

Weil Sie mit Bayern und Wolfsburg Meister geworden waren und der Reiz, das auch mit den seit 50 Jahren darbenden Schalkern zu schaffen, einfach zu groß war?

Ja. Das ist für mich der zweitgrößte Verein Deutschlands. Ich wusste halt damals nur nicht, wie pleite die waren. Das erste Jahr hatten wir Erfolg, trotzdem stand ich danach unter Dauerbeschuss, wurde nur noch angefeindet. Und dann ging es öffentlich los. Ich habe in einem Interview gesagt, dass ich 30 Millionen für neue Spieler brauchte, der Aufsichtsratsvorsitzende...

...Clemens Tönnies...

...sagt direkt in einem anderen Interview, dass Magath nur das Geld ausgeben kann, das er auch einnimmt. Da können Sie sich vorstellen, wie anstrengend das war. Nach meinem Rauswurf wurde die Mannschaft dann noch Pokalsieger und kam ins Halbfinale der Champions League. So schlecht kann das alles also nicht gewesen sei. Aber ich war danach unheimlich geschlaucht, weil ich auf Schalke nur angepinkelt wurde.

Trotzdem kehrten Sie nur wenige Tage nach dem Aus auf Schalke zum VfL Wolfsburg zurück.

Martin Winterkorn hatte zwei Jahre zuvor vergeblich versucht, mich zu halten. Ich lasse auf ihn nichts kommen, was den VfL angeht. Er war einer von ganz wenigen großen Entscheidern in der Branche, die wirklich ein Gefühl für Fußball haben. Als er dann anrief und mich bat zu helfen, fühlte ich mich irgendwie verpflichtet, vielleicht hatte ich auch ein schlechtes Gewissen, weil ich 2009 gegangen war. Er hat mir noch freigestellt, ob ich sofort loslegen will oder später, das durfte ich mir aussuchen. Aber ich bin halt so gestrickt: Wenn da eine schwierige Situation ist, dann warte ich nicht. Auch wenn ich mich damals sehr müde gefühlt hatte.

Keine Angst, den Ruf des Meistertrainers in Wolfsburg aufs Spiel zu setzen?

Wissen Sie, ich komme noch aus einer Zeit, wo solche Fragen einfach keine Rolle gespielt haben. Was ist mit meinem Ruf? Wie verkaufe ich mich? Das spielt mir heute alles eine zu große Rolle. Ich wollte nur meine Arbeit machen.

Andreas Pahlmann im Gespräch mit Felix Magath
Andreas Pahlmann im Gespräch mit Felix Magath ©

Die war in der zweiten Amtszeit ja offenbar schwer genug.

Ich kann mich noch sehr, sehr genau an das erste Spiel erinnern. In Stuttgart, wir führen 1:0, müssen das 2:0 oder 3:0 machen, dann schießt der Niedermeier – ein Verteidiger! – in der vierten Minute der Nachspielzeit den Ausgleich. In dem Moment hat sich‘s bei mir im Magen zusammengezogen und ich habe geradezu körperlich gespürt: Das wird bis zur letzten Sekunde dieser Saison ganz, ganz eng.

Am Ende gab es den Klassenerhalt in Hoffenheim, einen achten Platz in der Folgesaison – und immer mehr Kritik an ihren Transfers...

Da waren Spieler dabei, die haben quasi gar nichts gekostet – ein Aliaksandr Hleb etwa wurde ja immer noch von Barcelona bezahlt. Meine Überlegung war: Wenn der fit wird, dann haben wir einen Spieler, den wir ansonsten niemals kriegen könnten. Ähnlich war es bei anderen Spielern, aber ich habe vielleicht unterschätzt, dass das anders wahrgenommen wird. Dann habe ich Spieler wie Chris oder Sotirios Kyrgiakos holen müssen, weil der Verein ja Barzagli abgegeben hatte und auf dem Markt nicht viel Auswahl an Abwehrspielern war. Und dann gab es Sonderfälle wie Thomas Hitzlsperger, den damals schon die Frage, ob er sich outen solle, zu sehr abgelenkt hat. So etwas ahnt man ja vorher nicht. Er hätte es damals tun sollen, dann wäre er im Kopf freier gewesen.

Hatte sich der VfL verändert?

Das weiß ich nicht, aber vielleicht habe ich eine Sache falsch eingeschätzt: Ich dachte, die Fürsprache von Martin Winterkorn schützt mich in gewissem Maße vor internen Auseinandersetzungen. Dabei habe ich wohl verkannt, dass er auch anderes zu tun hat und nicht immer alles mitbekommt, was beim VfL passiert. So fehlte mir die Unterstützung, das hätte ich am Beispiel Diego früh merken können...

"Ich habe gesagt: ,Den Diego kann ich nicht gebrauchen'"

Inwiefern?

Schon nach dem ersten Spiel in Stuttgart saß ich beim Aufsichtsratsvorsitzenden Garcia Sanz und habe ihm gesagt: Mit Diego, das wird nichts, den kann ich nicht gebrauchen. Und Garcia Sanz sagte: Versuchen Sie‘s bitte, tun sie mir den Gefallen. Und das habe ich dann gemacht, obwohl ich ihn lieber rausgeschmissen hätte. Hätte ich das getan, hätten wir uns vor dem letzten Spieltag gerettet.

An diesem letzten Spieltag verließ Diego einfach so die Mannschaftssitzung, nachdem Sie ihn gegen Hoffenheim auf die Bank setzen wollten.

Das muss man sich mal vorstellen! Der geht einfach – und wird dann intern noch geschützt. Und er wechselte dann ja, aber als Atletico ihn nach der Leihe nicht mehr wollte, kam er ein Jahr später zurück. Und ich musste wieder mit ihm arbeiten! Weil er ja viel Geld gekostet hatte. Das war das Dilemma...

Am Ende der Saison waren Sie nicht mehr da, der VfL wurde unter Dieter Hecking Achter und Dortmund wurde Meister. Wieso sind eigentlich seit der VfL-Meisterschaft nur noch Bayern und Dortmund Meister geworden?

Weil der VfL mich nicht noch einmal zurückgeholt hat (lacht). Nein, im Ernst: Es hat einfach keiner mehr den Anspruch, Meister zu werden. Das gilt nicht nur für den VfL Wolfsburg, das gilt für alle. Als ich in England und China gearbeitet habe und die Bundesliga mit etwas Abstand verfolgen konnte, hatte ich immer stärker das Gefühl: Alle sind zufrieden, wenn sie in der Liga mitspielen dürfen. Oder sagen sich sogar, wie jetzt Hannover: Dann steigen wir eben ab und dann wieder auf. Mir fehlen Vereine, die was erreichen wollen. Die Liga richtet sich im Mittelmaß ein. Wenn einer einen Pass über zehn Meter spielt, wird er schon abgefeiert.

Das ist dann aber eher die Schuld meiner Branche.

Mag sein, aber das Problem selbst ist ja grundsätzlicher: Es fehlt an zu vielen Stellen der Mut, etwas erreichen zu wollen, das weit weg scheint.

Mehr zum VfL Wolfsburg

Vor zehn Jahren wurde der VfL Wolfsburg deutscher Meister: Das große SPORTBUZZER-Special