03. August 2021 / 19:34 Uhr

Selbstzweifel und Probleme mit dem Absprung: Holpriger Weg von Mihambo endet mit Olympia-Gold

Selbstzweifel und Probleme mit dem Absprung: Holpriger Weg von Mihambo endet mit Olympia-Gold

Jens Kürbis
Lübecker Nachrichten
Malaika Mihambo holte die erste Goldmedaille im Weitsprung seit Heike Drechsler 2000 in Sydney. 
Malaika Mihambo holte die erste Goldmedaille im Weitsprung seit Heike Drechsler 2000 in Sydney.  © GettyImages
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Es war ein absolutes Herzschlag-Finale: Erst mit ihrem letzten Versuch sicherte sich Weltmeisterin Malaika Mihambo am Dienstag Weitsprung-Gold. Nach einer schwierigen Saison ist die Leistung um so höher zu bewerten – auch wenn Mihambo den Favoriten-Status vor dem Wettkampf ablehnte.

Ihr Gold-Krimi ist schon mehr als eine Stunde her, da schlängelt sich Malaika Mihambo noch immer durch die Interviewzone. Im Stadion treppauf an gut 70 Boxen diverser TV-Sender vorbei, noch ein letztes Foto mit Über-die-Schulter-Blick für den Fotografen dann wieder treppab zur nächsten Runde in die Katakomben. Mit dem schweren Rucksack auf den Schultern und der Deutschland-Fahne obenauf sieht es aus, als ob sie einen Schildkrötenpanzer trägt. Doch eine Last scheint der nicht zu sein.

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Mit einer Engelsgeduld beantwortet sie jede noch so kleine Frage, gibt dabei auch viel von ihrer Gefühlswelt preis. Sie erzählt von den Momenten der WM 2019 in Doha als sie nach zwei Sprüngen fast raus gewesen wäre und dann Gold geholt hatte. So einen Moment gab es auch in Tokio. Vor ihrem letzten Sprung hatte sie Bronze sicher. Doch sie wollte mehr, sie konnte mehr. "Da war ein Gefühl von 'ich will mein Bestes geben und ich weiß, dass ich es besser kann.' Und da war dieser innere starke Glaube an mich selbst, dass ich es erreichen kann. Und dieses Gefühl habe ich mitgenommen."

Mihambo gelöst: "Wichtigste sieben Meter in meinem Leben"

Sie hat es mitgenommen in die 20 Schritte bis zum Sprung. Schon in der Luft habe sie ein gutes Gefühl gehabt. Erst recht nach dem Aufstöhnen im Stadion. Mihambo hockt neben der Gruppe, die Hände vorm Gesicht gefaltet, banger Blick zur Anzeigetafel. Und dann leuchten sieben Meter auf, drei Zentimeter weiter als die bis dahin führende US-Amerikanerin Brittney Reese. "Das sind die wichtigsten sieben Meter in meinem Leben", sagt sie später.

Zuvor musste sie aber warten auf Ese Brume aus Nigeria und Reese. "Das war schlimm, sehr hart, weil man selbst nichts mehr machen kann", sagt Mihambo. Auch, weil sie weiß, dass sie 19 Zentimeter am Brett verschenkt hat. Sie sitzt im Stadion, die Fotografen im Halbkreis um sie herum. "Ich habe da die Augen zugemacht, nur gesehen, dass ihre Landungen von der Linie weg waren. Da war ich schon ganz happy." Und dann aus dem Häuschen. Tränen fließen. Ein Krimi mit Happy End. "Das ist das Sternchen auf den Olympiasieg."

Mihambo kämpfte in dieser Saison lange mit ihrem Absprung

Mihambo und der Absprung – das sind zwei Dinge, die in diesem Jahr nicht so recht passen wollten. Im Vorjahr hatte sie den Anlauf verkürzt, von 20 auf 16 Schritte. Dann ging es doch wieder zurück auf 20, was nicht so recht klappen wollte. "Stellen Sie sich vor", erzählte sie vor den Spielen im SPORTBUZZER-Interview, "der Anlauf ist über 40 Meter lang – und am Ende will man an diesem Brett ankommen, das 20 Zentimeter breit ist. Da reichen zwei, drei Schritte, die nicht exakt gesetzt werden, und man kommt nicht mehr optimal an." Sie habe immer ihr bestes versucht, es nicht geschafft, "da anzuknüpfen, wo man 2019 war. Da kamen viele Selbstzweifel hoch. Das war am Anfang des Jahres eine Belastung, da gab es viele Tiefen."

Bis Juni haben Mihambo die Zweifel geplagt. Doch danach hat sie Ruhe gefunden: "Ich habe für mich herausgefunden, dass ich niemandem was beweisen muss. Ich muss nicht nach Tokio fliegen und Gold gewinnen. Ich kann trotzdem sagen, ich mag mich als Mensch und bin glücklich mit dem, was ich erreicht habe."


Meditieren und Musizieren als Schlüssel für Gold

Wenn Mihambo in ihr Inneres schauen lässt, haben ihre Schilderungen etwas Spirituelles. Kein Zufall. Den inneren Frieden hat sie bei ihren Wandertouren gefunden, vor allem aber beim Meditieren, auch beim Musizieren mit Bundestrainer Ulrich Knapp. Sie am Klavier, er mit Gitarre. Mit Knapp sei sie richtig zusammengewachsen, "ihn als Menschen kennengelernt zu haben, macht mich sehr glücklich. Wir können uns tiefgründig unterhalten." Als im Olympiastadion feststeht, dass sie Gold gewinnt, schreit Mihambo die Anspannung raus. "Das war der härteste Wettkampf meines Lebens." Und sie hat ihn gewonnen.