29. Juli 2020 / 10:42 Uhr

„Man möchte uns hier nicht“: Greifswalder Fußballclub Al Karama zieht sich zurück

„Man möchte uns hier nicht“: Greifswalder Fußballclub Al Karama zieht sich zurück

Alexander Kruggel
Ostsee-Zeitung
Abdullah Ismael (Name geändert) schaut seiner Mannschaft beim Spiel zu. 
Abdullah Ismael (Name geändert) schaut seiner Mannschaft beim Spiel zu. © Alexander Kruggel
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Das Team des Greifswalder Fußball-Vereins FC Al Karama besteht überwiegend aus Geflüchteten des syrischen Bürgerkrieges – ein Vorzeige-Integrationsprojekt. Zuletzt waren die Auftritte allerdings überschattet von Fremdenhass und Rassismus. Jetzt zieht der Kreisligist die Konsequenzen.

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Abdullah Ismael* wartet hinter dem Tor auf seinen Einsatz. Mit der linken Hand greift er in das Netz, mit der rechten gestikuliert er, zeigt Kommandos und Laufwege an. Fußball ist Abdullahs Leidenschaft, auch wenn es an diesem Tag nur um den Spaß am Sport geht. Ein kleines Freundschaftsturnier in der Nähe von Greifswald mit neun Mannschaften auf kleinem Feld. Am Ende wird er stolz für ein Foto posieren, in seinen Händen die Urkunde und der Pokal für den zweiten Platz.

Siege wie diesen wird Abdullah in nächster Zeit weniger erleben. Sein Verein, der FC Al Karama, hat die Mannschaft vom Spielbetrieb der Kreisliga abgemeldet. „Wegen Corona“, sagt Abdullah erst. Dann etwas zögerlicher: „Eigentlich wegen Rassismus.“

Mit neuem Namen kamen größere Probleme

Al Karama, dessen Team überwiegend aus Geflüchteten des syrischen Bürgerkrieges besteht, trat im letzten Jahr zum ersten Mal in der Kreisliga Vorpommern-Greifswald an. Bevor sich der Verein gründete, waren die Spieler als dritte Mannschaft des Greifswalder FC gestartet. Schon zu diesem Zeitpunkt hatte es stellenweise Probleme mit Ausgrenzung und Fremdenhass gegeben. Meist in Form von verbalen Attacken aus der Richtung der gegnerischen „Fans“.

Probleme, die sich mit dem neuen Namen noch verstärkten. „Jedes Spiel muss von der Polizei beobachtet werden“, erzählt Abdullah, der vor fünf Jahren nach Deutschland kam. Zuerst machte ihm der Fußball hier Spaß, lenkte ihn ab. Als er noch in einer Mannschaft zusammen mit Deutschen spielte, hätte er dort Unterstützung bekommen, erzählt er. „Jetzt ist man immer gegen uns. Wir werden immer gefragt: Warum habt ihr eine eigene Mannschaft? Ich habe das Gefühl, man möchte uns hier nicht.“

Kommentar: "Harte Strafen für die Täter"

Trauriger Höhepunkt: Das Spiel beim VSV Lassan

Ihren traurigen Höhepunkt fand die Entwicklung nach einem Auswärtsspiel beim VSV Lassan. Said Al-Jasim* stand bei der Partie nicht auf dem Spielfeld, konnte das Geschehen aber von der Seitenlinie aus verfolgen. „Es war beklemmend“, erinnert er sich. Augenzeugen berichten davon, dass sich unter den Lassan-Fans einige Personen mit Kurzhaarschnitt und in schwarze Hoodies und Bomberjacken gekleidet bewegten. In einem Video-Mitschnitt, der später im Internet veröffentlicht wurde, skandiert eine Gruppe: „Wir sind gar nicht rechtsradikal“. In ihrer Mitte ein Mann mit Schweinskopfmaske. Ein gruseliges Schauspiel.

Abgesichert wurde das Spiel durch 13 Polizeibeamte und 25 Ordner des Volkssportvereins Lassan. Trotzdem konnte eine Eskalation nach dem Abpfiff der Partie nicht gänzlich verhindert werden. „Nach Spielende kam es durch Fans zu Pöbeleien gegenüber den abreisenden Spielern des FC Al Karama. Hierbei konnte die Polizei ein direktes Aufeinandertreffen zwischen den pöbelnden Fans und den Gästespielern verhindern“, erklärte ein Sprecher der zuständigen Polizeiinspektion.

Dennoch seien gefüllte Bierbecher in Richtung der Gästespieler und der Polizisten geworfen worden. „Des Weiteren zeigten zwei Männer nach dem Spiel den Hitlergruß in Richtung der abreisenden Spieler und Fans des FC Al Karama Greifswald. Einer der beiden verwendete zudem die Parole ,Sieg Heil’.“

Nicht nur am Spielfeldrand, sondern auch im Internet sehen sich die Spieler von Al Karama rechter Hetze ausgesetzt. Die Facebook-Seite „Fußball im Kreis bleibt weiss“** beispielsweise verfolgt ihrem Inhalt nach einzig und allein den Zweck, gegen Al Karama mobil zu machen. Unter anderem solle sich gegen die Teilnahme von Al Karama am Spielbetrieb zur Wehr gesetzt werden.

Die Seite, deren Profilbild einen preußischen Reichsadler inmitten eines Ährenkranzes zeigt, ist selten aktiv. Die Partie beim VSV Lassan ist eines von nur zwei Spielen, zu deren Besuch mittels einer Facebook-Veranstaltung explizit aufgerufen wurde. Mehrere Hundert Zuschauer folgten. Eine außerordentlich hohe Zahl in der Kreisliga.

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Die Facebookseite sei dem Innenministerium in Schwerin bekannt, erklärt eine Sprecherin auf Anfrage. Ein Anzeichen für „auf Dauer angelegte“ rechte Strukturen im Amateurfußball in Vorpommern sei in ihr allerdings nicht zu sehen.

Dennoch reagierte man in Schwerin auf die Vorfälle. So hätte im Februar dieses Jahres auf Initiative der „AG Sport und Gewaltprävention“ des Landesrates für Kriminalitätsvorbeugung (LfK) eine Expertenrunde getagt. Dort wurde beschlossen, dass eine „bewährte Broschüre“ des LfK mit dem Titel „Gegen Gewalt und Rassismus im Fußball“ aktualisiert werden solle. Der Verfassungsschutz sei ebenfalls an der AG Sport und Gewaltprävention beteiligt.

Von anderen Stellen erfuhr Al Karama von Anfang an Unterstützung. Darunter der Landessportbund, der Landkreis Vorpommern-Greifswald und der Landes- sowie der Kreisfußballverband. Ohne diese Hilfe hätte die Mannschaft auch nie antreten können, sagt Vereinspräsident Ibrahim Al-Najjar, der gleichzeitig auch der Integrationsbeauftragte des Landkreises ist.

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„Der Punkt erreicht, wo es zu viel wird“

Trotzdem sei die Situation für die Spieler unerträglich. „Man kann die ganze Zeit ertragen und noch mehr ertragen, aber irgendwann ist der Punkt erreicht, wo es zu viel wird“, erzählt Abdullah. Weitere Spieler des Vereins pflichten ihm bei. Viele von ihnen werden in der kommenden Saison bei anderen Vereinen aus der Region um Greifswald spielen. Als FC Al Karama werden sie in nächster Zeit nur Freundschaftsspiele und Freizeitturniere bestreiten.

In der Kreisliga werde die Mannschaft erst wieder antreten, wenn mehr deutsche Spieler den Kader verstärken würden. Die gäbe es zwar jetzt schon, „aber sie sehen eben nicht aus wie Deutsche und werden auch angefeindet“, berichtet Al-Najjar. Das Ziel: Über die Hälfte der Mannschaft soll aus Deutschen bestehen. „Natürlich finden wir das doof, aber was sollen wir machen?“, sagt Abdullah.

„Al Karama“ bedeute übersetzt soviel wie „Würde“. Eben jene Menschenwürde, die nach dem Grundgesetz unantastbar ist. Dazu gehört für ihn auch, dass er in Deutschland Fußball spielen kann, ohne von der Polizei geschützt werden zu müssen. „Ich hoffe, dass wir irgendwann akzeptiert werden, so wie wir sind“, wünscht sich Abdullah.

*Namen von der Redaktion geändert.

**Update vom 4. August 2020: Die Facebookseite "Fußball im Kreis bleibt weiss" ist inzwischen seit mehreren Tagen nicht mehr aufrufbar. Eine Anfrage an Facebook, ob die Seite vorübergehend gesperrt oder dauerhaft gelöscht wurde und ob Facebook auf eigene Initiative gehandelt hat oder etwa der Nutzer, der die Seite erstellt hat, beantwortete ein Sprecher des Unternehmens APCO Worldwide, das Facebook bei der Kommunikation im deutschsprachigen Raum unterstützt. Demnach "sieht es nach Rücksprache mit Facebook so aus, als hätte der Nutzer selbst die Seite gelöscht." Nach SPORTBUZZER-Informationen gab es in der Vergangenheit mindestens einen Versuch, die Seite zu "melden", also die Administratoren des Sozialen Netzwerks auf die Unangemessenheit der Inhalte aufmerksam zu machen. Die Frage, warum Facebook nicht selbst bereits früher eingeschritten ist und die Seite gesperrt hat, ließ APCO unbeantwortet. Der Redaktion liegen weiterhin Bildschirmaufnahmen von "Fussball im Kreis bleibt weiss" vor.