01. August 2020 / 08:02 Uhr

Marathon-Olympiasieger Cierpinski: "Der innere Schweinehund kam in jedem Rennen"

Marathon-Olympiasieger Cierpinski: "Der innere Schweinehund kam in jedem Rennen"

Guido Schäfer
Leipziger Volkszeitung
Unvergessen: Waldemar Cierpinski Marathon-Sieg bei den Olympischen Spielen 1980 in Moskau.
Unvergessen: Waldemar Cierpinski Marathon-Sieg bei den Olympischen Spielen 1980 in Moskau. © Frank Leonhardt/dpa
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40. Jahre nach seinem Moskau-Marathon-Sieg: Waldemar Cierpinski spricht im SPORTBUZZER-Interview über Qualen, Triumphe und eine Vorbereitung a la Rocky Balboa. Der Doppel-Olympiasieger feiert am Montag seinen 70. Geburtstag

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Leipzig/Halle. Waldemar Cierpinski hat ein Buch geschrieben. Titel, na klar: „Nennt Eure Söhne Waldemar“. Anlehnung an Heinz Florian Oertels legendäre Empfehlung Sekunden vor Cierpinskis Olympia-Sieg in Moskau am 1. August 1980. „Liebe junge Väter oder angehende - haben Sie Mut! Nennen Sie Ihre Neuankömmlinge des heutigen Tages ruhig Waldemar! Waldemar ist da!" Das 59-Kilo-Ass aus Halle war schon 1976 in Montreal vor allen anderen da, hing nach seinem sensationellen Olympia-Sieg gegen den eigentlich unbesiegbaren US-Amerikaner Frank Shorter durch und die Laufschuhe zwischenzeitlich an den Nagel. Ehefrau Maritta machte ihrem Waldemar alsbald Beine und zwang den Liebsten zum Glück als Doppel-Olympiasieger.

Am Samstag jährt sich der Sieg von Moskau zum 40. Mal, am Sonntag, 20.15 Uhr würdigt eine 90-minütige MDR-Reportage „Legenden: Waldemar Cierpinski“ den Mann, der Geschichte geschrieben hat und am Montag seinen 70. Geburtstag feiert. Der Untertitel seines just erschienenen Buches lautet übrigens: „Waldemar Cierpinski auf olympischen Spuren“. Im Rahmen der MDR-Filmaufnahmen hat der Noch-69-jährige Besitzer eines Sportartikelgeschäfts 19 Mit-OlympiakämpferInnen seiner einstigen Laufbahn besucht.

Günter Netzer sagt, dass ihn sein Trainer Hennes Weisweiler gemacht hat. Hat Sie Heinz Florian Oertel gemacht?

Waldemar Cierpinski: Laufen musste ich schon noch selbst, aber Heinz Florian hat meinen Bekanntheits- und Beliebtheitsgrad natürlich mit seinen fantastischen Reportagen vergrößert. Wir sind über die Jahre Freunde geworden. Er ist ein wunderbarer Mensch und war als Reporter einmalig. Ich habe ihn vor Kurzem besucht und bin froh, dass es ihm gesundheitlich wieder besser geht.

Nehmen Sie uns mit in den Regen von Montreal 1976, dem Tag Ihres ersten Olympiasieges.

Ich kam eigentlich von den 3000-m-Hindernis, 5000 und 10000 Metern, hatte mir über die 5000 Chancen auf eine Olympiateilnahme ausgerechnet. Bei einem Ausscheidungsrennen lief das Ganze mir gegenüber nicht ganz fair, jedenfalls stand ich plötzlich ohne Olympia-Ticket da...

...und fanden in den quälend langen 42,195 Kilometern den Notausgang für Helden?

Ich brachte die Olympianorm, musste die aber seltsamerweise nochmal bestätigen.

Zwei Marathons innerhalb von sechs Wochen, der zweite Marathon neun Wochen vor Montreal. Das war Gift für die berühmte Unmittelbare Wettkampfvorbereitung, Herr Cierpinski.

Sie sagen es: Ich war drei Wochen völlig kaputt. Aber ich war in den Jahren und Monaten zuvor immer fleißig gewesen, war also grundsätzlich in guter Verfassung.

Und Sie hatten den seit seinem Olympiasieg von 1972 ungeschlagenen Frank Shorter vor der Brust.

Das war kein Duell Shorter gegen Cierpinski. Ich stand ganz bestimmt nicht auf seiner Liste, er konnte mich nicht einschätzen. Ich war einer von vielen, die gerne unter die ersten zehn kommen wollten.

Shorter streute bevorzugt schnelle Antritte in die 42,195 Kilometer und ward dann von seinen Gegnern nicht mehr gesehen.

Ich hatte die anspruchsvolle Idee, irgendwie an ihm dran zu bleiben. Und wenn man in der Nähe des Besten ist, springt wahrscheinlich auch eine gute Platzierung heraus. Ich habe vor den Rennen immer alle Top-Leute analysiert. Was machen die im Rennen, wo kann, wo muss ich mitgehen?

Wie oft schaute der innere Schweinehund vorbei und flüsterte: Nimm´einen Gang raus, Waldemar, der Shorter hängt dich eh ab, Waldemar…

Der innere Schweinehund kam in jedem Rennen. Auch und gerade in Montreal. Einmal dachte ich, dass ich Shorter ziehen lassen muss, er war 30 Meter weg. Ich schaffte es aber dann doch irgendwie wieder an seine Hacken. Bei Kilometer 34 habe ich ihn dann überholt...

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 ...und Herrn Shorter den Zahn gezogen.

Ich kam ja von den kürzeres Distanzen, habe mich immer mit harten Intervall-Läufen gequält und wettkampfhart  gemacht. Außerdem habe ich mich im Rahmen meines Sportstudiums an der DHfK mit dem Thema geschwindigkeitsorientiertes Marathon-Training beschäftigt. Das Problem nach meinen schnellen fünf Mittelstrecken-Kilometern: Nach 40 Kilometern war ich blau und bekam große Zweifel, es bis ins Ziel zu schaffen. Beim Marathon macht der Kopf 50 Prozent aus. Meinen Kopf brauchte ich auf den letzten zwei Kilometern.

Im Stadion haben Sie die Orientierung verloren und sind zwei statt einer Stadionrunde gelaufen.

Beim Ziellauf sah ich plötzlich Frank Shorter im Ziel stehen. Wo hat der mich überholt, dachte ich und merkte reichlich spät, dass ich eine Ehrenrunde gedreht hatte. Der erste Olympiasieg war genial.

Haben auch deshalb gewonnen, weil Sie der Fleißigste und Akribischste im Feld waren?

Ich bin fest davon überzeugt, dass ich während meiner gesamten Karriere mehr und härter als alle anderen Marathon-Läufer trainiert habe. Ich hatte keinen Acht-Stunden-Tag, habe mich rund um die Uhr mit meinem Sport beschäftigt. Und wenn ich abends nach drei harten Einheiten auf dem Sofa saß, dachte ich: Wenn du jetzt noch den Papierkorb runter bringst, kannst du beruhigt ins Bett gehen. Ich habe mal mit Emil Zatopek über seine unglaublichen Trainingsumfänge gesprochen. Emil, dieser wahnsinnig sympathische Mann, sprach aber nicht über die ihm nachgesagten 100 Mal 400 Meter (!) in einer (!) Trainingseinheit, sondern darüber, dass er geübt hat, wie lang er die Luft anhalten kann. Ich konnte irgendwann drei Minuten lang die Luft anhalten. Das war reine Willensschulung, brachte fürs Laufen an sich nichts.

Haben Ihnen der Papierkorb und Zatopek in Montreal beim Überleben auf den letzten Metern geholfen?

Das war nicht nur in Montreal so.

Ihr Sieg wurde als eine der größten Sensationen der 1980er Spiele begriffen. Wollten Sie aufhören, weil nichts mehr Größeres kommen konnte?

Mein erster Gedanke nach dem härtestes Rennen meiner Karriere war: Nie wieder Marathon! Meine Frau hat mich eines Besseren belehrt. Und eines Tages habe ich die Laufschuhe wieder angezogen.

Was war Ihr Wettkampfgewicht?

59 Kilo waren ideal. Das Gewicht und der damit verbundene Stoffwechsel sind extrem wichtig.

Was war in Ihrem berühmten schwarzen Tee, an dem Sie während der Rennen nippten?

Ein Prise Salz, Zitrone und Traubenzucker.

Gab es auch Essbares?

Nein, ein Mensch kommt zwei Wochen ohne Nahrung aus. Da schafft man es also auch zwei Stunden.

Stimmt es, dass Sie im Hinblick auf die olympischen Spiele in Moskau noch härter als sonst trainiert haben?

Härter ging eigentlich nicht. Sagen wir: noch detailversessener und besessener. Ich kam als Favorit nach Moskau, die Erwartungshaltung in der DDR war entsprechend. Meine natürlich auch. Diesmal regnete es nicht, diesmal war es 30 Grad heiß. Macht beides keinen Spaß.

Sie haben wieder in den Kilometern 35 bis 40 Gas gegeben und den Grundstein zum Sieg gelegt.

Ja, in 14 Minuten 45 Sekunden statt geplanter 15 Minuten. Ich war Doppel-Olympiasieger - unglaublich und wahr. Als Abebe Bikila 1960 in Rom barfuß Olympiasieger im Marathon wurde, war ich zehn und beseelt, ihm nachzueifern. Mit Schuhen, versteht sich. Für mich ist ein Kindheitstraum in Erfüllung gegangen.

Die Moskauer Nacht war feuchtfröhlich?

Nein, sie war vor allem kurz, weil ich kein Auge zubekommen habe.

Sie waren berühmt, aber nicht reich.

Uns Sportlern ging es auch ohne Reichtum gut. Das Training, die Reisen - ich habe das immer als Privileg angesehen.

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Hatte ein Olympiasieger sofortigen Zugriff auf einen Trabi?

Ich musste neun Monate warten. Im Gesamtzusammenhang kann man da von sofort sprechen.

Vor den Spielen 1984 in Los Angeles haben Sie sich in Rocky-Balboa-Manier in ein Waldstück im Harz mit Blockhütte verzogen, um dort in der gesunden Höhenluft und abseits der städtischen Verlockungen auf die dritte Goldmedaille hinzuarbeiten. 

Der Weg zur Blockhütte in Friedrichsbrunn war steinig und schwer. Die Sparkasse wollte mir keinen 10000-Mark-Sonderkredit gewähren. Außerdem gab es einen zweiten Wohnsitz in der DDR de facto nicht. Ich habe der Bezirksleitung dann gesagt, dass ich aus Halle wegziehe. Plötzlich hat es funktioniert mit dem Kredit und der Erlaubnis zum Bau eines Eigenheims im Wald.

Wenige Wochen vor Beginn der 1984er Spiele kam der Boykott.

Ich hatte Mitleid mit den Athletinnen und Athleten, die 1980 nicht dabei sein durften, wusste, dass das auch uns bzw. mir passieren konnte. Als es dazu kam, kamen mir die Tränen. Vier Jahre harte Arbeit für die Katz. Das war hart, sehr hart.

Wie gut waren Sie zu dieser Zeit in Form?

Ich war in der Form meines Lebens.

1985 haben Sie nach geschätzten 250.000 gelaufenen Kilometern Ihre Karriere beendet und widmeten sich fortan Ihrer zweiten sportlichen Leidenschaft, dem Fußball.

Ich habe auch während meiner Laufbahn gekickt, obwohl es wegen der Verletzungsgefahr verboten war. Fußball macht nicht nur Spaß, es stärkt auch die reaktiven Kräfte, die Haltekräfte, den Antritt. Das alles war für mich als Läufer von Vorteil. Bei den Alten Herren des FSV 67 Halle-Neustadt gehöre ich heute zu den Rekordspielern. In Sachen Einsätze und Tore.

Wie feiern Sie am Montag Ihren 70. Geburtstag?

Klein, aber fein. Mit Freunden und Verwandten.