16. August 2018 / 06:00 Uhr

Marcel Reif über die Zukunft des Fußballs: Bayern verlässt die Bundesliga, Weltliga kommt

Marcel Reif über die Zukunft des Fußballs: Bayern verlässt die Bundesliga, Weltliga kommt

Manuel Becker
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Marcel Reif ist Experte im Doppelpass von Sport1.
Marcel Reif ist Experte im Doppelpass von Sport1. © Sport1/Nadine Rupp
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Nach Ansicht von Marcel Reif stehen dem Fußball tiefgreifende Veränderungen bevor. Der TV-Experte glaubt, dass die Bundesliga bald ohne den FC Bayern auskommen muss. Reif erwartet die Gründung einer Weltliga und glaubt, dass die Spiele noch mehr zum Event werden.

Marcel Reif freut sich auf die neue Bundesliga-Saison. Schon seit Wochen, wie er sagt. Am Sonntag war der ehemalige TV-Kommentator in Frankfurt, sah das ungefährdete 5:0 der Bayern im Supercup gegen Eintracht Frankfurt. „Mein Spaß am Fußball ändert sich nicht“, sagt der 68-Jährige, der in der Schweiz wohnt. Am Sonntag (11 Uhr, Sport 1) sitzt er wieder im Doppelpass, um zu analysieren und debattieren. Im SPORTBUZZER-Interview verrät er, wie der Fußball der Zukunft aussehen könnte und warum die Liga auf die Bayern vielleicht bald verzichten muss.

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SPORTBUZZER: Frühes WM-Aus, Özil-Affäre, und dann gewinnen die Bayern den Supercup gegen Frankfurt mit 5:0. Wie sehr freuen Sie sich auf die Bundesliga, Herr Reif?

Marcel Reif (68): Man darf die Spannung in der Liga nicht an den Bayern messen. Das ist albern. Meister sind die Bayern, waren die Bayern und bleiben die Bayern. Gehen sie weltweit in die Ligen, dann wissen sie, wer da Meister wird. In Frankreich, Spanien und Italien mit zwei Klubs auch in England mit den drei vier, vorne weg. Das ist unromantisch. Die Meisterschaft ist nur noch für Romantiker. Für die Bayern ist es immer schwer, das noch lustig zu finden in der Liga.

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Und was ist die Lösung?

Die Weltliga wird kommen. Nicht morgen, aber übermorgen. Es macht ja so keinen Sinn, gerade für die Bayern. Die sind es nicht mehr gewohnt, gegen ernsthafte Gegner zu spielen, wenn es in der Champions League ernst wird. Sie haben keine Konkurrenz mehr. Und umgekehrt fahren die Teams mit B-Mannschaften nach München, holen sich fünf Stück ab und fahren wieder nach Hause und sagen sich, dass sie die Punkte woanders holen müssen.

Das heißt, die Bayern spielen mit den Topklubs der Welt in einer Liga - und die Bundesliga muss ohne sie auskommen?


Ja, daran werden sich Fußballromantiker gewöhnen müssen. Fußball ist ein Multimilliarden-Business geworden. Aber der Fußball geht dadurch ja nicht kaputt. Der Fußball, der in dieser Weltliga gespielt wird, ist unfassbar gut. Denen zuzugucken, das ist allerhöchste Kunst. All dieser Elf-Freunde-Romantik, darf man nicht nachweinen. Das führt ins Nichts.

"So wie es jetzt ist, macht es keinen Sinn"

Wie sieht Ihrer Meinung nach die Zukunft des Fußballs aus?

Weltliga Mitte der Woche, da kann man abends im Fernsehen zugucken, die spielen ja auch kaum zu Hause, sondern in Seattle, Singapur und Schanghai in riesigen Stadien für Milliarden Summen und weltweiten Fernsehübertragungen. Und am Wochenende hast du dann deinen Klub, der spielt zu Hause in deiner Liga. Da gehst du hin, der Klub wird nicht verdroschen mit 6:0 gegen München und alles ist gut. Das ist die neue Welt. So wie es jetzt ist, macht es keinen Sinn. Für niemanden, nicht für die Bayern, nicht für die Konkurrenz.

Das wäre aber eine Entwicklung, die nicht jedem Fan gefallen wird.

Der Fußball wird sich seine neuen Fans suchen. Die werden anders sein. Auch in der 3. Liga kann man wunderbaren Fußball gucken. In Kaiserslautern kommen 41000 Zuschauer zum ersten Spiel. Mit dem HSV fahren 5000 Leute nach Sandhausen. In der großen Liga, der Weltliga, wird es Eventpublikum sein. Da gehst du hin wie in Amerika zum Profisport und denkst: „Das ist ja höchste Kunst“. Aber dein Herz kann erst wieder mitspielen, wenn du zu den kleineren Klubs gehst.

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Sie haben kürzlich in einem Interview gesagt, die Ultras haben die Befürchtung, man wolle zwar, dass sie Lieder singen, aber andererseits werden sie langsam aus den Stadien gedrängt.

Was die großen Klubs gerne hätten, wäre beides. Aber du kannst nicht deine alte Fangemeinde haben, die die Lieder singt, die Choreos macht, und mit Herz und Nähe zum Spieler da ist, sich mit dem Klub identifiziert, denn die Klubs sind eben Weltunternehmen. Die Romantik hätten sie gerne rübergerettet, aber das wird nicht gehen. Die Eintrittspreise, etwa in der Weltliga, werden ganz andere sein, die kann sich der normale Fan gar nicht mehr leisten, so wie er sich diese heute möglicherweise bei Arsenal schon nicht mehr leisten kann.

In Hannover gab es einen Fanboykott gegen Präsident Martin Kind und seine 50+1-Pläne. Können Sie dies vor dem Szenario, was sie grade aufgemalt haben, nachvollziehen?

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Es ist genau die schmerzhafte Abkoppelung, die ich meine. Die Fans merken doch, hier passiert etwas, was sie nicht wollen. Und Herr Kind ist jemand der sagt: „Leute wir müssen nüchtern und pragmatisch denken, sonst werden wir abgehängt.“ Das ist der Konflikt. Pragmatismus und tiefste Fanbegeisterung schließen sich irgendwann aus. Entweder, man gewöhnt sich dann aneinander und geht den Weg gemeinsam oder man wird sich trennen. Den eigenen Klub wie in Hannover von den Ultras im eigenen Stadion totzuschweigen, das ist doch eine sinnfreie Aktion. Das ist doch absurd. Aber ich kann verstehen, was dahinter steckt. Das ist ein Amputationsschmerz. Sie selbst werden amputiert von einer Entwicklung, die sie nicht wollen. Aber ob sie wollen oder nicht – sie können nichts machen. Und diese Hilflosigkeit führt zu Verzweiflung und Überreaktion.

Fußball ist "eine der Hauptsäulen der Unterhaltungsindustrie"

Der Fußball wird also zum Event.

Man hätte auch sagen können, wir behalten den Fußball der Seligen. Aber das wäre ja völliger Unsinn gewesen. Denn es ist ja eine der Hauptsäulen der Unterhaltungsindustrie. Dann ist es eben Industrie und Kommerz. Das ist auch kein Schimpfwort. Das ist einfach normal, da hängen so viele Arbeitsplätze dran, da werden Multimilliarden umgesetzt. Aber es hat eben nichts mehr mit Elf-Freunde-müsst-ihr-sein zu tun. Höchstens am Rande, weil sie zu elft auf dem Platz funktionieren müssen.

Wenn man den Fußball als Milliardenunternehmen sieht, ist es auch verständlich, dass sich die Spieltage immer weiter aufsplittern, und Fußball auf unterschiedlichen Sendern und Streaming-Diensten gezeigt wird, oder?

Das musst du hier gucken, das musst du da gucken. Das möchte ich sehen, dass so viel Kannibalismus funktioniert. Ich habe Tage Fußball-frei, weil ich weder in der Lage, noch Willens bin, mehrere Kisten zu bedienen. Das kann ich auch nicht. Auch der zersplitterte Spieltag: Ach hören sie auf. Freiburg hat zum Beispiel ein Pokalspiel in Cottbus am Montag. Das ist boshaft. Das ist unanständig, das kann man nicht machen. Aber um den Fan geht es nicht mehr. Das ist nicht mehr der Punkt. Klar musst du aufsplittern, damit alle Fernsehender ihre Spiele live und exklusiv übertragen können. Wenn sie den Topfußball wollen, dann ist es undenkbar, dass es anders geht.

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Glauben Sie nicht, dass sich der Fan irgendwann abwendet?

Unsere Kinder wird man fragen: Kaufst du das? Wenn die das kaufen, wird es so kommen. Und ein besseres Event als Paris gegen Real Madrid? Das zeigen sie mir mal. Das schleift sich auch nicht ab. Wenn Pavarotti früher jede Woche gesungen hat, habe ich dem auch gerne gehört. Aber das hat natürlich nichts mehr mit dem Fan zu tun, der sagt: „Ich kann doch nicht am Montag nach Cottbus zum Auswärtsspiel fahren.“

Dann ist das Motto der Zukunft: Dann soll er sich den richtigen Receiver holen, dann kann er das sehen?

Das genau ist die Wahrheit. Wissen sie, manchmal denke ich, die wollen Fans, die wie meine Frau sind und nicht mehr den Ultra, der sein ganzes Leben spart, um eine Jahreskarte zu kaufen. Meine Frau sucht im Fußball keinen Familien- oder Religionsersatz sondern Unterhaltung. Die zahlt mehr, die konsumiert mehr, die findet den Showzinnober richtig toll. Die macht auch keine Pyro, aber sie sieht es gerne, aber aus der Distanz. Da werden sie auch Möglichkeiten finden, vielleicht virtuell, dass da eine ganze Tribüne brennt, ohne dass da einer Feuer gemacht hat, dann werden alle klatschen, sie werden vom Band abspielen „You ‚‘ll never walk allone“ und alles wird gut – oder eben nicht. Aber es hat keinen Sinn, daran zu verzweifeln.

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