25. Januar 2018 / 23:00 Uhr

Marcell Jansen ist überzeugt: „Der HSV kann Abstiegskampf“

Marcell Jansen ist überzeugt: „Der HSV kann Abstiegskampf“

Guido Schäfer
Leipziger Volkszeitung
Marcell Jansen schaut aus der Mannschaftskabine.
Marcell Jansen schaut aus der Mannschaftskabine. © Marcus Brandt/archiv
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44-facher Nationalspieler über sieben Jahre Hamburg und das Sonnabendspiel bei RB Leipzig

Leipzig/Hamburg. Als Marcell Jansen im Sommer 2015 die Fußball-Schuhe an den Nagel hängt, ist er zarte 29, Herr seiner Sinne und topfit. Der 224-fache Bundesligaspieler und 44-fache Nationalspieler muss sich nach seinem ungewöhnlichen Ausstieg Einiges anhören, ist aber auch zweieinhalb Jahre später mit sich im Reinen. Der gebürtige Mönchengladbacher Jansen, 32, der in Gladbach, bei den Bayern und sieben Jahre beim HSV gespielt hat, über eine Herzens- und Bauchentscheidung beim Weg aus einer Seifenblase, den weltbesten Spielerberater Gerd von Bruch, familiäre Bande, Beteiligungen als Jung-Unternehmer und das Sonnabendspiel des abstiegsgefährdeten HSV bei RB Leipzig (15.30 Uhr). Jansen ist Markenbotschafter der Wettvergleichtsplattform Smartbets, die sich für mehr Transparenz im deutschen Wettmarkt einsetzt.

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Beim ersten Training unter Bernd Hollerbach riefen die HSV-Fans ,Lass die mal schön laufen, Bernd!‘. Sie leben in Hamburg, sehen viele Spiele. Rennt und kämpft der HSV zu wenig und steht deshalb im Keller?

Das Problem des HSV ist kein konditionelles und hat auch nichts mit einer schlechten Einstellung zu tun. Gegen Köln war es zu Beginn schlichtes Pech, dass die drei, vier Großchancen nicht reingehen. In den Spielen davor hatte der HSV wenige Lösungen parat. Wenn der Kopf schwer ist, hilft dir nur ein dreckiger Sieg weiter. Von dieser Sorte hat der HSV in dieser Saison keinen einzigen geholt.

Ist Bernd Hollerbach der richtige Mann?

Ich hoffe das sehr. Er kennt den Verein, die Stadt, hat hier in Hamburg einen guten Ruf und einen guten Draht zu den Fans.

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Muss sich RB auf elf bis an die Zähne bewaffnete Hollerbächer einstellen?


Im Abstiegskampf geht es zur Sache, das wird immer so sein. Aber nur mit Kampf und Grätschen geht es nicht. Man muss auch Fußball spielen. Und das kann der HSV eigentlich auch.

Sie sind ein Gesicht der HSV-Stiftung und gehören in Bälde dem oft kritisierten Aufsichtsrat an. Wissen Sie, was Sie sich damit antun?

Man hat mich gefragt, wir haben Gespräche geführt. Wenn ich helfen kann, helfe ich. Ich habe lange für den HSV gespielt, war Kapitän, die Identifikation ist hoch.

Sie haben als dynamischer offensiver Linksverteidiger noch die guten Hamburger Zeiten erlebt. Lang ist‘s her.

Wir standen zweimal im Halbfinale der Europa League. Das wird mit Blick aufs aktuelle Abschneiden der deutschen Mannschaften im Nachhinein aufgewertet. Aber dann habe ich auch in drei Saisons erlebt, wie brutal Abstiegskampf und Relegation ist. Ich bin in dieser intensiven Zeit gereift, habe meinen Platz in der Nationalmannschaft behalten. Trotz Abstiegskampf.

Hat der HSV gegenüber der Keller-Konkurrenz einen Vorteil?

Ja, der HSV kann Abstiegskampf, hat das schon mehrfach bewiesen.

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Hamburgs Kostic und Leipzigs Bernardo kämpfen immer noch um den Ball (dpa). Zur Galerie
Hamburgs Kostic und Leipzigs Bernardo kämpfen immer noch um den Ball (dpa). © dpa

Was erwarten Sie von der Partie in Leipzig?

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Der HSV hat ja gute Erinnerungen an Leipzig (3:0-Sieg in der Vorsaison). Man kann wieder dort punkten. Das geht aber nicht mit gesenkten Köpfen. Der HSV hat Probleme, das Spiel zu machen, einen Gegner auseinander zu spielen. Am Samstag muss RB das Spiel machen. Das könnte Hamburg entgegenkommen.

Die Leipziger Schwäche bei Standards hat sich bis nach Hamburg rumgesprochen. Könnte das dem HSV in die Karten spielen?

Ja. Aber dazu muss man sich erst mal Ecken und Freistöße erarbeiten.

Mögen oder respektieren Sie RB Leipzig?

Leipzig ist eine fußballbekloppte Stadt. Und RB lebt seine Mission mit Hingabe. Es gibt eine Philosophie und einen Wiedererkennungswert, die machen das richtig gut. Alle Clubs werden wirtschaftlich unterstützt, auch der HSV. Und Spieler wie Forsberg oder Keita waren auf dem Markt, die hätten auch andere Clubs verpflichten können. RB wird wieder ins internationale Geschäft kommen. Und das funktioniert auch ohne Punkte gegen Hamburg.

Der Titelkampf ist schon länger keiner mehr.

Bayern hat den besten Kader, aber das erklärt nicht die 16 Punkte Abstand zum Zweiten. Es fehlt allen an Konstanz. Langeweile im Titelrennen ist nie gut.

Als Sie 2015 Ihre Karriere beendeten meinte Rudi Völler feststellen zu müssen, dass Sie den Fußball nie geliebt haben.

Den Fußball habe ich immer geliebt, ich spiele heute noch mit Freunden in der Soccerworld und trainiere ab und zu bei der dritten Mannschaft des HSV. Der Job als Fußball-Profi ist geil, das unmittelbare Erfolgserlebnis unvergleichbar. Ich habe wunderbare Menschen kennengelernt, sehr gutes Geld verdient. Das Geschäft als solches habe ich akzeptiert und mich in meinen zwölf Jahren als Profi auch wohlgefühlt. Mit dem, was sich außerhalb des Platzes und der Umkleidekabine getan hat, hatte ich meine Probleme. Junge Spieler, die Millionen verdienen, werden nullkommanull auf das Leben außerhalb der Seifenblase vorbereitet. Väter von Top-Talenten werden zum 17. Mal irgendwo Chefscout, weil zig Vereine hinter seinem Sohn her sind. Oft fehlt es im Dunstkreis der Spieler an sozialer Kompetenz, an einem funktionierenden Umfeld.

<b>Marcell Jansen:</b> „Cello“ spielt ab 2008 insgesamt sieben Jahre für den Hamburger SV. Nach dem 2015 in letzter Sekunde verhinderten Abstieg beendet der Defensiv-Allrounder und zweifache WM-Teilnehmer im Alter von nur 29 Jahren seine Profi-Karriere. Mit der Kritik von Rudi Völler („Wer so etwas macht, hat den Fußball nie geliebt“) kannJansen leben. Im Januar 2019 wird er zum Präsidenten des HSV gewählt. Seit dem 28. März 2020 ist er zudem Aufsichtstratsvorsitzender der HSV Fußball AG. 
Marcell Jansen: „Cello“ spielt ab 2008 insgesamt sieben Jahre für den Hamburger SV. Nach dem 2015 in letzter Sekunde verhinderten Abstieg beendet der Defensiv-Allrounder und zweifache WM-Teilnehmer im Alter von nur 29 Jahren seine Profi-Karriere. Mit der Kritik von Rudi Völler („Wer so etwas macht, hat den Fußball nie geliebt“) kannJansen leben. Im Januar 2019 wird er zum Präsidenten des HSV gewählt. Seit dem 28. März 2020 ist er zudem Aufsichtstratsvorsitzender der HSV Fußball AG.  ©

Wie war das bei Ihnen?

Mein Umfeld war mein großes Glück. Und das ist mit keinem Geld der Welt aufzuwiegen. Meine Eltern kommen aus einfachen Verhältnissen, meine Mama hat bei Aldi gearbeitet. Und mein Papa hat nicht den dicken Maxe gemacht, als ich Bundesliga-Fußballer und Nationalspieler wurde. Von meinem ersten Geld habe ich meinen Eltern ein Haus gebaut. Das war im Vergleich zu all dem, was meine Eltern für mich getan haben und tun, nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Zum Umfeld gehörte auch mein Berater Gerd von Bruch. Ein wunderbarer Berater und väterlicher Freund. Und einen Finanzberater haben wir auch, der gehört fast auch zur Familie. Dieses funktionierende Umfeld hat mich geerdet und immer wieder aus der Seifenblase Profifußball rausgeholt.

War Herr von Bruch nicht dem Wahnsinn nah, als sein prominentester Klient mit 29 aufgehört hat?

Nein, es war eine Entscheidung des Herzens und des Bauchs. Und die hat Gerd verstanden und mitgetragen. Ich habe alles richtig gemacht, bin glücklich, führe ein erfülltes und spannendes Leben.

Die Ehe zwischen Pierre-Emerick Aubemeyang und Borussia Dortmund ist zerrüttet, ein Transfer wohl unausweichlich. Das wäre nach Ousmane Dembele der zweite Bundesliga-Star, der seinen Wechsel auf seltsamen Pfaden befördert. Eine gefährliche Entwicklung?

Derartige Dinge häufen sich in letzter Zeit, das ist in der Tat gefährlich.

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Was kann man tun gegen streikende Spieler wie Dembele oder provozierende wie Aubemeyang?

Die Gemengelage ist schwierig. Eine Solidarität unter den Vereinen nach dem Motto ,wir verpflichten keine streikenden Spieler‘ wäre schön, ist aber eher unrealistisch. Einen Star auf die Tribüne setzen, zerstört Kapital. Es wäre schön, wenn manche Fußballer etwas dankbarer wären und auch bei einem Trennungswunsch Wert auf ein gutes Miteinander legen würden. Und man muss auch nicht achtmal den Verein wechseln. Ich habe 14 Jahre in Gladbach gespielt und sieben in Hamburg. Die emotionale Bindung zu einem Club war meine Basis, um mich zu identifizieren und um Leistung zu bringen. Geld ist wichtig, war aber nie meine Triebfeder.

Leon Goretzka wird gerade durch ein königsblaues Dorf getrieben.

Das ist ein ganz anderer Fall. Leons Vertrag läuft aus, er will den nächsten Schritt bei einem Verein machen, der ihm jedes Jahr die Champions League garantiert. Er ist kein Heuchler und hat auch nicht ständig das Schalker Wappen geküsst. Ich verstehe die Emotionalität der Fans, aber Beleidigungen unterhalb der Gürtellinie gehen zu weit.

Sie haben sich kurz vor der WM 2014 verletzt und mussten zuschauen. Würde es den Fußballer Marcell Jansen heute noch geben, wenn Sie Weltmeister geworden wären?

Nein, das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.

RB fahndet nach der Verletzung von Marcel Halstenberg nach einem Linksverteidiger. Wie lange würde es dauern, bis Sie in Bundesliga-Form wären?

Um auf ein ordentliches Niveau zu kommen bräuchte ich zwei, drei Monate. Das ist aber alles hypothetisch. Ich kümmere mich um meine Projekte, meine Familie und Freunde und bin damit glücklich. Ich werde mein Geld nie wieder mit Fußball verdienen.