05. April 2020 / 10:58 Uhr

Ex-Babelsberger Marco Küntzel: Zwischen Chancentod und Fußballgott

Ex-Babelsberger Marco Küntzel: Zwischen Chancentod und Fußballgott

Mirko Jablonowski
Märkische Allgemeine Zeitung
In 68 Regionalliga-Spielen gelangen Angreifer Marco Küntzel im SVB-Trikot (rechts, im Duell mit Bochums Sebastian Schindzielorz) starke 28 Treffer. 
In 68 Regionalliga-Spielen gelangen Angreifer Marco Küntzel im SVB-Trikot (rechts, im Duell mit Bochums Sebastian Schindzielorz) starke 28 Treffer.  © imago/Höhne
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"Was macht eigentlich?":  Der heute 44 Jahre alte Ex-Profi Marco Küntzel, der unter anderem das Trikot des FC Hansa Rostock, des 1. FC Union Berlin und von Borussia Mönchengladbach trug, hat nach der Beendigung seiner aktiven Karriere die Trainerlaufbahn eingeschlagen und ist im bayrischen Augsburg heimisch geworden.

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Fast 20 Jahre ist es inzwischen her, dass Marco Küntzel den SV Babelsberg 03 verließ. Als frisch gebackener Zweitliga-Aufsteiger. Als Leistungsträger. Als Publikumsliebling. „Der Abschied auf der Bühne neben dem Stadion war sehr emotional. Ich habe kaum Worte gefunden und einige Tränen verdrückt“, erinnert sich der ehemalige SVB-Angreifer an den 9. Juni 2001. Im mit 14 700 Zuschauern ausverkauften Karl-Liebknecht-Stadion besiegten die Kiezkicker Fortuna Düsseldorf durch einen Treffer von Martino Gatti mit 1:0 und stiegen sensationell in die 2. Bundesliga auf.

„Der Erfolg kam komplett unerwartet. Wir hatten uns ja erst ein Jahr zuvor für die neue zweigleisige Regionalliga qualifiziert – ich habe wirklich nur gute Erinnerungen an meine Zeit am Babelsberger Park.“ Geboren in Grabow, im Landkreis Ludwigslust-Parchim in Mecklenburg-Vorpommern, fand er über Hansa Rostock und den 1. FC Union Berlin im November 1998 den Weg zu Nulldrei. Bei den Eisernen wurde ihm vom damaligen Trainer Fritz Fuchs, der im Laufe der Hinrunde der Saison 1998/99 Ingo Weniger an der Seitenlinie ablöste, gesagt, dass er sich einen neuen Verein suchen könne. „Der Wechsel nach Babelsberg war rückwirkend nicht der schlechteste“, weiß Küntzel und lacht. In 68 Regionalliga-Spielen gelangen dem 1,78 Meter großen Mittelstürmer 28 Treffer.

In Bildern: 30 ehemalige Spieler vom SV Babelsberg 03 – und was aus ihnen wurde.

Klickt Euch durch die Galerie der 30 ehemaligen Spieler vom SV Babelsberg 03. Zur Galerie
Klickt Euch durch die Galerie der 30 ehemaligen Spieler vom SV Babelsberg 03. ©

Damit empfahl er sich für höhere Aufgaben und verließ die Kiezkicker in Richtung Borussia Mönchengladbach. Die Fohlen waren unter Kult-Trainer Hans Meyer gerade wieder aufgestiegen. Mit 25 Jahren erfüllte sich Küntzel seinen Traum von der 1. Bundesliga und verließ den SVB daher mit einem „weinenden und einem lachenden Auge“. Bei der Borussia vom Niederrhein absolvierte der heute 44-Jährige eine starke Vorbereitung und war nah dran an der Startelf.

Am ersten Spieltag musste er sich zwar zunächst mit einem Platz auf der Bank zufrieden geben, wurde beim 1:0-Erfolg auf dem alt-ehrwürdigen Gladbacher Bökelberg gegen den deutschen Rekordmeister FC Bayern München aber eingewechselt. Es war ein guter Auftakt in zwei Jahren Mönchengladbach, die Küntzel rückblickend als „keine einfache, aber trotzdem tolle Zeit“ beschreibt. Sein Vater verstarb im Sommer 2001. Er selbst war später aufgrund einer Herzmuskelentzündung monatelang zum Zuschauen verdammt.

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Für Küntzel ging es 2003 weiter auf die Bielefelder Alm zur damals zweitklassigen Arminia. Dort steuerte er in seiner Premieren-Saison in 34 Spielen sieben Treffer zum Aufstieg bei. „Besonders in Erinnerung bleiben die vier Treffer gegen Osnabrück“, erinnert sich der immer unermüdlich ackernde Angreifer, der bei einigen Anhängern im Ansehen regelmäßig zwischen Chancentod und Fußballgott schwankte, an den 12. Dezember 2003. „Am Anfang hatte ich keinen leichten Stand, habe nach und nach aber immer mehr Zuschauer überzeugt.“ Eine Fangruppe widmete ihm sogar einen Song. Statt „You are my sunshine“ sang sie: „You are my Küntzel, my only Küntzel, you make me happy, when skies are grey. Please do not take my Küntzel away…“

Nach zwei Jahren Erstliga-Fußball in Bielefeld zog es den zweifachen Familienvater noch jeweils für eineinhalb Jahre zum FC Energie Cottbus und zum FC Augsburg. In der Fuggerstadt im Süden der Republik beendete er 2009 seine Profikarriere. „Das kam relativ abrupt, ich hätte eigentlich schon noch gerne zwei, drei Jahre weitergespielt“, gibt Küntzel zu.

Mit Arminia Bielefeld stieg der heute 44 Jahre alte Marco Küntzel (l.) später sogar in die Bundesliga auf. 
Mit Arminia Bielefeld stieg der heute 44 Jahre alte Marco Küntzel (l.) später sogar in die Bundesliga auf.  © Franz-Peter Tschauner/dpa
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Aber gerade kleinere Vereine seien nach der Finanzkrise arg gebeutelt gewesen und es sei somit für ältere Spieler schwer gewesen, unterzukommen. „Zudem kam ich aus einer langen Verletzung, wollte nicht ewig suchen und mit der Ungewissheit leben. Ich hatte aber eine tolle Laufbahn mit geilen Vereinen, deren Entwicklung ich noch immer intensiv verfolge. So freue ich mich sehr, wenn es für Mannschaften wie Mönchengladbach oder Bielefeld gut läuft, leide aber auch mit Babelsberg mit, wenn sie jetzt um den Klassenerhalt kämpfen.“ Der Kontakt zu ehemaligen Mitspielern sei über die Jahre mehr und mehr abgerissen. „Man hat vielleicht noch zu einer Handvoll intensiveren Kontakt“, sagt Küntzel und verweist etwa auf Matthias Hain, Peer Kluge oder Tobias Werner.

Für ihn folgte ein Neuanfang mit viel mehr Zeit für die seit über zehn Jahren in Augsburg lebende Familie und der langsame Einstieg in das Trainerbusiness. „Ich wurde von kleineren Vereinen in der Umgebung angesprochen, ob ich vielleicht meine Erfahrung einbringen könne. So habe ich als Spielertrainer angefangen und immer mehr Gefallen an der Aufgabe gefunden“, erklärt der A-Lizenz-Inhaber, der erst am 12. März beim Bayern-Regionalligisten FV Illertissen, bei dem er im Oktober 2018 anheuerte, von seinen Aufgaben entbunden wurde.

„Ich will aber auf jeden Fall im Trainergeschäft bleiben und hoffe, nach der Zwangspause durch das Coronavirus dort wieder Gas geben und den nächsten Schritt machen zu können.“ Und vielleicht kreuzen sich in der neuen Position irgendwann noch einmal die Wege von Marco Küntzel und dem SV Babelsberg 03: „Wer weiß, im Fußball sollte man ja niemals nie sagen.“