03. September 2021 / 07:36 Uhr

Marco Kurth und sein Job bei RB Leipzig: "Genieße es, mit Spielern dieser Qualität zu arbeiten"

Marco Kurth und sein Job bei RB Leipzig: "Genieße es, mit Spielern dieser Qualität zu arbeiten"

Antje Henselin-Rudolph
Leipziger Volkszeitung
Fußball: Bundesliga, Bayern München - Borussia Dortmund, 28. Spieltag am 08.04.2017 in der Allianz Arena in München (Bayern). Sokratis (l) und Marcel Schmelzer von Dortmund diskutieren nach Spielende miteinander. (Wichtiger Hinweis: Aufgrund der Akkreditierungsbestimmungen der DFL ist die Publikation und Weiterverwertung im Internet und in Online-Medien während des Spiels auf insgesamt fünfzehn Bilder pro Spiel begrenzt.) Foto: Andreas Gebert/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit
Marco Kurth ist einer von zwei Co-Trainern von RB Leipzigs neuem Coach Jesse Marsch. © Imago/Picture Point
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Im Trainerteam von RB Leipzig ist er der Neue, Marco Kurth. Geboren in Eisleben, erste Profiluft geschnuppert beim VfB Leipzig, unvergessen beim FC Erzgebirge Aue. Jetzt Bundesliga, Champions League, das ganz große Geschäft. Im Interview mit LVZ-Sportchefin Antje Henselin-Rudolph spricht der 43-Jährige über seine neuen Aufgaben, Entwicklungen in der Trainingsarbeit, Spieler gestern und heute sowie seine Leidenschaft für gute Bücher.

Leipzig. Als RB Leipzigs neuer Coach Jesse Marsch im Frühjahr auf der Suche nach seinen künftigen Assistenten war, fiel die Wahl neben Achim Beierlorzer auch auf Marco Kurth. Es ist seine erste Station im Herrenbereich. Ein RB-Neuling ist der 43-Jährige allerdings nicht, begann nach vier Jahren im Nachwuchsleistungszentrum des 1. FC Magdeburg, seine Arbeit am Cottaweg bereits 2017. Zunächst betreute er hier die U16, stand anschließend zwei Jahre an der Seitenlinie der U17 und trainierte schließlich in der vergangenen Saison die U19. Auch vor seinem Engagement beim Bundesligisten war Kurth in der Messestadt kein Unbekannter. Von 1995 bis 2000 trug der in Eisleben geborene Mittelfeldspieler das Trikot des VfB Leipzig, bei dem er auch sein Profidebüt gab. Unvergessen ist er bis heute beim FC Erzgebirge Aue, für den er im Anschluss acht Jahre lang auflief und mit dem er in die 2. Bundesliga aufstieg. Nach vier Jahren und seiner einzigen Erstliga-Station bei Energie Cottbus beendete Kurth seine aktive Karriere 2013 in Magdeburg.

SPORTBUZZER: Nach zwei Niederlagen aus drei Partien zum Bundesliga-Auftakt melden sich die ersten Schwarzmaler. Wo steht das Team?

Marco Kurth: Wir hätten natürlich gern mehr Punkte als die drei gehabt. Wir wussten, dass wir in der Bundesliga überhaupt nichts geschenkt bekommen. Auf der anderen Seite hat sich bei uns relativ viel verändert: ein neues Trainerteam und auch eine neue Spielidee sowie einige Neuzugänge, aber auch Abgänge. Wir haben uns gewünscht, dass die Entwicklung etwas schneller geht. Aber wir wissen, in welche Richtung es gehen soll und werden an den Details arbeiten.

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Sie sprechen es selbst an: Es hat sich viel geändert. Wie lange dauert die Umstellung?

Natürlich soll es so schnell wie möglich gehen. Alle wissen, dass wir ambitioniert sind und dadurch wenig Entwicklungszeit haben. Es hängt immer davon ab, wie schnell die Spieler die Sachen annehmen. Das ist total unterschiedlich und lebt auch von Ergebnissen. Deswegen sind wir bestrebt, auch Ergebnisse zu erzielen.

Auf welchen RB-Spieler dürfen sich die Fans in dieser Saison am meisten freuen?


Ich werde einen Teufel tun, da jemanden herauszuheben. Die Gruppe hat einfach so viel Talent, da steckt so viel Potential drin. Ich verstehe, dass Fans sich auf Spieler freuen. Aber ich denke, sie freuen sich vor allem auf erfolgreichen Fußball von uns als Mannschaft.

Wie haben wir uns die Zusammenarbeit im Trainer-Trio vorzustellen?

Ganz viele Diskussionen, ganz viel Austausch, ganz viel auf Augenhöhe.

Immer im Gespräch: Co-Trainer Achim Beierlorzer, Co-Trainer Marco Kurth, Trainer Jesse Marsch und Athletiktrainer Kai Kraft.
Immer im Gespräch: Co-Trainer Achim Beierlorzer, Co-Trainer Marco Kurth, Trainer Jesse Marsch und Athletiktrainer Kai Kraft. © Picture Point

Gibt es eine spezielle Aufgabenverteilung?

Achim (Beierlorzer, d. Red.) macht viel in Richtung Planung rund ums Team. Die Trainingsplanung machen wir alle zusammen, also welche Inhalte trainiert werden. Standardsituationen liegen eher bei mir, aber dann eben auch in Verbindung mit allen. Es ist schon so, dass wir bei allem gemeinsam diskutieren und auch gemeinsam entscheiden, als Team eben.

Sie haben in Magdeburg und bei RB viele Jahre im Nachwuchs gearbeitet. Wie unterscheidet sich das Coaching dort von dem bei den Profis?

Die Jungs sind erwachsen. Sie lernen schneller und nachhaltiger und man muss Dinge nicht so häufig wiederholen. Bei der Qualität, die wir bei uns auf dem Platz haben, musst du als Trainer auch mit dem Inhalt überzeugen. Das muss inhaltlich sehr gut sein, weil Profis mehr hinterfragen als Nachwuchsspieler. Ich glaube, das ist der große Unterschied.

Julian Nagelsmann hat im Training auf kalkulierte Überforderung gesetzt. Wie sieht der Ansatz jetzt aus?

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Mit Blick auf unsere Spielidee geht es im Training bei den Spielformen immer um viel Kopfarbeit. Ich kann nicht so richtig einschätzen, ob das mehr oder weniger ist als bei Julian. Wir fordern die Jungs nicht nur mit den Beinen, sondern auch mit dem Kopf.

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Sie selbst waren lange Profi. Wie haben sich die Möglichkeiten für Trainer seitdem verändert?

Ja, ich war Profi, aber nicht auf dem Niveau, auf dem die Jungs sind, über die wir gerade sprechen. Grundsätzlich hat sich mit dem ganzen Thema Video und Digitalisierung viel geändert: Videosequenzen, Spielauswertung, Statistiken gehören heutzutage einfach viel mehr dazu. In den Spielen auch durch Daten noch besser zu coachen ist neu im Vergleich zu früher. Das ist das Spannende. Die Trainer sitzen mit Tablets auf der Bank, du hast eine Verbindung auf die Tribüne. Das geht in Richtung USA, wo Trainer zum Beispiel im American Football enorm viel über Statistiken machen. Zudem sind die Trainerteams größer geworden. Es sind mehr Köpfe, die für eine Mannschaftsleistung verantwortlich sind, also wird es auch inhaltlich mehr.

Auch die Anforderungen an die Profis haben sich verändert.

Ja, natürlich. Die Spieler müssen in der Lage sein, die Inhalte zu verstehen und bestenfalls schnellstmöglich umzusetzen, zum Beispiel wenn es taktische Änderungen gibt. Sie müssen täglich im Sitzungsraum sein, an die Tafel schauen, Videos sehen und dann nicht einfach nur rausgehen zum Training. Außerdem gibt es Experten für Ernährung, Schlaf und Athletik, die die Spieler zusätzlich mit Input füttern. Das ist schon auf einem unfassbaren Niveau.

Hätte der Spieler Marco Kurth heute noch eine Chance?

Ich hätte unglaublich gern in unserer Idee gespielt.

In Aue hieß Ihr Trainer sechseinhalb Jahre lang Gerd Schädlich. Gibt es Dinge, die Sie von ihm gelernt haben?

Du lernst immer. Man nimmt immer Dinge mit, die du vielleicht genauso oder anders machen würdest. Es geht aber darum, einen eigenen Weg zu finden.

Zwei, die sich verstanden: der Spieler Marco Kurth mit seinem Trainer Gerd Schädlich im Oktober 2006.
Zwei, die sich verstanden: der Spieler Marco Kurth mit seinem Trainer Gerd Schädlich im Oktober 2006.  © Imago/Picture Point

Was haben Sie speziell von Gerd Schädlich gelernt?

Ich fand seine Direktheit, seinen Ehrgeiz sehr bemerkenswert. Immer wieder neu anzusetzen und nicht zufrieden zu sein. Immer auch klar zu sein, gegenüber den Spielern, die das Team geführt haben. Und die dann genauso zu behandeln wie alle anderen. Das war wichtig.

Für welche Art von Fußball steht der Trainer Marco Kurth?

Immer für ein intensives Erlebnis. Es geht darum, Tore zu erzielen, 90 Minuten Gas zu geben und sich nicht zu langweilen. Dazu gehört es, sich zu bewegen und aktiv zu sein, in alle Richtungen. Da kannst du natürlich auch mal verlieren. Aber es geht immer darum, gewinnen zu wollen, und zwar bestmöglich mit Offensivfußball. Aber das ist ja auch der Ansatz, den wir bei RB haben. Deswegen bin ich auch ziemlich gern hier.

Wie sehen Sie Ihre Zukunft als Trainer?

Ich genieße es, mit Spielern dieser Qualität zu arbeiten, und mit den Anforderungen umzugehen, die wir aktuell haben. Was später kommt, wissen wir alle nicht. Ich definiere mich nicht über eine Position, sondern eher über: Werde ich gefordert? Fühle ich mich gut aufgehoben? Darf ich Dinge machen, die mir Spaß machen? Aktuell ist das total der Fall.

Werden Sie irgendwann als Trainer nach Aue zurückkehren?

Das Thema kommt medial immer mal wieder auf. Ich mag den Verein sehr. Nach acht Jahren wäre es auch doof, wenn man da keine Verbindung mehr hätte. Deswegen wünsche ich mir jetzt, dass Aljoscha (Aliaksei Shpileuski, d. Red.) da schnell die Kurve bekommt und Ergebnisse einfährt. Dass es schwer wird nach den ganzen Abgängen, die es da gab, war klar. Zumindest mir. Es ist ein richtiger Umbruch.

Bei den Auer Fans war und ist Marco Kurth, der die Veilchen mehrere Jahre als Ersatzkapitän neben Jörg Emmerich anführte, äußerst beliebt.
Bei den Auer Fans war und ist Marco Kurth, der die Veilchen mehrere Jahre als Ersatzkapitän neben Jörg Emmerich anführte, äußerst beliebt. © LVZ-Archiv / Picture Point

Gerd Schädlich sagte früher: Wenn die anderen feiern gehen, nimmt der Kurthi ein Buch. Was lesen Sie gern?

Also ein Bier habe ich auch mal getrunken. Ich war da nicht immer raus. Ich lese aktuell wirklich wenig. Ich habe immer das Gefühl, ich sollte mal ein wenig mehr lesen. Aber manchmal schlafe ich mittlerweile ein bisschen zeitiger ein, weil es irgendwie zeitiger losgeht. Aber ich habe natürlich viel über Trainer gelesen, über Führung.

Gerd Schädlich meinte, Sie greifen gern zu Gedichten.

Da hat er ein bisschen übertrieben. Ja, ich habe damals schon auch mal Gedichte gelesen, das stimmt. Wenn es mal nicht um Fußball geht, lese ich gerne etwas von Haruki Murakami, „Gefährliche Geliebte“ zum Beispiel. Das muss man lesen. Aber ich komme aktuell zu wenig dazu.