07. November 2019 / 07:57 Uhr

Marco Rose: Hoffnungsmacher aus dem Osten ist ganz tief im Westen in aller Munde

Marco Rose: Hoffnungsmacher aus dem Osten ist ganz tief im Westen in aller Munde

Dominic Welters
Leipziger Volkszeitung
Salzburgs Trainer Marco Rose ist begehrt.
Marco Rose –Fußballlehrer und Kosmopolith © Getty Images
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30 Jahre nach dem Mauerfall sorgt ein waschechter Leipziger am linken Niederrhein für Furore. Marco Rose, seit Juli Trainer von Borussia Mönchengladbach, versetzt eine ganze Region in Ekstase. Seine Wurzeln aber hat er nicht vergessen.

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Mönchengladbach/Leipzig. Er mag die Leute am linken Niederrhein und die Leute vom flachen Land mögen den Shooting-Star der bundesdeutschen Trainer-Gilde. Nicht nur, weil er ihre Borussia vor einem Monat auf die Pole-Position der Fußball-Bundesliga coachte, sondern vor allem für seine Bodenständigkeit. „Der Marco Rose“, sagt ein Mitglied des Mönchengladbach-Fanclubs „Netzers Friseure“, „das ist ein ganzer Kerl. Ein Mann mit Herz und Ausstrahlung. Und so lässt er auch Fußball spielen. Wir sind ihm dankbar, sehr, sehr dankbar, weil die Truppe endlich wieder Leidenschaft besitzt, endlich wieder Gesicht zeigt. Das allein macht uns schon happy. Alles andere ist eventuell Zugabe.“

Zur Wende 13 Jahre alt

Der ganze Kerl mit den Leipziger Wurzeln ist ganz tief im Westen in aller Munde. In Mönchengladbach und Umgebung gibt es nicht allzu viel, worauf die Menschen stolz sein können. Die Borussia ist im Grenzgebiet zu den Niederlanden seit jeher identitätsstiftend – spätestens seit 1965, als der Verein erstmals in die erste Liga aufstieg. Als Marco Rose geboren wurde, war der VfL 1900 justament in seine fünfte Meistersaison gestartet. Es sollte bis heute die letzte bleiben. Der Ex-Profi beim VfB Leipzig (1995–2000), bei Hannover 96 (2000–2002) und beim 1. FSV Mainz 05 (2002–2010) weckt alte Erinnerungen und belebt den leicht ergrauten Stolz. Passenderweise erinnert das Vereinsmagazin „Fohlenecho“, einstmals vom genialen Spielmacher Günter Netzer herausgegeben, damit sich der große Blonde zu seinem schlecht dotierten Vertrag noch ein paar D-Mark dazuverdienen konnte, in diesen Wochen in einer Serie an die erste Deutsche Meisterschaft 1970.

Ein Kapitän und sein Trainer: Marco Rose als Spielführer des VfB Leipzig mit Achim Steffens. Das war 1999.
Ein Kapitän und sein Trainer: Marco Rose als Spielführer des VfB Leipzig mit Achim Steffens. Das war 1999. © LVZ-Archiv
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Doch damit nicht genug. Die Macher des Heftes feiern dieser Tage auch den 30. Jahrestag des Mauerfalls. Sie haben, auch wenn er damals erst 13 Jahre alt war und sich an den 9. November 1989 gar nicht erinnern kann, den Cheftrainer dazu befragt. Denn der historische Tag in Berlin hatte ja eine Vorgeschichte. Die spielte in Leipzig. Und eine Nachgeschichte. Die spielt im ganzen Land. Und wenn einer beides kennt, den deutschen Osten und den deutschen Westen, dann ist das bei Borussia Mönchengladbach neben Vorstandsmitglied und Ex-Trainer Hans Meyer sowie Abwehrrecke Tony Jantschke der neue Hoffnungsmacher.

Erinnerungen an die Montagsdemos

So erzählt Marco Rose von den Montagsdemos in seiner Heimatstadt, an der die Frau Mama aktiv teilnahm, während er beim Nachwuchs des 1. FC Lokomotive Leipzig übte. Wenn sich der Junge nach dem Training mit der Straßenbahn von Probstheida auf den Heimweg nach Mockau machte, stieg er am Ring schon mal aus, um nach der Mutter zu schauen – die er ob der Massen natürlich nicht fand – und „um mir die Demos anzugucken und zu sehen, was dort passierte, was für eine Wucht das hatte“, schildert der 43-Jährige im „Fohlenecho“-Interview. „Ich freue mich im Nachhinein sehr, dass Leipzig der Ausgangsort für einen wichtigen Impuls für Gesamtdeutschland war“, sagt Marco Rose.

Der Trainer geht voran! Im Sommer 2012 übernahm Marco Rose den 1. FC Lok Leipzig.
Der Trainer geht voran! Im Sommer 2012 übernahm Marco Rose den 1. FC Lok Leipzig. © Christian Modla

Seine Kindheit in der DDR hält der Borussen-Trainer in Ehren. Freunde, Fußball, Urlaub an der Ostsee, Anreise mit dem Trabi: „Mir ging es gut“, erzählt er. Frankreich, Spanien & Co hätten ihm als Kind nicht gefehlt. Aber dass viele Erwachsene mit dem real existierenden Sozialismus so ihre Probleme hatten, dass ihre Sehnsucht nach Freiheit, nach Grenzenlosigkeit groß war, das habe er sehr wohl mitbekommen. Ebenso die riesige Euphorie nach der Wende. „Wir sind frei! Wir können reisen! Das trägt dich eine ganze Weile, aber da prallten natürlich Welten aufeinander. Es gab im Osten einen anderen Lebensstandard, vielleicht auch andere Werte. Und dann musste man die Leute irgendwo in ihren sehr unterschiedlichen Realitäten abholen. In Teilbereichen ist das sehr gut gelungen – in anderen weniger“, analysiert Marco Rose.

Vorurteile auf beiden Seiten

Dem Mann, der als Coach von Red Bull Salzburg innerhalb von zwei Jahren drei Titel gewann, ist es nicht einerlei, dass es im geeinten Vaterland gegenwärtig gewaltig knirscht; dass es daheim im Osten Rechtsnationalisten gibt, die „Wir sind das Volk“, das Motto der Friedlichen Revolution, den Ruf der Mutter, für ihre Zwecke instrumentalisieren. Marco Rose, der schon als aktiver Kicker für klare Kante stand, hat auch in Fragen zur Lage der Nation den Ehrgeiz, nicht um den heißen Brei herumzureden. „Am Ende geht es für die Menschen immer darum, welche Chancen sie bekommen und für sich sehen. Und da gibt es drei Jahrzehnte nach der Wende zu viele, die sich nicht gut abgeholt fühlen. Die irgendwo auf der Strecke geblieben sind. Das gilt übrigens nicht nur für den Osten, sondern genauso für den Westen“, sagt er.

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Diesem Umstand sei es geschuldet, dass es „auf beiden Seiten immer noch Vorurteile gibt. Das ist schade, weil ich beide Seiten kenne und weiß, dass beide schwer in Ordnung sind.“ Es lohne sich jedenfalls, weiter daran zu arbeiten, Ost und West zusammenzuführen. Egal, wohin es ihn verschlagen habe, ob nach Hannover, Mainz oder Mönchengladbach: „Ich habe mich überall immer wohl gefühlt. Und wenn manchmal diese Ossi-Wessi-Frotzeleien aufkamen, dann war das für mich Spaß.“

Marco Rose, dieser gesamtdeutsche Typ mit Österreich-Erfahrung, empfiehlt seinen Landsleuten, Offenheit für den jeweils anderen aufzubringen, sich die Mühe zu machen, „die Welt des jeweils anderen kennenzulernen“, sich dort zu begegnen. „Wir alle in Deutschland sollten mehr daran arbeiten, dass es eben kein großes Thema mehr ist, ob jemand aus dem Osten kommt oder aus dem Westen. Das muss das Ziel sein“, lautet sein Plädoyer am Ende des Interviews mit dem „Fohlenecho“.

Den Fans der Borussia ist die Herkunft ihres neuen Lieblings gerade ziemlich schnuppe. Sie sind hin und weg. Wegen des Fußballs, den Marco Rose spielen lässt. Und wegen seiner Bodenständigkeit.

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