20. Januar 2017 / 21:45 Uhr

Mario Gomez: "Wir haben definitiv keine vermeintlichen Alibis mehr"

Mario Gomez: "Wir haben definitiv keine vermeintlichen Alibis mehr"

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Mario Gomez
Mario Gomez
Anzeige

Ausgerechnet er, der erst spät dazugestoßen war, wurde beim VfL Wolfsburg in der Hinrunde der Mann für die klaren Worte: Mario Gomez. AZ/WAZ-Sportredakteur Engelbert Hensel sprach mit dem 31-Jährigen über sein erstes halbes Jahr in Wolfsburg, den Spaß am Beruf und die Rückrunde.

Anzeige

Sie waren am im vergangenen Jahr der Mann der deutlichen Worte beim VfL, haben sinngemäß gemeint: Wer nicht hier bleiben will, der soll das sagen und gehen. Hätten Sie solche Dinge auch im Alter von 22 Jahren gesagt?

Anzeige

Nein, natürlich nicht. Früher habe ich zuerst auf meine Karriere geschaut und alles ein bisschen mehr auf mich bezogen. Vielleicht habe ich das auch ausgestrahlt und wurde als Sturm-Bulle gesehen, der geglaubt hat, dass es ohne ihn nicht geht.

Haben Sie sich denn ganz bewusst mal gesagt: Ich muss mein Image ändern?

Nein, das macht die Zeit mit dir, du wirst auch in diesem Geschäft ruhiger und gelassener. In jeder Mannschaft, in der ich gespielt habe, gab es ältere Spieler, die die Dinge offen angesprochen haben – jetzt bin eben ich einer von diesen. Manchmal bin ich vielleicht unbequem oder zu direkt, aber das Wichtigste im Mannschaftssport ist, ehrlich zueinander zu sein. Wir hatten mit dem VfL wirklich ein schweres halbes Jahr, aber trotzdem bin ich gern jeden Tag zum Training gefahren und habe mich darauf gefreut.


Woher kommt diese neue Lust am Fußball?

Das hängt sicher mit meinem WM-Aus 2014 zusammen, danach habe ich angefangen, jeden Tag den Fußball zu schätzen. Weil ich vor dem Fernseher gemerkt habe, wie sehr mir die Nationalmannschaft fehlt.

Was war im letzten halben Jahr denn positiv?

Wir mussten beim VfL ein paar Dinge ändern und haben das jetzt auch getan. Es war schon ganz gut, was in den vergangenen Wochen bei uns passiert ist.

Wie meinen Sie das konkret?

Dieses Gefühl einer fast angezogener Handbremse, das im Verein geherrscht hat, war für mich überraschend. Vielleicht kann man das mit dem Aus in der Champions League gegen Real erklären. Alle haben nach den tollen Spielen gegen Madrid gemerkt, wie schön es ist, in der Champions League zu spielen und wie langweilig es manchmal dann eben auch ohne sein kann. Dadurch hatten sicher viele Spieler gute Angebote und wollten weg, was auch ganz normal ist. Viele dieser Transfers kamen aber nicht zustande, und ich habe mir in unserer Situation gewünscht, dass alle Spieler, die da sind, sich voll mit unserer Mannschaft identifizieren. Dieses Gefühl haben wir jetzt wieder.

Wie war Ihr Gefühl, als Sie beim VfL anfingen? Wussten Sie von Beginn an, dass das Jahr so schwer wird?

Ja und nein. Ich hatte zumindest gleichzeitig die Hoffnung, dass wir einen guten Start hinlegen und diese Probleme erst mal hintangestellt sind. Der Start war nicht gut, er hätte aber auch anders laufen können, wenn man bedenkt, wie viele Chancen auch Sie nicht verwerten konnten...Das stimmt. Ich hätte mehr Tore machen müssen. Nichtsdestotrotz: Es wäre wohl auch mit einem guten Start ein extrem schweres Jahr geworden, weil einfach zu viele Dinge in der Luft hingen, unklar oder unausgesprochen waren. Das war eine Verkettung von vielen Sachen, die nicht so liefen, wie sie laufen müssen, wenn man Erfolg haben will. Das waren dann zusammengefasst meine ersten sechs Monate VfL... (schmunzelt)

Sie haben im Sommer gesagt: „Ich versuche, ein bisschen planloser zu werden“. Hat Sie diese Planlosigkeit am Ende nach Wolfsburg geführt?

Nein. Nach dem Verpassen der WM 2014, bei der ich unbedingt dabei sein wollte, habe ich aufgehört, langfristig zu planen. Bei der Entscheidung, nach Wolfsburg zu wechseln, habe ich mir gesagt: Das muss jetzt nicht unbedingt für drei, vier, fünf oder sechs Jahre sein. Solche Planspiele habe ich mit Mitte 20 gemacht – und nichts davon ist so eingetreten, wie ich mir es vorgestellt hatte. Ich will heute nicht überlegen müssen, was nächste Saison ist. Ich will das Jetzt genießen. Glauben Sie mir, ich habe den Fußball noch nie so sehr genossen wie im Moment.

Mario Gomez und Engelbert Hensel
Mario Gomez und Engelbert Hensel ©

Welchen Eindruck haben Sie jetzt vom Team, nachdem Trainer und Manager gehen mussten und der Kader umgebaut wurde?

Nennen wir es „Zusammenraufen“ oder „Erleichterung“. Aber das bedeutet nicht gleich, dass wir jetzt super-erfolgreich sein werden. Wir müssen immer noch die Spiele spielen, allerdings sind die Voraussetzungen jetzt wesentlich besser als noch vor ein paar Monaten. Ich habe mich nicht gut gefühlt, als Verantwortliche entlassen wurden. Aber vielleicht musste dieser Schnitt sein. Nun haben wir Spieler definitiv keine vermeintlichen Alibis mehr. Die sind jetzt weg, der Fokus liegt endlich wieder auf dem Sportlichen.

Gut, dann reden wir über Taktisches: Sind Sie als klassischer Neuner eine aussterbende Gattung im modernen Fußball?

Nein, das glaube ich nicht. Es gibt doch wieder viele sogenannte Mittelstürmer.

Wie kommt‘s?

Ganz generell sieht man doch, dass ganz viele Mannschaften wieder nach einem Mittelstürmer suchen. Bei der Euro 2016 hat fast jeder mit einem zentralen Mittelstürmer gespielt. Das heißt jetzt nicht, dass das in den nächsten 20 Jahren so sein muss, weil der Fußball sich unfassbar schnell entwickelt. Mal war es Tiki-Taka, dann gab es das Gegenmittel mit Dreier- oder Fünfer-Abwehrkette. Dann brauchte man plötzlich wieder die Brechstange, um mal wieder ein Tor zu erzielen. Und jetzt setzt man eben wieder auf einen Fixpunkt im Strafraum.

Ihr Nationalmannschaftskollege Julian Draxler ist für über 40 Millionen nach Paris gewechselt, Sie selbst sind 2009 für 30 Millionen Euro vom VfB Stuttgart zu den Bayern gewechselt und waren damit mal der teuerste Bundesliga-Spieler – machen Sie sich einen Kopf darüber, dass mittlerweile unfassbar viel Geld im Fußball im Umlauf ist?

Ich sehe es nicht so emotional wie viele, weil man wissen muss, dass Fußball auch ein Business ist, es geht um wahnsinnige Summen. Aber Fußball ist eben der Sport schlechthin, Sponsoren oder Fernsehstationen zahlen viel, viel Geld. So plump es auch klingt: Es geht um Angebot und Nachfrage. Klar ist es verrückt, wenn ein Spieler plötzlich für 50, 60, 70 Millionen Euro den Verein wechselt. Das hat mit der normalen Arbeitswelt nichts zu tun. Aber Fußball ist eben nicht normal.

Sondern?

Fußball ist ein Sport, der Milliarden Menschen elektrisiert...

...der aber auch dafür sorgt, dass die Spieler so im Fokus der Öffentlichkeit stehen, wie es noch nie der Fall war. Verliert man da ein Stück weit sein Privatleben?

Das ist schon so, aber das gehört dazu. Als ich 20 Jahre alt war, fand ich es toll, Aufmerksamkeit zu bekommen. Jetzt, mit 31, freue ich mich auf den Zeitpunkt nach der Karriere, wenn ich nicht mehr so häufig erkannt werde wie jetzt.

Klingt so, als ob Sie ein Problem damit hätten, im Rampenlicht zu stehen...

Nein. Als Fußball-Profi bist du teilweise gläsern. Aber sobald es nicht mehr um Fußball geht, ist mir das unangenehm, denn mein Privatleben ist mir sehr wichtig. Wenn ich privat unterwegs bin, mache ich nicht alle drei Minuten ein Video und stelle es online. Gleichwohl habe ich kein Problem damit, wenn jemand seine Lebensfreuden mit der ganzen Welt teilt.

Mario Gomez im Interview
Mario Gomez im Interview ©

Eine längere Version des Interviews ist im AZ/WAZ-Sonderheft "Die Rückrunde 2017" erschienen.