01. Juni 2022 / 16:49 Uhr

Ein geflüsterter Satz als Extra-Motivation: So wurde Underdog Martin Brath zum Deutschen Tischfußball-Meister

Ein geflüsterter Satz als Extra-Motivation: So wurde Underdog Martin Brath zum Deutschen Tischfußball-Meister

Nick Jonas Ladwig
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Volle Konzentration: Die Meisterschaft stellte Martin Brath vor viele harte Gegner.
Volle Konzentration: Die Meisterschaft stellte Martin Brath vor viele harte Gegner. © Sebastian Dietrich
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Nach spannenden Spielen gegen Vorbilder und Favoriten: Martin Brath, Deutscher Meister im Tischfußball, freut sich auf seine nächste Herausforderung: die Weltmeisterschaft.

Es war die Schlüsselszene im Finale des Einzels der Herren. Martin Brath verlor gerade den zweiten Satz gegen Fabian Bein, als er von Susanne Holocher einen Hinweis zugeflüstert bekam. Dieser entpuppte sich als spielerische Initialzündung – das Ergebnis lautete nach dem fünften und entscheidenden Satz 3:2 für Martin.

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Was war also der goldene Tipp, der allen Zuschauenden Rätsel aufgab? „Bei der Frage müssten wir ein wenig ausholen“, antwortet Martin Brath lächelnd in einem Ehrenfelder Café.

Trotz harter Partien besser als jemals zuvor

Bereits im längeren Vorlauf zu der Deutschen Meisterschaft trainierten die Beiden gemeinsam regelmäßig, auch im Lockdown. Daraus entwickelte sich ein Vorsatz, der ursprünglich aus einem Spaß heraus entstand: „Wir werden irgendwann gemeinsam ein großes Turnier gewinnen!“ Dieser wurde im Laufe der Zeit auch zu ihrer intrinsischen Motivation.

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Auf den ITSF-Turnieren erreichte Martin in den letzten vier Events stets das Viertelfinale. Dort war dann aber immer Endstation. So aber nicht bei den diesjährigen Deutschen Meisterschaften, trotz der eigenen Einschätzung: „Auch wenn man gegen jeden gewinnen könnte, sobald man gut spielt, habe ich mir nur eine Mini-Mini-Chance ausgerechnet.“

Diese Prognose schraubten auch einige K.O.-Partien nicht unbedingt in die Höhe: Longlong Krutwig, Nico Wohlgemuth – und Vorjahresfinalist Fabian Bein im Endspiel. „Ich hatte viele harte Partien, da kann ich auch nicht direkt sagen, welche davon die härteste war – auch weil ich dazwischen noch viele intensive Spiele hatte.“

Wider eigener Erwartungen schlägt sich Brath erfolgreich durch das spannende Turnier
Wider eigener Erwartungen schlägt sich Brath erfolgreich durch das spannende Turnier © Malvina Wieschermann

Im Duell mit Favoriten und Vorbildern

Eine Besonderheit stellte die Partie gegen Longlong Krutwig dar. Bereits im Schulalter war Krutwig eines seiner Vorbilder: „Das erste mal hörte ich etwas von ihm, als meine Mutter mir damals einen Zeitungsartikel gezeigt hat, in dem er als erster deutscher Spieler die Leonhart-World Series gewann.“ Die World-Series hält dabei auch genau das, was der Name verspricht. Hier wird auf einem vorbestimmten Tisch ein internationales Turnier abgehalten – den jeweiligen Disziplinsiegenden winkt dafür dann auch ein Startplatz bei den Weltmeisterschaften.

Das war auch für Martin einer der Beweggründe für Tischfußball, weswegen er seitdem regelmäßig mit dem Foos Club Bonn trainiert und auf Turnieren spielt. Vorher kickerte er sporadisch mit seinen Freunden und spielte leidenschaftlich Tischtennis. Für letzteren ist mittlerweile das Bouldern in den Vordergrund gerückt. Der Sport erfordert Präzision, Ausdauer und Geschick: Also alles, was Martin auch beim Tischfußball an den Tag legt.

Seinem Vorbild, das ihn für den Tischfußball begeistert hat, im K.O. gegenüberstehen – Nervosität pur, und dann auch noch am Kameratisch für die Live-Übertragung. Auch das Spiel gegen Nico Wohlgemuth war ein richtiger Krimi: Es ging bis in die Verlängerung hinein gegen den Favoriten, der am Vortag das Doppel gewonnen hatte.

Und damit nicht genug: Direkt nach dem zehrenden Halbfinale stand das Spiel gegen Fabian Bein an, ein sehr gesammelter, ruhiger und effizienter Spieler. Das bereitete Martin mit seinem schnellen, überfallartigen Spielstil gerade in den ersten zwei Sätzen enorme Schwierigkeiten – vorläufiges Ergebnis: 2:0 für Bein.

Und damit landen wir erneut bei der Ausgangsfrage: Nach dem verlorenen Satzball kam Martins Trainingspartnerin Susanne Holocher, die kurze Zeit davor ihr Einzelfinale 3:0 gegen My Linh Tran verlor, auf den 24-Jährigen zu und raunte ihm „Verlier jetzt auf keinen Fall auch 3:0!“ ins Ohr. Der Inhalt des Satzes sei treffend, fügt Martin an, jedoch sei dies ehrlicherweise auch - dem Turnierdruck geschuldet - schon sehr schnell eine verschwommene Situation gewesen. Der genaue Satz wird also weiterhin ein Mysterium der Deutschen Meisterschaft 2022 in Münster bleiben. Gewirkt hat dieser aber allemal.

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Die Weltmeisterschaft ruft

Damit wandert der Blick vom Geschehenen auf das Kommende: die Weltmeisterschaft in Nantes. Durch den Sieg im Einzel ist Martin neben der Mixed-Qualifikation damit in zwei Turnierplätzen gesetzt. Dort geht es gegen die besten Spieler weltweit, unter anderem auch die mehrfachen Weltmeister Tony Spredeman und Ryan Moore. „Gegen beide würde ich gerne antreten. Dann aber nur in der Vorrunde, wo man noch gut ein Spiel verlieren kann“, erzählt der Mathematikstudent schmunzelnd. „Aber es gibt so viele gute Spieler, das ist das Schöne!“

Dabei besteht ein besonderer Unterschied gegenüber der Deutschen Meisterschaft, denn bei der WM wird auf fünf verschiedenen Tischen gespielt. Diese unterscheiden sich alle in ihrer taktischen Bespielbarkeit. Das bedeutet: mehr Training, auch auf anderen Tischen, die für manche Spielende eine Eingewöhnungszeit voraussetzen.

Einen Trainingsplan hat Martin dafür schon geschmiedet: Mit Vereinsspielern, Freunden und auch wieder Holocher wird er sich auf die Weltmeisterschaft Ende Juni vorbereiten, vorrangig in der Kölner Kickerfabrik. Parallel steht noch die Bachelorarbeit in der Mathematik an, volles Programm also – aber nicht unmöglich.

Ob das Versprechen des gemeinsamen Sieges diesmal in Erfüllung geht, bleibt abzuwarten. An der Einstellung wird es definitiv nicht scheitern: „Auch, wenn es andere Tische sind, ist es im Grundsatz dasselbe Spiel. Ich fahre hin und gebe alles!“