25. Juli 2020 / 17:44 Uhr

Athletensprecher Max Hartung über Olympische Spiele: "Absage wäre dramatisch"

Athletensprecher Max Hartung über Olympische Spiele: "Absage wäre dramatisch"

Stefan Döring
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Präsident der Athleten Deutschland: Fechter Max Hartung.
Präsident der Athleten Deutschland: Fechter Max Hartung. © Sven Simon/imago images
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Max Hartung wollte in diesem Sommer seine erste Olympia-Medaille als Fechter angreifen, doch stattdessen wurden die Olympischen Spiele verschoben. Als Präsident von Athleten Deutschland führte er deshalb viele Gespräche mit den Verbänden. Im SPORTBUZZER-Interview spricht er über Ängste und Hoffnungen der Sportler.

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Die Olympischen Spiele in Tokio mussten aufgrund der Coronavirus-Pandemie verschoben werden. 2021 soll dann der nächste Versuch gestartet werden - genau 364 Tage nach dem ursprünglich geplanten Termin. Ob das gelingt, ist offen. Der deutsche Fechter Max Hartung, der auch zeitgleich Präsidents des Vereins Athleten Deutschland ist, bleibt skeptisch. Im Interview spricht er über Reformbedarf beim Internationalen Olympischen Sportbund (IOC), seine Absage für die Spiele und die Bedeutung der Verschiebung für die Athleten.

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SPORTBUZZER: Max Hartung, die Olympischen Spiele in Tokio wurden um ein Jahr verschoben. Was bedeutet das für Sie als aktiven Sportler?

Max Hartung (30): Viele der Gedanken, die man sich gemacht hat, sind einfach weg. Das kann man mit einer Abschlussprüfung vergleichen, auf die man sich vorbereitet, die dann aber um ein Jahr verschoben wurde. Alles, was man gelernt hat, ist plötzlich erst ein Jahr später relevant. Dann muss man auch ein Jahr später alles wiederholen. So geht es uns auch: Irgendwann steigen wir wieder in eine richtige Vorbereitung ein. Ich habe das Training umgestellt und mache Grundlagentraining: Ausdauer, Fitness, Technik. Wettkampfvorbereitung sieht anders aus. Wir wissen nicht, was uns die Zukunft bringt. Wir haben zwar ein neues Datum, wir wissen aber noch nicht, ob die Spiele wirklich stattfinden können.

Sie sind Präsident des Vereins Athleten Deutschland, haben mit vielen Sportlern gesprochen. Welche Ängste und Sorgen machen sich Athleten derzeit?


Die Planung reicht nur wenige Wochen in die Zukunft. Die Sportler, mit denen ich als Präsident von Athleten Deutschland gesprochen habe, gucken derzeit, wie sie wieder ins Training einsteigen können. Wann ist ein Wettkampfbetrieb wieder möglich, wie kann ich mich für die Olympischen Spiele qualifizieren? Die Olympischen Spiele sind jetzt erst einmal in weite Ferne gerückt. Die Kommunikation der Weltverbände bezüglich einer Qualifikation ist sehr unterschiedlich. Es geht für uns alle darum, wieder Fuß zu fassen.

Das IOC und Japan als Gastgeberland haben die Olympischen Spiele in Tokio wegen der Coronavirus-Pandemie verschoben. Der SPORTBUZZER hat dazu internationale Pressestimmen gesammelt. Zur Galerie
Das IOC und Japan als Gastgeberland haben die Olympischen Spiele in Tokio wegen der Coronavirus-Pandemie verschoben. Der SPORTBUZZER hat dazu internationale Pressestimmen gesammelt. ©

Sie haben viele Gespräche mit dem Deutschen Olympischen Sport-Bund und anderen Verbänden geführt. Was ist ihr Fazit in der Krise?

Es gab einen guten Austausch zwischen DOSB, Athleten Deutschland und mit den Athleten insgesamt. Wir haben viel untereinander gesprochen und ich hatte den Eindruck, dass es ernst genommen wurde, was wir Athleten denken. Das wurde mit in einen Entscheidungsprozess aufgenommen. Auf internationaler Ebene gab es zwar Telefonkonferenzen mit Athleten und Verbänden. Aber ich hatte das Gefühl, dass wir nicht wirklich in Entscheidungsprozesse einbezogen wurden. Es gibt keine Alternativszenarien für die Olympischen Spiele. Wenn man nicht mit offenen Karten spielt, kann man keine Einschätzung der Athleten einholen. Wir sagen nicht blind, dass wir unter allen Umständen teilnehmen werden. Diese Entscheidungen sind hoch komplex. Wenn das IOC aber Informationen zurückhält, die wichtig für Entscheidungsfindungen sind, kann man keinen echten Dialog führen. Das IOC hat nur aber eine Chance, die dringend notwendige Reform einzuleiten. Strukturen müssen verbessert werden, Entscheidungswege und Geldflüsse müssen transparenter gemacht werden.

Sie haben sich früh positioniert und für die Spiele abgesagt, als das IOC noch an einer Austragung festhielt. Warum?

Ich wollte mit meiner Absage für die Spiele zeigen, dass es ein Problem gibt, das alle Menschen betrifft. Wir Sportler sind Vorbilder und sollten darauf hinweisen, dass man Rücksicht nehmen muss. Gleichzeitig waren wir aber auch mitten in der Vorbereitung auf die Olympischen Spiele. Da passten zwei Dinge nicht zusammen. Wenn ich zu Hause bleibe, Abstand halte, Rücksicht nehme und die Leute um mich herum schützen möchte, kann ich nicht gleichzeitig professionell Sport betreiben.

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Kann die Verschiebung auch ein Vorteil für Sie sein?

Vielleicht bin ich nächstes Jahr sogar fitter als in diesem Jahr. Wir haben einen unglaublich intensiven Wettkampfkalender in der Qualifikation für die Spiele. Man muss in jedem Weltcup Vollgas geben. Wir haben alle Verschleißerscheinungen. Wir haben nach der Verschiebung der Spiele alle erstmal richtig Reha gemacht. Allerdings kann sein, dass uns die Wettkampfpraxis fehlt. Normalerweise sind wir im ständigen Wettkampf, man verbessert sich dadurch. Jetzt sind wir alle zu Hause und kochen unsere eigenen Süppchen. Ich bin gespannt, wie sich die fehlende Routine auf der Planche äußert. Alles muss sich wieder einspielen. Das kennt niemand.

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Glauben Sie, dass 2021 normale Olympische Spiele stattfinden werden?

Es muss sichergestellt werden, dass die Gesundheit der japanischen Bevölkerung und der Athletinnen und Athleten gewährleistet und geschützt ist. Um das beurteilen zu können, werde ich mir mit Experten genau anschauen, was sich das IOC und die Ausrichter überlegt haben, damit die Olympischen Spiele die Pandemie nicht noch verstärken. Ich persönlich kann mir nicht vorstellen, dass die Olympischen Spiele in der Art und Weise stattfinden, wie ich sie erleben will. Die ganze Begegnung, das Zusammenkommen mit den anderen Sportlern – das wird nicht stattfinden. Die Absage der Olympischen Spiele steht als Worst-Case-Szenario im Raum. Das wäre absolut dramatisch. Eine Absage wäre aufgrund der verpassten Momente, für die ich so lange gearbeitet habe, sehr schlimm. Wir haben alle so viele Leidenschaft eingebracht, um auf der großen Bühne unsere Leistungen zu zeigen.