30. Januar 2022 / 20:01 Uhr

MDR-Sportchef Raiko Richter: Gerd Schädlich, der stille Held des Ostfußballs

MDR-Sportchef Raiko Richter: Gerd Schädlich, der stille Held des Ostfußballs

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
MDR-Sportchef Raiko Richter erinnert sich im SPORTBUZZER an Raiko Richter zurück.
MDR-Sportchef Raiko Richter erinnert sich im SPORTBUZZER an Raiko Richter zurück. © Picutre Point/Roger Petzsche/imago images/opokupix
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Für ihn war Gerd Schädlich mehr, als nur ein Fußballtrainer: Inspirator, bescheidener Bastler, harter Hund mit weichem Kern. Ein Gastbeitrag von MDR-Sportchef Raiko Richter (47) zum Tod der Trainerlegende aus dem Vogtland.

Mein letzter Besuch bei Gerd Schädlich war im August vergangenen Jahres. Ich klingelte mit meinem elfjährigen Sohn Franz an seinem Haus vor den Toren von Chemnitz. Hinter seinem legendären Schnauzbart funkelte es freundlich aus seinen Augen. Er sah aus wie Tom Selleck aus Magnum!

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Gerd bat mich herein auf ein alkoholfreies Bierchen und Gummibärchen für meinen Sohn. Ich hatte ihm das Tagebuch von Trainerlegende Walter Fritzsch mitgebracht. Wochenlang hatte ich ihm Zitate aus dem Buch meines Kollegen Uwe Karte per SMS geschickt, die ihn sichtlich amüsierten. Jetzt sollte er sein eigenes Exemplar bekommen – quasi las nun die Trainerlegende über die Trainerlegende. Denn das war er, der Gerd Schädlich aus dem vogtländischen Rodewisch.

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1998 führte ich mit ihm mein erstes Interview als Praktikant des MDR in Hoyerswerda. Dort war er gelandet – trotz seiner Erfolge mit Zwickau in der 2. Liga. In Leipzig-Leutzsch hatte man ihn trotz der Top-Resultate entlassen, weil er sich von Sponsoren nicht in die Aufstellung reden lassen wollte. Er war unbeugsam, ein ehrlicher akribischer Arbeiter. Forderte von den Spielern das, was er vorlebte, machte talentierte, aber zunächst gescheiterte Spieler meist auf dem zweiten Bildungsweg besser. „Wenn man versucht, sein Zeug zu machen, lässt er einen in Ruhe“, sagten seine Spieler. Aber wehe, wenn nicht. Er hatte auch einen sensationellen Humor. Einem Chemnitzer Spieler sagte er: „Du läufst an wie Ronaldo und schießt wie Roland!“

Als ich ihn erstmals interviewte, dachte er garantiert: Welchen Jungpionier hat der MDR denn hier geschickt? Er erzog nicht nur junge Fußballer, sondern auch Jungjournalisten. Als ich mich ab 2002 morgens von Leipzig nach Aue zur Berichterstattung über Landstraßen schlängelte, war er schon nachsichtiger – und trotzdem stets mit einem Spruch auf den Lippen. „Hoffentlich bekommt Leipzig Olympia, damit die Autobahn fertig wird“, rief er mir zu, wenn ich zu spät kam.

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Er schaffte die Sensation und führte das kleine Aue mit seinen nicht mal 20 .000 Einwohnern in die 2. Liga. Es war die Geburtsstunde der „Macht aus dem Schacht“. Die Basis für nunmehr 16 Jahre 2. Liga im Erzgebirge. In Dresden, Leipzig, Erfurt, Jena oder Magdeburg staunte man zu Recht. Gerd sagte: „Als Aue musst du heimlich kommen. Wenn du auf den Putz haust, wirst du ernst genommen. Dann hast du als Aue keine Chance.“

Er freute sich diebisch über seine Tiefstapelei. Mit Bescheidenheit eine Elf zusammen zu basteln, die die Großen ärgern konnte – da war er in seinem Element. In Zwickau hatte er eine Leihe von Michael Ballack aus Chemnitz abgelehnt, weil er den jungen Mittelfeldtechniker nicht brauchte für den Abstiegskampf. Mit Selbstironie sagte er später: „Da flachst man auch mal unter Trainern: Ballack abgelehnt!“ Der harte Hund hatte schon immer einen weichen Kern. Ein stiller Held mit festem Händedruck. Er war einer der Größten des Ostens. Hans Meyer meinte vor Jahren: Man sollte ihm ein Denkmal bauen, ganz oben auf eine Wismut-Halde, so hoch, dass es alle sehen und dass ja kein Hund daran pinkeln kann. Doch Personenkult lehnte Gerd ab.

Mach’s gut, mein väterlicher Freund, wir vermissen dich.

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