08. November 2020 / 09:44 Uhr

Mediationszentrum gegen Gewalt im Fußball: "Sperren und Strafen allein lösen Konflikte nicht"

Mediationszentrum gegen Gewalt im Fußball: "Sperren und Strafen allein lösen Konflikte nicht"

Nicola Wehrbein
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Gewalttätige Auseinandersetzungen und Prügeleien gibt es leider immer wieder auf dem Fußballplatz.
Gewalttätige Auseinandersetzungen und Prügeleien gibt es leider immer wieder auf dem Fußballplatz. © imago images/Norbert Schmidt
Anzeige

Immer wieder kommt es auf Fußballplätzen zu unschönen Szenen. Das Gemeinnützige Mediationszentrum Waage engagiert sich in der Gewaltprävention. "Dadurch ist die Chance gegeben, Konflikte zu klären und gemeinsam eine nachhaltige Lösung zu entwickeln“, betont Mitarbeiter Lutz Netzig.

Anzeige

An einem Sonntagnachmittag im September haben sich in einem Kreisklassenduell schockierende Szenen abgespielt. Auf dem Sportgelände des RSV Seelze lieferten sich Akteure des Gastgebers und des SV Bosna Sandzak eine brutale Schlägerei. Fünf Personen wurden bei dem Vorfall verletzt. Bei einer Partie, die schon etwas länger zurückliegt, eskalierte die Situation zwischen zwei Juniorenteams, deren Kicker verschiedenen Jugendgangs angehören. Auch Gewalt gegen Schiedsrichter ist im Amateurfußball keine Seltenheit.

Anzeige

Alle diese Fälle landen vor dem Sportgericht. Doch eines ist klar: Strafen und Sperren allein sind keine Lösung. Der Kreis Region Hannover im Niedersächsischen Fußballverband (NFV) arbeitet nach Gewaltvorfällen mit dem Gemeinnützigen Mediationszentrum Waage e.V. zusammen – das Modellprojekt erprobt alternative Wege der Konfliktbewältigung und Gewaltprävention.

Lutz Netzig, Mitarbeiter des Gemeinnützigen Mediationszentrums Waage.
Lutz Netzig, Mitarbeiter des Gemeinnützigen Mediationszentrums Waage. © privat

Wiederholung nicht erwünscht

Im Vordergrund stehen schwerwiegende Fälle von Gewalt und Bedrohungen, sowohl im Jugend- als auch im Männerbereich, bei denen es in der Folge zu einem Spielabbruch gekommen ist. Noch bevor der Fall vor dem zuständigen Sportgericht verhandelt wird, bringen der Vorstand des NFV-Kreises Region Hannover und die Verantwortlichen von Waage die beteiligten Spieler und Trainer sowie Klubvertreter an einen Tisch. Dieses Gespräch findet in den Räumlichkeiten der Waage statt, es geht vorrangig darum, akute Risiken und präventive Maßnahmen zu erörtern. „Beim Fußball sieht man sich immer zweimal. Unser Credo lautet: Beim Rückspiel beziehungsweise dem nächsten Aufeinandertreffen darf so etwas nicht wieder passieren“, sagt Jens Grützmacher, Vorsitzender des Kreises Region Hannover.

Ergänzend bietet die Waage den Betroffenen eine zusätzliche Mediation an – ohne das Beisein der Sportfunktionäre. „Dadurch ist die Chance gegeben, die Hintergründe und Folgen der Vorfälle aufzuarbeiten, Konflikte zu klären und gemeinsam eine nachhaltige Lösung zu entwickeln“, führt Lutz Netzig, Mitarbeiter der Waage und Ansprechpartner für das Modellprojekt, aus. Unabhängig von der Mediation kommt es in jedem Fall zu einem Sportgerichtsverfahren.

Nicht nur die Spieler selbst von Vorfällen betroffen

„Manche Akteure erreichen wir nicht mehr, weil sie bereits vom Verein suspendiert oder rausgeworfen wurden. Und bei den Schiedsrichtern besteht die Schwierigkeit, dass sie das Gefühl haben, sich in diesen Gesprächen rechtfertigen zu müssen. Oder sie haben nach den schlimmen Erfahrungen sofort aufgehört, deshalb nehmen die Unparteiischen unser Angebot eher weniger an“, sagt Netzig. Die Bereitschaft der Mannschaften, sich auf eine Mediation einzulassen, sei hingegen groß. Schließlich begegnen sich die Konkurrenten in der Regel wieder. „Meist sind weitere Personen von den Vorfällen betroffen, etwa die Kinder, die mit ansehen mussten, wie ihre Väter sich prügeln oder Gewalt erfahren“, schildert der Diplompädagoge und Mediator.

„Über die Gewaltvorfälle wird im Internet und den lokalen Medien berichtet, schnell hat ein Klub den Ruf als Prügelverein weg, dadurch drohen Folgekonflikte. Häufig haben die Vorfälle eine interkulturelle Problematik, manche Spieler reagieren sehr stark auf Provokationen und Beleidigungen, und mancher Gegner nutzt das aus und taktiert damit. Sperren und Strafen allein lösen diese Konflikte nicht“, betont Netzig.

Mehr Berichte aus der Region

Weit über Sportgerichtsurteile hinaus

„Die Vorkommnisse beim RSV Seelze sind ein klassischer Fall, der nun auf diesem Wege aufgearbeitet wird“, sagt Grützmacher. Es habe sich in der Vergangenheit gezeigt, wie wichtig und fruchtbar es sei, alle Betroffenen an einen Tisch zu bringen, Klärungshilfe zu leisten und sie bei einer friedlichen Lösung zu unterstützen. Der Kreisvorsitzende führt als Beispiel den Fall von zwei rivalisierenden Jugendgangs an, die bei einem Fußballspiel aufeinandergetroffen sind. „Schon vor der Partie hatten sie sich gegenseitig beim Training ,besucht’, im Spiel ist das Ganze dann eskaliert. Später haben sich die Beteiligten zu einem Mediationsgespräch zusammengesetzt und Regeln aufgestellt, damit so etwas nicht wieder vorkommt – das hat eindrucksvoll funktioniert.“

Netzig erinnert sich noch gut an den Fall zweier Teams, bei deren Duell es zu einer Massenprügelei gekommen ist. „Es gab Videos von den Vorfällen, die haben wir uns bei der Mediation angesehen. Die Spieler waren selbst erschrocken über ihr aggressives Verhalten. Und sie erkannten deutlich, dass sie ihre zuschauenden Kinder in Angst und Schrecken versetzt haben. Als Zeichen der Versöhnung feierten die betroffenen Vereine ein Familienfest zusammen, dabei trugen sie ein Freundschaftsspiel aus – mit gemischten Mannschaften. Das wirkte auf mich sehr glaubwürdig. So etwas geht weit über das hinaus, was ein Sportgerichtsurteil bewirken kann.“

Neuer Mediator gesucht

Das von der Niedersächsischen Lotto-Sport-Stiftung geförderte Modellprojekt ging im Oktober 2019 an den Start und läuft zunächst über zwei Jahre. Der ehemalige Fußballkreis Hannover-Stadt hatte bereits vorher mit Waage zusammengearbeitet. „Die bisherigen Erfahrungen sind sehr positiv und ermutigend“, sagen Grützmacher und Netzig einmütig. Neuerdings unterstützt die Swiss-Life-Stiftung das Projekt, in dem sie für einen jungen fußballaffinen Mann oder eine engagierte Frau die Finanzierung der Ausbildung zum Mediator und Konfliktmanager übernimmt.

„In einer Vielzahl der Fälle spielt der kulturelle Aspekt eine große Rolle. Deshalb sollte der Bewerber möglichst einen Migrationshintergrund haben. Das würde seine Akzeptanz erhöhen und kann hilfreich sein, um interkulturelle Konflikte und sprachliche Probleme auszuräumen“, sagt Netzig – denn im Gegenzug soll der neu ausgebildete Mediator im Fußballprojekt zum Einsatz kommen.