03. Mai 2020 / 14:23 Uhr

Mehr als neun Tore hat sich Joachim Böhm nie gefangen

Mehr als neun Tore hat sich Joachim Böhm nie gefangen

Arne Boecker
Schaumburger Ztg. / Schaumburger Nachrichten
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Joachim Böhm (vorne), hier im Trikot des FC Stadthagen, räumt im Strafraum auf. © rg/Archiv
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Wer aufmerksam die Spielernamen aus der Traum-Elf des ehemaligen Torwarts Joachim Böhm des TuS Lüdersfeld und FC Stadthagen studiert, kommt mit ein bisschen Nachdenken auf eine Gemeinsamkeit.

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Es sind im Prinzip eher ruhige Zeitgenossen, die Böhm nominiert hat, selten hat einer auf dem Platz mal unnötig rumgebölkt.Man darf hier allerdings anmerken, dass in der Zeit, in der Böhm durch Schaumburgs Tor- und Strafräume flog, ohnehin nicht so viel krakeelt wurde wie heute. „Verschieben!“? „Angebote!“? „Pressen!“? „Ordnung!“? Hat damals kein Mannschaftskapitän gerufen, die einzige taktische Anweisung lautete: „Geh drauf!“, und die passte auf so ziemlich alle Spielsituationen. Torwarttrikots waren in der Regel schwarz, grau oder blau – und nicht papageienbunt.

Im Gespräch mit Joachim Böhm (68) wird schnell klar, dass die alten Zeiten für ihn eindeutig die guten Zeiten waren. Jedes Jahr den Verein wechseln? Videoanalysen? Hip-Hop aus der Boombox in der Kabine? Großflächige Tätowierungen? Nix für Böhm, den zwischen Hagenburg und Rinteln niemand anders ruft als „Achim“ (wer ihn besser kennt: „Schnucki“).

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Gegen Ende der siebziger Jahre spielt Hannover 96 beim TuS Lüdersfeld, Joachim Böhm (Zweiter von links) steht im Kasten Kasten. © Privat
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Das mit den guten, alten Zeiten gilt in noch stärkerem Maß für den großen Fußball. „Die Millionensummen, mit denen heute in der Bundesliga jongliert wird, kann doch kein Fan nachvollziehen“, sagt er. Unbeirrbar hält er auch daran fest, dass früher besser Fußball gespielt wurde, davon lässt er sich auch durch Youtube-Videos nicht abbringen, die die großen Partien der achtziger und neunziger Jahre zeigen. An diese Stelle gehört der Hinweis, dass sich Böhm allerdings auch deswegen vom stundenlangen TV-Fußballgucken entfernt hat, weil sein Herzensverein seit jeher der Hamburger Sport-Verein ist. Ohne HSV-Anhänger die Tränen in die Augen treiben zu wollen: Die achtziger Jahre, in denen man als Fan noch Spaß haben konnte, liegen dann doch sehr weit zurück.

Fußball ist ein Statistik-Sport, aber gerade im Kreis- und Bezirksfußball gibt es natürlich mehr als Sieg und Niederlage. Und so darf man feststellen: Gäbe es eine Tabelle der sympathischsten Fußballer, die in Schaumburg gespielt haben, würde Achim Böhm für jedes Jahr seiner langen Karriere um den Titel gespielt haben – ein würdiger Gewinner und ein fairer Verlierer (jedenfalls, wenn der Ärger über das Gegentor in vorletzter Minute verraucht war).

Ende der siebziger Jahre spielt Hannover 96 beim TuS Lüdersfeld auf, Joachim Böhm (Dritter von links) steht im Kasten.
Joachim Böhm hält daran fest, dass früher besser Fußball gespielt wurde. © Roger Grabowski

Wie sehr er mit dem Fußball verschweißt war, zeigt sich an ein paar Fakten. Beim FC Stadthagen hat er sämtliche Jugendmannschaften durchlaufen, er hat dort aber auch in sämtlichen Herren- und Altherrenmannschaften gespielt. „Am schönsten war vielleicht die Zeit in der A-Jugend, als wir in der höchsten Liga Niedersachsens gegen 96 und Arminia gespielt haben“, erinnert er sich. Vor dem jungen Torwart spielten damals exzellente Fußballer wie „Fliege“ Müller und Heinz Jäschke.

In der Herren spielte Böhm auch einige Jahre in Lüdersfeld und Niedernwöhren, bevor er zum FC zurückkehrte. Lange spielte er in der 2. Herren, in der er an manchen Spieltagen weit mehr als zehn Jahre älter war als der zweitälteste Spieler. „Das war die Zeit, als Lutz Kreuz Trainer war“, sagt er, „von ihm habe ich als Torwart noch mal viel gelernt.“

Mit 40 sollte eigentlich Schluss sein, „aber Klaus Kramer hat nicht locker gelassen“, sagt Böhm. Seinerzeit arbeitete er als Zapfer in der Bückeburger „Destille“, und VfL-Denkmal Kramer belatscherte Böhm so lange, bis er die Zusage für die Altherren gab. Der Torwart absolvierte volle zehn Jahre, bis er derart schlimme Malässen mit Schulter, Rücken und Wirbelsäule bekam, dass er aufhören musste.

Diese gesundheitlichen Probleme belasten Böhm bis heute. Mit Frau Karin lebt er, inzwischen in Rente, in einem schönen Häuschen am Rand des Bückebergs; Tochter Pia wohnt in Hannover. Allzu viel Fußball schaut er nicht mehr, weil...siehe oben. Das Sky-Abo ist schon vor Jahren ausgelaufen, wenn er sich in Schaumburg ein Spiel anschaut, dann in Bückeburg oder Lüdersfeld.

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Immer freundlich: "Achim" Böhm war als Fußballer Mitspielern und Gegnern beliebt. © rg

Auf eine Sache ist Achim Böhm ein bisschen stolz: „Ich habe nie in einem Spiel zehn Tore bekommen.“ Richtig gefährdet war dies nur einmal: Als Lüdersfeld in einem Freundschaftsspiel gegen Hannover 96 in der letzten Minute 1:9 zurücklag, bekamen die „Roten“ einen Elfer, Frank Pagelsdorf trat an und... Wie gesagt: Zehn Gegentore hat der Achim Böhm sich in einem Spiel nie gefangen.

Mit seiner Traum-Elf hat sich Achim Böhm sehr schwergetan. Das ist im Angesicht von vier Jahrzehnten, die er im Tor gestanden hat, nicht verwunderlich. „Ich hatte das Glück, mit sehr vielen exzellenten Fußballern gespielt zu haben, von denen viele auch noch feine Kerle waren“, sagt er. Und so ist denn auch die Liste derjenigen kilometerlang, die „eigentlich auch in die Traum-Elf gehört hätten“.

TORWART:

Das ist natürlich irre schwer, am meisten hat mich ein junger Torwart beeindruckt, der in Wunstorf gespielt hat: Uli Stein. Unter den Schaumburger Torwarten entscheide ich mich für Volker Krause. Er hat über lange Jahre im Tor des FC Stadthagen kaum Schwächen gezeigt, vor allem auf der Line war er stark. Wenn er ein paar Zentimeter größer gewesen wäre, hätte er auch in höheren Ligen spielen können.

ABWEHR:

Früher hatte ein Verteidiger die Aufgabe, hinten abzusichern, über die Mittellinie ging es kaum. Helmut Wagner vom TuS Lüdersfeld war so einer. Er hat so schlau verteidigt, dass er gar nicht knüppelhart spielen musste. Vom Charakter her war Helmut sehr ruhig, wir haben damals auch privat einiges unternommen. Ich erinnere mich an eine Fahrt zum Rolling-Stones-Konzert.

Den Achim Weber aus Minden hat der Trainer Lutz Kreuz damals zum FC Stadthagen gelotst. Ein Bomben-Fußballer, den man auch im Mittelfeld einsetzen konnte – sehr schnell, sehr zweikampfstark. Wenn er außen verteidigte, wusste ich: Über diese Seite kommt nicht viel in Richtung Tor. Ich erinnere mich besonders gern an die Freitag-Treffs im Lottoladen von Christa und Helmut Tadge: Da haben wir mit ein paar Kumpels die Spiele vom Wochenende „vorbesprochen“.

Dass dieser Name auftaucht, wird kaum jemanden überraschen, vielleicht aber die Einstufung als Abwehrspieler. Viele schätzen Gerd Milde (Schwarz-Weiß Enzen, FC Stadthagen, TSV Hespe) als Mittelfeldstrategen, aber er war – neben dem Spieler, der gleich folgt – vielleicht der beste Libero, der je in Schaumburg gespielt hat. Stark mit links und rechts, torgefährlich, clever im Kopf. Gerd hat(te) eigentlich nur eine Schwachstelle: Er ist VfL-Bochum-Fan.

Dieser Mann steht für die goldene Zeit des FC Stadthagen, als man in der Verbandsliga gegen SV Linden 07, SuS Northeim und VfR Osterorde antrat, wie kein Zweiter: Helmut Tadge. Über Jahrzehnte hat er die Abwehr als Libero organisiert, zusammen mit Vorstopper Wolfgang Schophaus. Helmut hat zu denen gehört, die nicht viel gequatscht haben, aber auf dem Platz als Autorität aufgetreten sind, selbst noch in hohem Fußballeralter in der „Zweiten“. Unvorstellbar, dass er je für einen anderen Verein gespielt hätte als seinen FC!

MITTELFELD:

Dasselbe darf man mit Fug und Recht über Albert Urbansky behaupten. Er war nicht der schnellste Spieler, der je in Lüdersfeld gespielt hat, aber ungemein clever. Wer immer Trainer war, konnte den Albert von vorn bis hinten überall einsetzen, er hat immer was draus gemacht. Sehr schussgewaltiger Spieler, das kann ich als Torwart ganz gut beurteilen. Außerhalb des Platzes war es immer sehr lustig mit Albert. Sagen wir mal so: Kurze Feiern gab es damals selten.

Einer der laufstärksten Spieler, mit denen ich je in einem Team war, ist Dietmar Bade, ein Kämpfer vor dem Herrn. Dietmar war das, was man einen kompletten Fußballer nennen könnte, darüber hinaus ein Kumpeltyp, auf den man sich immer verlassen konnte (und heute noch kann). Nach einer Geburtstagsfeier haben wir mal unabsichtlich zusammen in einem Bett geschlafen, aber diese Geschichte erzähle ich hier besser nicht...

Der nächste Mittelfeldspieler heißt Friedrich-Wilhelm, das weiß aber kaum einer, weil ihn alle „Ölle“ rufen. Ölle Mensching war auf dem Platz ein begnadeter Techniker. Wenn ich an seine Pässe und vor allem seine Freistöße denke – ein Genuss! Er hat als Spieler schon immer wie ein Trainer gedacht, taktisch war das alles vom Feinsten. So ist kaum aufgefallen, dass er ziemlich lauffaul war (was er allerdings bis heute völlig anders sieht).

ANGRIFF:

Ein völlig anderer Spielertyp war Klaus Springinsguth, mit dem ich beim FC gespielt habe. Als Zimmermann war er ein echtes Kraftpaket, wenn er Anlauf nahm, war er schwer zu stoppen. Trotz seiner Muskeln hatte er aber eine gute Grundschnelligkeit, und vor dem Tor war er ruhig und abgeklärt. Insgesamt ein sehr angenehmer Typ, den ich immer gern um mich rum hatte.

Die personifizierte Torgefährlichkeit war zu seiner großen Zeit in Niedernwöhren und Hessisch Oldendorf Manfred Bartels. Als Torjäger war er ein echtes Schlitzohr. Seine „Buden“ machte er aus den unmöglichsten Winkeln, und wenn der Torwart den Ball prallen ließ, war Manni zur Stelle – selbst, wenn man ihn das gesamte Spiel über nicht gesehen hatte. Er war außerdem ein echtes „Feierbiest“. In Niedernwöhren gab es damals eine nette Truppe, die es gelegentlich krachen ließ.

Last but not least: Klaus-Dieter Kreft – „Theo“ also – fütterte in jungen Jahren vom linken Flügel des FC Stadthagen Mittelstürmer Hardwin Büsking mit den Flanken, die der in Tore verwandelte. Später zogen ihn die Trainer dann ins Mittelfeld zurück. Was mich an Theo am stärksten beeindruckt, ist seine umgängliche und souveräne Art. Man kann das heute noch sehr gut erkennen, wenn er als Schieds- und Linienrichter für Ruhe sorgt, ohne Theatralik und Schreierei.

TRAINER:

Viel zu verdanken habe ich Hans-Otto Blume. Nach einer ersten Schulteroperation wollte ich die Fußballschuhe eigentlich schon an den Nagel hängen. Hans-Otto hat mich dann aber überredet, nach Lüdersfeld zu kommen. Man kann wirklich sagen: Er hat mich als Torwart wieder aufgebaut. Arne Boecker