03. Oktober 2020 / 17:36 Uhr

Mehr als nur ein Spiel: "Das Schachbrett ist wie das Spiegelbild des Lebens"

Mehr als nur ein Spiel: "Das Schachbrett ist wie das Spiegelbild des Lebens"

Simon Ecker
Leipziger Volkszeitung
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Die amtierende Deutsche Schnellschachmeisterin Elisabeth Pähtz spielte am Samstag im Leipziger Augusteum simultan an 18 Brettern. © Dirk Knofe
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Schach gilt gemeinhin als Spiel der Könige. Weil für Gerhard Köhler aber besonders die Kleinsten von dem Spiel profitieren sollen, gründete er den Verein „Kinderschach in Deutschland“. Zum Jahrestag der Deutschen Einheit kam Köhler mit seinem Projekt und einem bunten Programm nach Leipzig.

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Leipzig. Ungewohnte Atmosphäre im Foyer des Augusteum: Wo normalerweise Studierende zwischen ihren Vorlesungen verweilen und sich lautstark unterhalten, herrscht an diesem Samstag eine angespannte Ruhe. Mehrere Dutzend Schachbretter stehen auf Tischen, hinter denen konzentrierte Mienen von Erwachsenen und Kindern zu sehen sind. Eifrig werden Spielzüge aufs Papier gekritzelt. Selbst die Kinder sind nach mehreren Stunden noch fokussiert dabei.

„Wenn ich mir die Kinder anschaue, ist das einfach toll“, sagt Gerhard Köhler stolz. Er selbst fing mit sechs Jahren das Schachspielen an, war 2016 sogar Amateur-Weltmeister und ist überzeugt, dass er durch Schach viel für sein weiteres Leben als Mensch und beruflich als Unternehmer lernen konnte. „Das Schachbrett ist wie das Spiegelbild des Lebens“, sagt Köhler. Sowohl beim Schach als auch im richtigen Leben gebe es verschiedene Optionen, man müsse sich aber für einen bestimmten Zug entscheiden und dann mit der getroffenen Entscheidung leben.

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Gerhard Köhler war mit seinem Verein „Kinderschach in Deutschland“ am 3. Oktober zu Gast im Leipziger Augusteum. Zur Galerie
Gerhard Köhler war mit seinem Verein „Kinderschach in Deutschland“ am 3. Oktober zu Gast im Leipziger Augusteum. ©

Um möglichst vielen Kindern diese Erfahrung zu ermöglichen, rief er 2013 den Verein „Kinderschach in Deutschland“ ins Leben. Das Ziel: Durch eine niederschwellige Beschäftigung mit dem Schachspiel soll die frühkindliche Entwicklung gefördert werden. Denn gerade für Kinder bietet das Schachspiel einen großen Mehrwert. Zum einen gewinnen sie an Sozialkompetenz, da sie lernen mit Emotionen, sowie Sieg und Niederlage umzugehen. Zum anderen fördert Schach das logische und vernetzte Denken. Durch den spielerischen Umgang mit Zahlen und Buchstaben auf dem Schachbrett werden die Kinder besser in der Schule.

Um eine breite Masse zu erreichen, setzt Köhler auf Multiplikatoren wie beispielsweise Erzieherinnen und Erzieher, die – nachdem sie entsprechend geschult wurden – während ihrer beruflichen Laufbahn mehreren Hundert Kindern spielerisch und kindgerecht die Grundzüge des Schachs vermitteln können. Bislang wurden bereits 800 Erzieherinnen und Erzieher in 550 Kitas geschult, die rund 20.000 Kinder in neun Bundesländern Schach beibrachten. Köhler ist dabei immer auf der Suche nach neuen Interessenten – auch hier in Leipzig.

Simultan gegen die Deutsche Schnellschachmeisterin

Doch zurück ins Augusteum: Lang über die Grundzüge des Schachs hinaus sind bereits die Kinder, die im Simultanschach gegen die amtierende Deutsche Schnellschachmeisterin, Elisabeth Pähtz, antreten. Simultan bedeutet, dass Pähtz parallel an verschiedenen Tischen gegen insgesamt 18 Kinder spielt. „Das ist schon eine Herausforderung. Man muss sehr viel laufen“, erzählt die 35-Jährige lachend. Bei so vielen Partien gleichzeitig den Überblick zu behalten, falle ihr aber nicht schwer. „Da habe ich durch meine Erfahrung ein gewisses Auge und weiß relativ schnell, welchen Zug ich machen muss.“ Einfach sei die Aufgabe dennoch nicht. „Die Gefahr besteht, dass man schnell mal was übersieht“, gibt die Schachspielerin zu, „und einige Kinder waren dabei, die echt Talent haben.“ Das letzte Kind musste sich gegen Pähtz erst nach drei Stunden Spielzeit geschlagen geben.

Mit in Leipzig dabei ist auch Elisabeth Pähtz‘ Vater Thomas, Schachgroßmeister und einer der besten Spieler der DDR. Gemeinsam mit 17 anderen Schachspielern folgte er dem Ruf von Organisator Köhler, der anlässlich des 30. Jahrestages der Deutschen Einheit alle noch lebenden Deutschen Meister aus der ehemaligen BRD und DDR einlud. Im Blitzschach spielen sie untereinander den Titel des „Supermeisters“ aus. Ältester Teilnehmer ist hier der 85-jährige Fritz Baumbach, der 1970 Deutscher Schachmeister in der DDR wurde.