14. Dezember 2021 / 14:53 Uhr

Mehr Wolfsburg-Niederlagen am Stück gab’s zuletzt vor 44 Jahren

Mehr Wolfsburg-Niederlagen am Stück gab’s zuletzt vor 44 Jahren

Andreas Pahlmann
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Niederlagen-Serien: 1977 verlor der VfL mit Trainer Radoslav Momirski (l., mit Dieter Winte) zuletzt mehr als fünf Pflichtspiele nacheinander. 2004 waren es genau fünf Pleiten in Folge, Jürgen Röber war nach der vierten nicht mehr Wolfsburg-Coach.
Niederlagen-Serien: 1977 verlor der VfL mit Trainer Radoslav Momirski (l., mit Dieter Winte) zuletzt mehr als fünf Pflichtspiele nacheinander. 2004 waren es genau fünf Pleiten in Folge, Jürgen Röber war nach der vierten nicht mehr Wolfsburg-Coach. © Imago Images / Boris Baschin / dpa
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Der VfL Wolfsburg will gegen Köln das Abrutschen in den Bundesliga-Abstiegskampf verhindern - und die Einstellung eines Niederlagen-Serien-Rekords. Trainer Kohfeldt: "Das muss jetzt der Moment sein, wo man das Messer zwischen die Zähne nimmt."

Um die Dimension der sportlichen Schieflage bei Fußball-Bundesligist VfL Wolfsburg zu begreifen, hilft ein Blick in die Geschichtsbücher. Und um eine Bilanz wie die aktuelle zu finden, muss man lange blättern. Fünf Pflichtspiel-Niederlagen in Folge hatte es für die Wolfsburger zuletzt im Frühjahr 2004 gegeben, die Gegner waren Leverkusen (2:4), Bremen (0:2), Rostock (1:3), Stuttgart (1:5) und Hertha (0:1). Wenn man mehr als fünf VfL-Pleiten am Stück finden will, muss der Blick sogar gut 44 (!) Jahre zurückgehen - 1977 hießen in der 2. Liga Nord die Gegner unter anderem Göttingen, Solingen und Herford. Dass der VfL also sein Heimspiel am Dienstagabend gegen den 1. FC Köln (20.30 Uhr) erfolgreich gestalten muss, um einen Negativ-Rekord zu verhindern, ist allerdings zweitrangig. Denn in dem Spiel gegen die Domstädter geht es in erster Linie darum, dass nicht kurz vor Weihnachten der Abstiegskampf in Wolfsburg beginnt.

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„Das muss jetzt der Moment sein, wo man das Messer zwischen die Zähne nimmt und sagt: Dagegen wehren wir uns jetzt! In diese Stimmung sollten wir schnellstmöglich kommen. Loslegen, machen - und dagegen angehen", gab sich VfL-Trainer Florian Kohfeldt am Tag vor dem Spiel wieder einmal kämpferisch. Dass erstmals seit Beginn der Wolfsburger Profifußball-Neuzeit eine sechste Niederlage in Folge droht, ist dabei nur ein statistischer Nebenkriegsschauplatz. Es geht darum, die Negativspirale zu stoppen - in Sachen Ergebnis ebenso wie in Sachen Leistung. Gefordert seien, so Kohfeldt "erst der Kopf und dann die Füße".

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Beim 0:2 am Samstag gegen Stuttgart habe die Mannschaft zwar „viel investiert“, aber "das Gefühl, den Platz als Sieger zu verlassen, ist nicht entstanden". Sein Ansatz für das vorletzte Hinrunden-Spiel: "Wir müssen akzeptieren, dass es momentan eine Phase ist, die nicht optimal ist. Und der müssen wir uns stellen - und nicht nur hoffen, dass sie vorbeigeht. Da sind Mut und Konsequenz sehr wichtig - und der richtige Umgang mit Situationen, die nicht so prickelnd sind."

Bei den fünf Niederlagen nacheinander 2004 war es auch "nicht so prickelnd", vor allem nicht für Jürgen Röber, der VfL-Trainer wurde zwischen Pleite Nummer 4 und Pleite Nummer 5 von Erik Gerets abgelöst. Was nun für Kohfeldt den unschönen Nebeneffekt hat, dass er als erster Wolfsburger Bundesliga-Trainer bei fünf verlorenen Pflichtspielen nacheinander auf der Bank saß. Den vermeintlichen Automatismus einer nun folgenden Trainer-Diskussion hatten Manager Jörg Schmadtke und Sportdirektor Marcel Schäfer schon am Wochenende mit klaren Worten gebremst.

Und noch ist es sportlich lange nicht so schlimm wie 1977, als sich der VfL zum zweiten Mal in die damalige 2. Liga Nord verirrt hatte. Manfred Mattes, Ex-VfL-Jugendtrainer und heute noch Mitarbeiter in der VfL-Akademie, war damals Spieler. "Wir waren froh, wenn wir bei VW um 15 Uhr Feierabend machen durften, damit wir zum Training konnten - und spielten dann gegen Mannschaften, die unter Profibedingungen arbeiteten", erinnert er sich. Eine strukturelle Chancenlosigkeit, die vor allem am Saisonende sichtbar wurde, als der VfL gleich zwölf (!) Spiele nacheinander verlor, dabei aber an Trainer Radoslav Momirski festhielt - der Serbe hatte das Amt nach der Hinrunde von Paul Kitzmann übernommen.

Am Ende der Spielzeit 1976/77 musste der VfL wieder runter in die 3. Liga - der bis heute letzte Abstieg einer ersten VfL-Fußballmannschaft. Das galt damals nicht als Katastrophe, weil der Kader schon vor der Saison als kaum konkurrenzfähig galt. 44 Jahre später ist das komplett anders - der VfL hat eine Mannschaft, die in der Vorsaison Vierter wurde, keinen Stammspieler verlor und entsprechende Ansprüche ausgelöst hat. „Wir sollten nicht den Fehler machen und sagen: Das ist die gleiche Mannschaft wie letztes Jahr, das ist alles einfach reproduzierbar“, sagt Kohfeldt. "Denn man muss sich alles neu erarbeiten."


Weil dazu bisher aber kaum Zeit war, gilt nun: Augen zu und irgendwie durch. Erst gegen Köln, dann am Freitag bei den Bayern, dann in die Winterpause, an deren Abschluss Kohfeldt immerhin am 29. Dezember ein paar Tage Trainingsarbeit machen kann. Das, was dann dabei rauskommt, hat gewiss mehr Aussagekraft als Vergleiche mit Niederlagenserien vor 17 oder 44 Jahren.