07. Februar 2022 / 18:55 Uhr

Meinungsbild zum Machtkampf: Was will die Basis von ihrem DFB-Präsidenten?

Meinungsbild zum Machtkampf: Was will die Basis von ihrem DFB-Präsidenten?

David Joram
Märkische Allgemeine Zeitung
Peter Peters (links) und Bernd Neuendorf wollen DFB-Präsident werden.
Peter Peters (links) und Bernd Neuendorf wollen DFB-Präsident werden. © 2020 Handout
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Im SPORTBUZZER-Interview spricht Sportwissenschaftler Harald Lange über den deutschen Fußballmachtkampf, die Rolle der einfachen Mitglieder vor der Wahl des DFB-Präsidenten - und warum man den Kandidaten Peters und Neuendorf danken muss.

Über sieben Millionen Mitglieder gehören dem Deutschen Fußball-Bund an, der am 11. März – wieder mal – einen neuen Präsidenten wählt, die Kandidaten heißen Bernd Neuendorf und Peter Peters. Sportwissenschaftler Harald Lange und sein Team von der Universität Würzburg haben gemeinsam mit Professorin Jana Wiske von der Hochschule Ansbach vorab einen von den Verbänden unabhängigen Fragebogen konzipiert, um die Stimmung unter den Mitgliedern (darunter auch 97 570 aus Brandenburg) auszuloten. Im SPORTBUZZER-Gespräch erklärt Lange, warum ein Meinungsbild so wichtig für den Wahlkampf ist und was gelebte Fußballdemokratie bedeutet.

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SPORTBUZZER: Herr Lange, das Bild des DFB bei Fans und Mitgliedern gilt seit Jahren als verheerend. Warum braucht es da noch einen Fragebogen, was steckt dahinter?

Harald Lange (53): Um herauszufinden, wie die Basis tatsächlich über den DFB denkt, wie sie Fragen der Mitbestimmung oder Identifikation auslegt. Wie interpretiert die Basis das Wahlsystem? Passt ihr das zum Demokratieverständnis? Und nicht zuletzt: Wer ist eigentlich genau diese Basis, die formell aus 7,1 Millionen Mitgliedern besteht und den DFB zum mitgliederstärksten Sportverband der Welt macht. Gesellschaftlich, politisch, auch wirtschaftlich, ist das ein enormer Faktor. Deshalb lohnt es sich zu fragen, wie sie die Spitze des DFB und dessen Politik sehen.

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Sportwissenschaftler Harald Lange.
Sportwissenschaftler Harald Lange. © David Ebener

Interessiert es die Menschen in der Breite überhaupt noch, dass an der Spitze des DFB ein Machtkampf den nächsten jagt?

Vor fünf, sechs Jahren hätte ich gesagt, dass das der Basis egal ist, weil sie sich im Fußball am liebsten mit Fußball beschäftigt. Aber in der Vorbereitung dieser Studie hat sich gezeigt, dass es die Menschen schon interessiert, welche Ethik und Moral im Verband herrschen. Man redet nicht mehr nur über das 1:0 vom Wochenende, sondern über eine Ethikkommission, über gutes Verhalten, über demokratisches Verhalten im DFB. Und die Menschen haben natürlich auch Wünsche für die Zukunft des Fußballs. Gerade aufgrund der vielen verschlissenen Präsidenten hat die Basis dafür ein Gespür entwickelt; dass sie Teil des Ganzen ist. Sie sucht nach Möglichkeiten, ihre Meinung kundzutun in demokratischen Prozessen. Viele Menschen wollen Veränderung, sie wollen einen anderen Fußball. Stichwort Super League, Stichwort WM in Katar, die wir in der Weihnachtszeit schauen müssen. Bei solchen Themen wünscht sich die Basis eine starke, authentische Stimme in der DFB-Außenpolitik, die dafür eintritt, was die Menschen sich von ihr erhoffen.

Ihr Fragebogen richtet sich an die Mitglieder des DFB, allerdings können auch alle nicht in einem Verein organisierten Menschen diesen ausfüllen. Verfälscht das die Ergebnisse möglicherweise?

Es ist sogar sehr wichtig, dass der Fragebogen frei zugänglich ist. Wir fragen explizit ab, wo die Menschen sich sehen: als Spieler, Spielerin, Funktionär, Vereinsvorstand, organisiert/nicht organisiert. Und auch die Gruppe, die formal nicht zu den 7,1 Millionen Mitgliedern zählt, ist für uns hochinteressant, weil wir wissen wollen, ob es da Unterschiede zu den Organisierten gibt. Dadurch wird das Ganze eine wissenschaftliche Studie – und nicht bloß eine Meinungsumfrage.

Ein paar Fragen wirken subjektiv; als wollten Sie in erster Linie herausfinden, wie schlecht der DFB dasteht. Hat der Verband nichts Positives mehr zu bieten?

Wie man die Fragen sieht und interpretiert, hängt natürlich auch davon ab, welches Urteil man persönlich schon für sich gefällt hat über den DFB. Das betrifft selbstverständlich auch uns als Forscher. Deshalb ist es wichtig, dass wir diese Studie als Gruppe geplant haben und durchführen. Jeder mit einem eigenen Zugang und alle mit der Absicht, unsere persönlichen Wertungen vorab, aber auch in der Auswertung der Ergebnisse, kritisch zu prüfen. Nach unserem Dafürhalten sind die Fragen objektiv, in dem Sinne, dass wir Meinung abfragen. Wenn ich ein Beispiel geben darf...


Bitte.

Wenn wir fragen: „Ist der DFB hilfreich im Hinblick auf die Organisation des Fußballs?“ Das ist dann eine offene Frage, die den Kern der Aufgaben des DFB betrifft. Dann können die Menschen dazu ihre Meinung kundtun. Genauso wie zu allen anderen Fragen, die beispielsweise das Image des Verbandes betreffen. Klar ist aber, dass bei der momentanen Stimmungslage rund um den Verband es überraschend wäre, wenn der DFB durchweg positiv wahrgenommen würde. Nichtsdestotrotz ist es wichtig, dass man dazu mal Zahlen nennen kann. Wie genau sieht das aus? Auf der Grundlage von Forschungsergebnissen können wir dann eine sachliche Debatte führen. Jenseits der angesprochenen Subjektivität.

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Die WM in Katar steht massiv in der Kritik. Raten Sie den Menschen an der Basis zum Boykott?

Das ist eine sportpolitische Frage mit enormer gesellschaftlicher Relevanz, mit der viele Fans ringen werden. Um zukünftig solche internationalen oder auch nationalen Entscheidungen im Fußball zu vermeiden, müssen wir unsere Meinung kundtun. Und natürlich geht das auch durch Konsumverhalten – indem der Fernseher an Weihnachten ausbleibt oder wir bei den Sponsoren der WM nicht mehr einkaufen.

Welche Möglichkeiten gibt es noch?

Wenn Wahlen anstehen, wie jetzt, kann man abklopfen, für welche Positionen die Kandidaten stehen. Wir können die Entscheider in den Vereinen, in den Fußballkreisen, bei den Landesverbänden darauf hinweisen, dass sie solche Fragen den Delegierten mit auf den Weg geben, damit die dann die Kandidaten unter die Lupe nehmen. Wofür stehen Rainer Koch und Bernd Neuendorf auf der einen Seite? Wofür das Team Peter Peters auf der anderen? In der Geschichte des DFB ist diese Kampfabstimmung ums Präsidentenamt eine einzigartige Situation – die sollten die fußballbegeisterten Menschen nutzen. Sagt euren Kreis- und Landesvorsitzenden, dass sie diese Fragen stellen sollen! Katar! Kommerzialisierung des Fußballs! Diversität in Führungsgremien! Vergütungsausschuss, DFB-Ethikkommission, Fanrechte, Hilfen für den Amateurfußball. Jetzt könnte man aufgrund der Konkurrenzsituation Antworten kriegen.

Klar ist, dass die Basis keine direkte Stimme hat, das Wahlsystem ist für Laien undurchsichtig. Plädieren Sie für eine direkte Demokratie, in der dann 7,1 Millionen Mitglieder ihren Präsidenten ohne Umwege bestimmen könnten?

Das sind klassische strukturelle Fragen, die in jeder Organisation, die den Anspruch erhebt, demokratisch sein zu wollen, relevant sind. Das wollen wir auch durch unseren Fragebogen herausfinden. Das Schöne ist: Zwar hat niemand der 7,1 Millionen eine Stimme auf dem DFB-Bundestag, aber alle haben das Recht, ihre Meinung frei zu äußern. Das ist in unserer Demokratie total wichtig – und das muss auch im Fußball wichtig sein. Wer sich für den Fußball interessiert, sollte zum Meinungsbild beitragen. Egal, ob man Dinge nun verändern will oder nicht.

Aus Ihrer Sicht: Unterscheiden sich die beiden Kandidaten Peters und Neuendorf programmatisch essenziell – oder geht es doch wieder nur um Macht?

Es ist das große Verdienst von Peters und Neuendorf, dass beide bereit sind, sich so einer Kampfabstimmung zu stellen. Und zu Beginn des Wahlkampfes hat Peters angekündigt, sein Programm öffentlich zu machen, die Landesverbände kennen seine Pläne. Neuendorf hat damit zunächst gezögert, öffnet sich jetzt aber zusehends. Verglichen mit dem, was wir aus der richtigen Politik kennen, ist das alles überschaubar. Aber immerhin: Beide nehmen sich in die Pflicht und haben erkannt, dass sie über Themen und Inhalte sprechen müssen statt über Posten und Vergütungen. Dafür muss man beiden dankbar sein.

Wahl des DFB-Präsidenten: 262 Stimmen zu vergeben

Im Kampf um die DFB-Präsidentschaft buhlen Bernd Neuendorf (61) und Peter Peters (59) auf dem DFB-Bundestag am 11. März um die Mehrheit der Stimmen von 262 Wahlberechtigten. Jede/r Delegierte hat eine Stimme. Dem Bundestag gehören an: DFB-Vorstand (47 Stimmen), DFB-Ehrenpräsident (1), Deutsche Fußball-Liga (74), Regionalverbände (10), Landesverbände (130).  Zu den Landesverbänden zählt beispielsweise der Nordostdeutsche Fußball-Verband (20), dem wiederum der Fußball-Landesverband Brandenburg (FLB/3) angehört.