31. Dezember 2017 / 12:50 Uhr

Meisterspieler Rolf Gehrcke macht sich Sorgen um Hannover 96

Meisterspieler Rolf Gehrcke macht sich Sorgen um Hannover 96

Jonas Freier
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Rolf Gehrcke wurde 1954 mit Hannover 96 Deutscher Meister.
Rolf Gehrcke wurde 1954 mit Hannover 96 Deutscher Meister. © Petrow
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Rolf Gehrcke war der jüngste Spieler in der Mannschaft von Hannover 96, die 1954 Deutscher Meister wurde. Wir blicken mit ihm zurück auf eines der größten 96-Spiele.

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Ein Dezember-Nachmittag in Hannovers Süden, Stadtteil Bult. Rolf Gehrcke steht in der Tür seines Hauses und bittet ins Wohnzimmer. Auf dem Tisch liegt ein großer Stapel an Fotoalben. Gehrckes Frau Ursel serviert Kaffee und Kekse. Der frühere Meisterspieler von Hannover 96 macht es sich im Sessel gemütlich. Im November ist Gehrcke 85 Jahre alt geworden, der Rücken zwickt ein bisschen – aber bei wem nicht? Aber er fühlt sich fit. Und in seinen Augen blitzt noch immer dieses Feuer für den Fußball. „So“, eröffnet Gehrcke das Gespräch, „was wollen Sie wissen?“ Alles natürlich, aber der Reihe nach. Und vor allem: War früher alles besser?

Ein Vergleich zwischen dem Fußball von damals und heute sei kaum möglich, sagt Gehrcke. Erstens: „Ich will nicht vom Geld reden, jeder von uns Ehemaligen sagt: Die Gehälter sind zu hoch, das ist Wahnsinn.“ Und zweitens: „Wir haben damals ein ganz anderes System gespielt, das sogenannte WM-System. Es gab auch keine Auswechselungen. Damals ging einer, der verletzt war, auf Linksaußen – und dann stand er da.“

​Gehrcke schaltete Fritz Walter aus

Aber zurück zur Systemfrage: „Heute“, meint Gehrcke, „steigt ja kaum noch einer durch.“ Damals wurde strikt nach WM-System gespielt. „Kommen Sie mal her, junger Mann“, sagt Gehrcke. Er nimmt Zettel und Kugelschreiber, malt ein großes W und ein großes M – und erklärt. So schlug 96 den 1. FC Kaiserslautern am 23. Mai 1954 sensationell mit 5:1 und wurde deutscher Meister.

Gehrcke war der jüngste Meisterspieler mit 21 Jahren und „eine Ausnahme, weil ich links und rechts spielen konnte. Sonst waren die Spieler auf ihre Position festgelegt. Ich konnte im magischen Viereck alles spielen, das war meine Stärke.“ Gehrcke war so stark, dass er im Endspiel den großen Fritz Walter ausschaltete. Der 1. FC Kaiserslautern war das Bayern München des Jahres 1954.

Der frühere 96-Spieler Rolf Gehrke blickt auf die Meisterschaft 1954 zurück.

Eine mehr als 63 Jahre alte Schlagzeile: So titelte Hannovers Presse 1954 nach dem Finale um die deutsche Meisterschaft Zur Galerie
Eine mehr als 63 Jahre alte Schlagzeile: So titelte Hannovers Presse 1954 nach dem Finale um die deutsche Meisterschaft ©
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Fünf Nationalspieler gehörten zum Pfälzer Team. Diese Spieler sollten wenige Wochen später den Kern der Mannschaft bilden, die Deutschland in Bern zum ersten Mal zum Fußball-Weltmeister machen würde. Aber das konnte damals natürlich noch niemand ahnen. 96 war gegen Kaiserslautern der große Außenseiter. „Deshalb ist das Spiel auch nach Hamburg vergeben worden, weil man annahm, wir hätten eh keine Chance. Und das war dann unser Vorteil, weil 20 000 Leute von Hannover nach Hamburg fuhren“, erzählt Gehrcke. Jeder Spieler bekam eine Siegprämie von 1000 Mark.

Trainer Fiffi Kronsbein bekam einen VW und noch mehr: Er hatte sich in seinem Vertrag je 5000 Mark Prämie für die norddeutsche und die deutsche Meisterschaft festschreiben lassen.

Zur Legende des Endspiels gehört auch die Ge­schichte, dass Gehrcke nach dem Triumph ins Krankenhaus musste („der Wenzel hatte mir sein Knie in die Magengrube gerammt“) und sich auf eigenes Risiko selbst entließ, um den Empfang in Hannover nicht zu verpassen. Gehrcke erzählt: „Jahre später wurde meine Lunge noch mal untersucht, da sahen sie bei mir einen schwarzen Punkt. Mir ist im Brustbereich ein Knorpel abgebrochen – und der wandert heute immer noch hin und her. Wenn ich mich auf den Bauch lege, dann merke ich den.“

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Dieser Empfang für die 54er-Meister in Hannover „war überwältigend“, sagt Gehrcke. Der Ernst-August-Platz war voller Menschen, mehr als 200 000 Männer, Frauen und Jugendliche wa­ren im Hannover der Nachkriegszeit auf den Beinen und wollten die Helden der Stadt sehen.

Als es darum ging, nach der Weltmeisterschaft 1954 eine neue Nationalmannschaft aufzubauen, war Gehrcke von Bundestrainer Sepp Herberger zu Lehrgängen eingeladen. Mittwoch zum Training, das hieß Dienstag Anreise und Donnerstag Abreise: „Zu der Zeit war ich im Architektur-Studium. Da fielen mir immer drei Tage aus, nach Frankfurt war ja eine kleine Weltreise. Keine Autobahn, nur mit dem Zug oder mit dem Auto auf der B 3. Da habe ich Herberger eines schönen Tages gesagt: Ich will mein Studium fertig machen. So habe ich meine Karriere in der Nationalmannschaft ge­opfert.“

Fünf Jahre später, als Vertreter von Bayern München und dem Hamburger SV bei ihm saßen, weil sie einen Außenläufer suchten, entschied sich Gehrcke für 96 und beendete dann 1960 überraschend seine Fußballlaufbahn.

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Jiri Stajner, Szabolcs Huszti und Vinicius - nur drei bekannte Ex-Spieler von Hannover 96. Der SPORTBUZZER blickt auf weitere frühere 96-Legenden und zeigt, was sie heute machen.  ©

Es war der Anfang einer erfolgreichen Architekturkarriere. „Es gibt heute fast kein Clubhaus in der Region, das ich nicht geplant habe“, sagt Gehrcke stolz. Auch beim 96-Clubheim an der Clausewitzstraße war er beteiligt, zunächst als Sieger eines Architektenwettbewerbs für das Projekt, später als Bauleiter. Gehrcke blieb 96 treu, auch als Mitglied im Verwaltungsrat und Ehrenrat. Seit 71 Jahren ist er 96er – das dienstälteste Mitglied. Noch immer geht Gehrcke zu jedem Heimspiel, „wenn ich nicht im Urlaub bin“. Der Meisterspieler von 1954 sieht Parallelen zu früher. „Wir haben gewonnen, weil wir – wie 96 heute – eine Mannschaft waren. Jeder geht für den anderen durchs Feuer. Die Kameradschaft, die Freundschaft untereinander – das war unsere Stärke. Das konnte Berge versetzen“, sagt er.

Wie war das denn so mit der Kameradschaft? Nach den Spielen traf sich die Mannschaft „oben im Clubhaus zum Mannschaftsessen, unten waren immer die Fans, etwa 20. Dann kamen wir runter, die Frauen und Freundinnen waren da. Wir haben Bier getrunken und gesungen. Um zehn war spätestens Feierabend.“ Trainiert wurde zweimal die Woche, dienstags und donnerstags. Trainer Fiffi Kronsbein „verstand es, die Kameradschaft zu fördern. Wir waren auch eine gute Gesangsgruppe. Werner Müller war ein guter Sänger – und Hannes Tkotz hatte eine Ziehharmonika. Wir haben dann solche Lieder wie ,Fiffi, Fiffi, noch einmal, es war so wunderschön’ gesungen.“

Aber Fiffi war auch ein Schleifer. „Alte Radrennbahn, die Kurven waren aus Stahlbeton, die mussten wir rauf und runter. Was der Magath in Wolfsburg machte, das haben wir damals schon gemacht. Wenn man da hinfiel, dann war die Tapete ab. Wir hatten auch immer Kopfballtraining. Jeder musste bei jedem Training ans Kopfballpendel, Sprungkraft üben.“

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Oder Training in der Sandgrube. Fiffi ließ seine Spieler wie verrückt nach dem Ball springen – mal nach rechts, mal nach links. „Heinz Bothe ist einmal in der Grube zusammengebrochen. Der war so fertig, der hat gesagt: Ich kann nicht mehr.“ Dienstags war auch Sauna-Tag. „Ich durfte ganz unten sitzen, weil ich nichts auf den Rippen hatte, die Schwergewichte ließ Fiffi nicht raus. Er hat es auch da übertrieben.“

Aber seine Spieler waren fit. Kreuzband- oder Meniskusrisse, Adduktorenverletzungen – so was gab es nicht“, sagt Gehrcke, „wenn ich das Schuhwerk heute sehe, das sind Welten zu damals. Unsere gingen über die Knöchel, hatten vorne eine feste Lederkappe drauf. Das waren Stiefel. Und heute sind das ja eher Tanzschuhe. Wir haben immer unsere Füße immer mit einer Plastikbinde kreuzweise stabilisiert. Wie ein Boxer seine Hände unter den Handschuhen.“

Rolf Gehrcke macht sich aktuell Sorgen um seinen Club, aber nicht um die Bundesliga-Mannschaft. „Martin Kind hat 96 damals aus dem Dreck gezogen. Für mich ist er der Retter des Vereins“, sagt Gehrcke, der Kinds Vorgänger Utz Claassen 1997 zu 96 lotste: „Den meisten Kritikern geht es doch nicht um 96, sie sollen doch mal konkret sagen, wie sie sich die Zukunft vorstellen, statt immer alles negativ zu sehen. Doch da kommt nichts.“ Und dann fragt er: „Wüssten Sie einen, der für Kind kommen könnte, der will das ja nicht ewig machen. Ich sehe immer das Schild ,Kind muss weg’ – aber wer geht dann da hin?“

Gehrcke befürchtet: „Wenn Martin Kind aufhört, geht unser schöner Verein den Bach runter.“

Im Mai 1992 schaffte Hannover 96 Einmaliges: Als Zweitligist gewannen die Niedersachsen das Pokalfinale in Berlin gegen den hohen Favoriten Borussia Mönchengladbach. Hier die besten Fotos:

23. Mai 1992: Die Anzeigentafel im Berliner Olympiastadion bringt es Weiß auf Blau: Hannover 96 ist Pokalsieger. Vorausgegangen war ein spannendes Finale gegen Borussia Mönchengladbach - in dem ein 96-Spieler zum Helden wurde. Zur Galerie
23. Mai 1992: Die Anzeigentafel im Berliner Olympiastadion bringt es Weiß auf Blau: Hannover 96 ist Pokalsieger. Vorausgegangen war ein spannendes Finale gegen Borussia Mönchengladbach - in dem ein 96-Spieler zum Helden wurde. ©

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