22. März 2020 / 19:51 Uhr

Mentalcoach Robin Udegbe: „Sicherheit würde den Sportlern helfen"

Mentalcoach Robin Udegbe: „Sicherheit würde den Sportlern helfen"

Niklas Kunkel
Ostsee-Zeitung
Robin Udegbe gehört zum Torhüterteam von Drittligist KFC Uerdingen.
Robin Udegbe gehört zum Torhüterteam von Drittligist KFC Uerdingen. © imago images / Revierfoto
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Lange Pause, Quarantäne und Unsicherheit – eine mentale Belastung für Sportler. Robin Udegbe, Mentalcoach und Torhüter des Drittligisten KFC Uerdingen spricht im Interview über die Folgen der Zwangspause und was er Spielern rät. 

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Robin Udegbe kennt den Druck als Profisportler. Der gebürtige Kieler stand bei VVV Venlo in der niederländischen 1. Liga und in knapp 200 Spiele in der Regionalliga zwischen den Pfosten. Der Torhüter wechselte schon in der Jugend von Holstein Kiel zu Fortuna Düsseldorf. Neben seiner Karriere studierte der 29-jährige Psychologie an der Fachhochschule Rhein-Waal in Kamp-Lintfort.

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Heute steht Udegbe neben seiner aktiven Karriere als Mentalcoach an der Seite von anderen Profis und Vereinen - berät sie bei den Herausforderungen im Sportalltag. Im Interview spricht der Spieler des KFC Uerdingen über die mentalen Folgen der Spielaussetzung von der Bundesliga bis auf Kreisebene und was er Vollprofis und Amateuren empfiehlt, um mit der Situation umzugehen.

Herr Udegbe, gibt es derzeit eine erhöhte Nachfrage nach Ihrer Beratung als Mentalcoach?
Vermehrt würde ich nicht behaupten, jedoch verlagern sich die Themen derzeit etwas. Weg von konkreten sportlichen Dingen, hin zu existenziellen Fragen wie der eigenen Sicherheit oder der Sicherheit der Familie. Zudem kommen natürlich auch Zukunftsängste. Derzeit bearbeiten wir solche Themen im Online Coaching, da ein face-to-face Coaching leider nicht möglich ist.

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Durch das Coronavirus gibt es zurzeit einen Ausnahmezustand mit dem Ausfall von Wettkampf und Trainingsbetrieb. Was bedeutet das für einen Fußballer, oder auch andere Profisportler, die von der Situation betroffen sind?
Für die meisten Fußballer und Sportler bedeutet es, dass sie ihrer Passion und ihrem Beruf derzeit nicht nachgehen können. Das schränkt natürlich alle Menschen ein Stück weit ein. Zudem definieren sich viele Fußballer auch über ihren Beruf und ihre persönlichen Werte zielen darauf ab. Können wir diese Werte nicht leben, dann kann es zur einer Identitätskrise kommen, der man im Gespräch zuvorkommen muss. Viele Sportler stehen wie gesagt vor existenziellen Ängsten und diese gilt es von Emotionalität in Rationalität umzuwandeln.

Was empfehlen Sie, wie Leistungssportler mit der Situation umgehen sollten. Und wie setzen Sie das auch selber um?
Wir müssen als Spieler schauen, dass wir besonders jetzt rational handeln und eher den Kopf als den Bauch entscheiden lassen. In jeder Krise gibt es auch Chancen und diese muss man als Spieler für sich erkennen und nutzen. Auf diese Art behalten wir unsere positive Grundeinstellung bei, die zwangsläufig notwendig ist, um diese Situation möglichst unbeschadet zu überstehen. Ich selbst kann an der derzeitigen Situation nur wenig im Rahmen meiner Möglichkeiten ändern, aber was ich tun kann ist, mich bestmöglich aufzustellen, wenn der Alltag wieder eintrifft. Heißt körperlich und mental voll auf der Höhe zu sein. Als Sportler sollte man die Zeit nutzen, um die bisherige Saison einmal Revue passieren zu lassen und Retrospektive zu betreiben. Bedeutet: Sich zu fragen was in dieser Saison besonders gut lief und was bisher eher weniger. Dieses Reflektieren führt dazu, dass wir genau erkennen, was wir in Zukunft anders machen müssen um unsere Ziele zu erreichen. Für solche Gedankengänge bleibt den Spieler nur selten Zeit, sodass man diese jetzt für sich nutzen sollte.

Was sind die Unterschiede zwischen Profis und Amateuren in solch einer Situation?
Ich denke die Gedankengänge sind sowohl bei Profis als auch Amateuren gleich. Beide wollen einfach wieder Fußball spielen aber selbstverständlich nicht auf Kosten der Gesundheit. Die persönlichen existenziellen Ängste dürften bei Spielern der 1.Bundesliga aber möglicherweise etwas geringer ausfallen. Unabhängig dessen sehnen sich natürlich alle der schönsten Nebensache der Welt wieder nachgehen zu können.

Geisterspiele sind für viele Fans keine Option, die Deutsche Fußball Liga (DFL) sieht darin aber die einzige Chance, die kleineren Vereine am Leben zu erhalten. Waren Sie schon einmal in der Situation vor leeren Rängen zu spielen und was bedeutet das für einen Spieler, der sonst vor mehreren tausend Fans aufläuft?
Ich selbst war bisher nicht in der Situation und hoffe, dass sich die Situation alsbald auflöst, sodass wir keine Geisterspiele bestreiten müssen. Der Fußball ist ein extrem emotionsgeleiteter Sport und lebt, wie kein anderer, von der Wechselwirkung von Spielern und Fans. Sollte dies wegbrechen, dann würde dem Fußball einiges verloren gehen. Als Sportler ist ein Spiel ohne Fans sicherlich darstellbar, wenn auch nur halb so schön. Leere Stadien haben für Spieler häufig etwas beängstigendes, weil es einfach nicht der Norm entspricht. Letztendlich geht es in erster Linie um die Gesundheit aller Menschen und wenn die vorsieht vor leeren Rängen spielen zu müssen, dann ist das sicherlich auch eine Option.

Der Spielbetrieb wird momentan immer weiter nach hinten verschoben. Ob und wie die Saison beendet werden kann, weiß keiner. Würde Klarheit für mehr Sicherheit bei den Spielern sorgen?
Definitiv. Jeder Mensch unabhängig von seinem Job strebt nach Sicherheit und routinierten Abläufen. Wenn wir die haben, dann fühlen wir uns deutlich wohler. Eine solche Ausnahmesituation wie derzeit ist jedoch ein Novum und bedeutet für jeden einzelnen sein Ego möglicherweise etwas hinten anzustellen. Es geht darum Rationalität gegenüber Emotionalität walten zu lassen. Doch auch diese Zeit werden wir als Menschen überstehen und hoffentlich mit der einen oder anderen Erkenntnis, was wir in der Vergangenheit hätten anders machen sollen, um nicht wieder in diese missliche Lage zu kommen. Aber klar, Klarheit würde unser Grundbedürfnis nach Sicherheit stillen.

Sie sind selber Profifußballer und haben in ihrer Karriere bei verschiedenen Teams im Tor gestanden. Wie kam es zu der Entscheidung als Mentalcoach andere Sportler zu betreuen?
Im Zuge meines Studiums wurde mir schnell klar, dass ich Beruf und Hobby miteinander verbinden möchte. Zudem habe ich mich immer wieder mit den mentalen Gepflogenheiten meiner Mitspieler und mir selbst auseinandergesetzt. Wie kann es beispielsweise sein, dass manche Spieler extreme Leistungsschwankungen innerhalb einer Saison haben. Oder wie gehen die einzelnen Spieler mit Druck und Versagensängsten um. Viele der sportpsychologischen Themen haben mich als junger Spieler beschäftigt, jedoch gab es in Deutschland noch kein großes Bewusstsein für die Thematik. Das ändert sich so langsam und dazu möchte ich meinen Teil beitragen. Auf diese Weise sind meine Erfahrungen bei verschiedenen Clubs die beste Ausbildung gewesen, die ich haben konnte. Natürlichen neben meinem akademischen Werdegang.

Was für Sportler kommen zu Ihnen und wie können Sie denen Helfen?
Ich habe im Sommer meine eigene sportpsychologische Betreuung gegründet und die Resonanz dazu ist riesig. Mittlerweile betreue ich verschiedene Spieler von der 1. Bundesliga bis hin zur Regionalliga. Zudem noch Spieler der U 19 Bundesliga. Das zeigt mir wiedermal, dass in diesem Bereich ein unglaublicher Bedarf besteht, welchen die Vereine nur in den seltensten Fällen abdecken. Die Spieler haben für sich begriffen, dass Erfolg im Kopf beginnt. Gemeinsam erarbeiten wir zum Beispiel Konzepte und Strategien im Umgang mit Situationen. Zudem analysieren wir limitierende Glaubenssätze, die unser Denken einschränken. Weiter betreiben wir viel Persönlichkeitsentwicklung, welche sich schließlich in den Mindsets der Spieler auf und neben dem Platz widerspiegelt. Die Bandbreite ist riesig.